Schweizer DesignDie Eleganz des Homo Faber

Nein, die Schweiz hat nicht bessere Künstler als andere. Doch warum hat sie so viele exzellente Designer und Architekten?

Das Nationalstadion in Peking, entworfen von Herzog & de Meuron

Das Nationalstadion in Peking, entworfen von Herzog & de Meuron

Vielleicht hatte Orson Welles ja doch recht. Wir alle kennen sein Zitat aus dem Dritten Mann: »Italien«, sagte der Filmgigant im legendären Nachkriegswerk, »erlitt in den 30 Jahren Herrschaft der Borgias Krieg, Terror, Mord und Blutvergießen – und brachte dabei Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance hervor. Die Schweiz hatte Brüderlichkeit und fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden, und was hat sie dabei geschaffen? Die Kuckucksuhr!«

Zwar haperte es mit der Brüderlichkeit und der Demokratie in jenen fünfhundert Jahren öfter, und die Kuckucksuhr wurde, wie jeder gern korrigiert, im Schwarzwald erfunden. Aber die Michelangelos sind tatsächlich rar geblieben in der Schweiz – und vor allem erfasste Orson Welles, ganz nebenbei, ein charakteristisches Detail: Helvetische Kreativleistungen, wo vorhanden, lassen sich mit Vorliebe praktisch verwenden, ökonomisch verwerten oder touristisch vermarkten. So wie die Kuckucksuhr.

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L’art pour l’art jedoch ist ein Fremdwort hier, und auch in der reinen Unterhaltung wirken die Beiträge dieses Landes öfters mal ungeschickt. Man nenne einen Schweizer Musiker von Weltrang, einen Schweizer Schriftsteller von umfassender Ausstrahlung, ein Schweizer Gemälde, das rund um den Globus in den Köpfen sitzt, eine Schweizer Kunstschule, die außerhalb der Fachwelt notiert wurde. Umso wichtiger erscheint die kleine Republik, wenn es um bodenständigere Produkte der Kreativität geht, um Architektur, Grafikdesign, Produktdesign, Fotografie. Hier können wenige Länder dieses Formats mit einer ausgewachsenen Szene aufwarten, einer Szene, die über einen langen Zeitraum international beachtet, bewundert und kopiert wurde. Und hier verdankt die Welt der Schweiz tatsächlich ihre Ikonen: Das Olympiastadion in Peking, der Parc de La Villette in Paris oder das Museum of Modern Art in San Francisco. Der Che Guevara von René Burri, The Americans von Robert Frank, der Flötenjunge von Werner Bischof. Die Liege von Le Corbusier oder die Uhr von Max Bill. Die global prägenden Schriften mit Namen wie Frutiger, Helvetica oder Univers. Und nicht zu vergessen all die Alltagsprodukte, die inzwischen ihren Platz haben in der Designsammlung des Museum of Modern Art: USM-Haller-Möbel, Freitag-Taschen, die erste Swatch, das Offiziersmesser.

Die Schweiz spielt also eine Rolle in der Gestaltung unserer Welt, nur ist diese Rolle unauffälliger, weniger flamboyant: Haute Couture wird in Paris oder Mailand entworfen und gefeiert, aber viele Stoffe und Muster dazu kommen aus der Ostschweiz – bis zu einem Drittel. International berühmt ist vielleicht die französische, italienische oder chinesische Küche – aber die Chefs in den besten Hotels und Restaurants der Erde wurden verblüffend oft in der Schweiz ausgebildet. Und mit Konstruktionen wie der Charles River Bridge in Boston oder der Sunnibergbrücke in Klosters zeigt der Churer Ingenieur Christian Menn, wie cool der Übergang von A nach B sein kann.

