Die Chemikerin war die Bescheidenheit in Person. Nach ihrer Beförderung zur Abteilungsleiterin wurde ihr ein Einzelbüro angeboten, doch sie meinte: »Ich muss die Chefin nicht raushängen lassen, bisher hat das auch gut geklappt.« Und blieb im Großraumbüro bei ihren Mitarbeitern sitzen. Als Dienstwagen wählte sie das kleinste Modell. Bei Bahnreisen fuhr sie immer zweiter Klasse, obwohl sie erster hätte fahren dürfen. Und statt einen Parkplatz direkt vor dem Firmengebäude zu beanspruchen wie die anderen Abteilungsleiter, stellte sie ihr Auto nach wie vor auf der allgemeinen Parkfläche ab.

Zwei Probleme trieben sie ein halbes Jahr später in die Beratung: »Meine Abteilungsleiter-Kollegen setzen immer wieder Meetings an, ohne mich zu informieren. Und immer mehr Mitarbeiter halten sich nicht an die Arbeitszeiten, trotz meiner Forderung.« Klarer Fall: Sie war zur Chefin ernannt worden, aber nie in der Chefrolle angekommen. Sie hatte – frei nach dem französischen Schriftsteller André Malraux – nur mit der Macht geflirtet, sie aber nicht durch eine Heirat angenommen.

Da sie nach wie vor auf ihrem alten Stuhl saß, statt im Chefbüro, nach wie vor auf dem alten Parkplatz stand, statt auf dem Chefparkplatz, und nach wie vor in der Holzklasse reiste, statt in der Chefklasse, wurde sie auch nach wie vor als einfache Mitarbeiterin wahrgenommen, von den Abteilungsleiter-Kollegen genauso wie von ihren Mitarbeitern. Und wie sah sie sich eigentlich selbst? Warum hatte sie sämtliche Chefprivilegien in den Wind geschlagen? War es ihr unangenehm, den (Ex-)Kollegen übergeordnet zu sein? Wie wollte sie nach außen eine Rolle leben, die sie offenbar nicht verinnerlicht hatte?

Vor allem zeigte die Chemikerin, dass sie die Spielregeln in ihrem Pharmakonzern nicht begriffen hatte – etwa die Tatsache, dass aus der Größe des Büros, aus den PS des Dienstwagens und aus der Nähe des Parkplatzes zum Firmengebäude auf die Wichtigkeit einer Führungskraft geschlossen wurde. Solche Spielregeln darf man töricht finden, sehr töricht sogar! Dennoch gelten sie wie die Regeln beim Schach. Die kann man zwar ignorieren – aber dann verliert man das Spiel.

Kleiner Trost: Wer sich bis ganz an die Spitze einer Firma arbeitet, kann neue, vernünftigere Regeln etablieren. Das würde ich gerade Frauen wie dieser Chemikerin zutrauen. Aber mit Bescheidenheit kommt man oben niemals an. Schade eigentlich.