Warum das so ist? Vielleicht, weil eine solide handwerkliche und technische Grundausbildung in der Schweiz jedem gewährt wird, der sie anstrebt. Vielleicht auch, weil sich hier jene Lebenshaltung niederschlägt, die stets nach Sinn, Zweck und Nutzen einer Tätigkeit verlangt; Stanislaus von Moos, der bekannte Kunsthistoriker, hat im Zusammenhang mit dem Möbeldesign mal von der »puritanischen Erbmasse des Landes« gesprochen. Dass »der Schweizer« doch eher ein Homo Faber ist (um einen seiner berühmtesten Romantitel zu zitieren), dass ihm häufiger eine kontrollierte Seele als vogelfreie Einbildungskraft innewohnt – dies ist nicht nur Klischee, es ist auch Selbstbild. Und der Floskel, dass wahre Kunst dem Leid entstammt, ließe sich eine andere Binsenwahrheit gegenüberstellen: Starkes Alltagsdesign benötigt einen gewissen Wohlstand.

Und ein gewisser Reichtum erlaubt es, auch formale Details zu kultivieren. »Ich wuchs in der Schweiz auf und war dabei von einer Ästhetik umgeben, die in anderen Ländern kaum so dicht zu finden ist«, sagt Tina Roth Eisenberg. »So etwas hat einen stetigen Einfluss.« Ursprünglich aus dem Appenzell, betreibt die Gestalterin nun in New York einen der einflussreichsten Design-Blogs der Welt: swiss-miss.com mit einer Million Lesern pro Monat. »Bis heute habe ich das Gefühl, dass ich die Geschichte des Swiss Design in mir herumtrage«, sagt Roth Eisenberg, »und dass ich sie zwangsläufig weiterführe.« Zugleich sei ihre helvetische Herkunft zentral gewesen, als sie vor über zehn Jahren in der Gestalterszene Amerikas zu landen versuchte: »Das Ansehen des Swiss Design ist extrem hoch hier. Ich bin überzeugt, dass ich manchmal bloß dank meinem Schweizer Pass zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde.« Wobei sich die Designfirmen von der Appenzellerin auch jene Stärken erhofften, die im Resultat ebenso spürbar werden wie im Arbeitsprozess: Organisation, Sachlichkeit, Flexibilität, high quality.

Leserkommentare
    • hairy
    • 26.06.2012 um 20:30 Uhr

    Mit Verlaub, aber dann mal auch die deutschen Designer und Architekten betrachten. Oder die niederländischen. Oder die italienischen. Usw.

    2 Leserempfehlungen
  1. Weder die Schweiz, noch irgendein von Menschen fuer viel Geld und - natuerlich - mit Fantasie erzeugtes Kunstwerk hat etwas erschaffen koennen, das der Natur den Rang ablaufen konnte. Die Schoenheit der von Schweizer Kuenstlern erschaffenen Kunstwerke ist denen anderer grosser Meister ebenbuertig. Der grosse Wohlstand des Landes sowie der Sachverstand seiner Ingenieure und Kuenstler ist schon beeindruckend. Die Anzeige der Mondphase auf der Kuckucksuhr, der Ganzjahreskalender, das eingebaute Barometer, sogar die Anzeige der weltweiten Zeitverschiebung anderer Staedte, Diamanten, Sapphire, Rubine, Gold, sogar Platin und das alles erinnert sogar noch an einen Gartenzwerg. Der Humor der Schweizer ist unschlagbar, den bekommen Sie sogar ohne etwas dafuer bezahlen zu muessen. Nein, so eine praezise Maschine wie den Kuckuck haben die in China noch nicht duplizieren koennen, aber vielleicht haben wir naechste Ostern ja chinesische Faberge'ostereier. Vermutlich wird uns die Erinnerung an die unvergaengliche Schoenheit des Nestes in Peking viele Jahre im Gedaechtnis haften bleiben. Gerne wuerde man sich in das Thema tiefer einarbeiten koennen. Wenn nur die Eintrittskarten in diese Bauwerke nicht so teuer waeren. Da bleibe ich lieber bei einem Strauss Blumen. Jedes Jahr wieder, und das kostenlos. Viel Freude noch.

    • hiki
    • 26.06.2012 um 22:12 Uhr

    muss erst mal sagen: Ja, Bahnhöfe, Haltestellen, Gehwege, Straßen, alles dergleichen ist in der Regel unheimlich modern, sauber und in einem gedeckten Stil klar durchdesinged. Was die ansprechende, moderne, "große" Architektur angeht, hält es sich leider oft dann doch eher wie bei den Deutschen mit dem Transrapid (zuhause Fehlanzeige)

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    Als Deutscher in der Schweiz ist mir vor allem aufgefallen, daß typischerweise das, was einmal gebaut wurde, anschließend auch instandgehalten wird.
    Fast überall sonst auf der Welt wird gebaut und dann dem Verfall preisgegeben.
    Vielleicht führt die von vornherein gegebene Absicht, etwas zu erhalten, zu anderen Erwartungen an die Qualität.

    Als Deutscher in der Schweiz ist mir vor allem aufgefallen, daß typischerweise das, was einmal gebaut wurde, anschließend auch instandgehalten wird.
    Fast überall sonst auf der Welt wird gebaut und dann dem Verfall preisgegeben.
    Vielleicht führt die von vornherein gegebene Absicht, etwas zu erhalten, zu anderen Erwartungen an die Qualität.

  2. Arg konstruierte These des Artikels: Musik: Yello, Literatur: Dürrenmatt, Bildende Kunst: Alberto Giacometti. Kunstschule: Züricher Dadaismus. Um nur je ein Beispiel zu nennen und diese alleine aus der deutschsprachigen Schweiz und dem 20. Jahrhundert.
    Nicht Design statt Kunst, sondern Design und Kunst macht die Schweiz aus.

    Eine Leserempfehlung
    • chribo
    • 26.06.2012 um 23:25 Uhr

    Die Reformation Zürcher Prägung dürfte eine wichtige Wurzel des Schweizer Designs sein. Nach der Reformation wurden nicht nur die Heiligen und ihre Darstellungen verboten, auch Schmuck und andere Zierart war verpönt. Dem wohlhabend Bürgertum blieb nichts anderes übrig, als sich durch möglichst gut gestaltete Gebrauchsgegenstände von der Masse abzuheben. Auf Grund der Einschränkungen bei der Darstellung von Menschen (vor allem von Heiligen und 'heidnischen' Göttern) gelang dies am Besten durch die Wahl einer guten Form.

    Auf der anderen Seite förderte das reformierte Arbeitsethos sowohl die Skepsis gegenüber Kunst ohne Gebrauchswert als auch das Ansehen des soliden Handwerks.

    Eine Leserempfehlung
    • em-y
    • 27.06.2012 um 4:32 Uhr

    Seit etwa 150 Jahren wird Fotografie als Kunstdisziplin anerkannt, aber diese Entwicklung wurde von der ZEIT allem Anschein nach nicht wahrgenommen. Das wuerde wohl solche Patzer erklaeren, wie dass man Robert Franks 'The Americans' als 'nicht Kunst' klassifiziert.

  3. Als Deutscher in der Schweiz ist mir vor allem aufgefallen, daß typischerweise das, was einmal gebaut wurde, anschließend auch instandgehalten wird.
    Fast überall sonst auf der Welt wird gebaut und dann dem Verfall preisgegeben.
    Vielleicht führt die von vornherein gegebene Absicht, etwas zu erhalten, zu anderen Erwartungen an die Qualität.

    2 Leserempfehlungen
  4. der ganze artikel kommt mir vor wie eine schlechte deutschstunde:
    es wird zwanghaft versucht alles mögliche auf unterschiedlichste art und weise hinein zu interpretieren...

    ich kann mich 7. nur anschliessen, alles andere ist ein mythos. was in der schweiz einfach vorhanden ist: qualität, geld und seit jahrhunderten kein krieg!
    ¨
    was einige als kunst bezeichnen ist für andere einfach nur hässlich...

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