DIE ZEIT: Herr Maurer, ist die Schweiz bedroht?

Ueli Maurer: Wer reich ist, wird immer wieder zur Zielscheibe. Wir sind für andere ein interessantes Land, wirtschaftlich, technologisch, wissenschaftlich. Deshalb kann die reiche Schweiz jederzeit wieder bedroht werden. Man kann unsere Infrastruktur, unsere Ressourcen angreifen. Man hat es auf unser Geld abgesehen.

ZEIT: Dieses allgemeine Gefühl der Bedrohung war vergangene Woche bei der Asyldebatte im Nationalrat wieder mit Händen zu greifen. Ist dieses Gefühl berechtigt?

Maurer: Dieses Gefühl der Bedrohung ist sehr verbreitet in der Bevölkerung. Die aggressive Rhetorik gegenüber der Schweiz hat deutlich zugenommen, auch der wirtschaftliche Druck. Unsere Entscheidungsfreiheit ist in vielen Bereichen eingeschränkt. Wir leben in vielen Zugzwängen.

ZEIT: Es geht also um Statusängste. Die Schweiz, die lange Zeit Züge der Wohlstandsverwahrlosung zeigte, fürchtet sich vor dem Abstieg.

Maurer: Das ist nicht nur ein Gefühl. Es geht uns gut. Darum werden wir beneidet.

ZEIT: War die Schweiz in den letzten Jahrzehnten zu selbstzufrieden?

Maurer: Eindeutig. Wir haben zu wenig getan. Wir müssen uns unseren Wohlstand wieder mehr erkämpfen.

ZEIT: Sie lieben die Kriegsmetaphorik.

Maurer: Nennen Sie das, wie Sie wollen. Es ist einfach so, dass wir um uns herum viele stark angeschlagene Nationen haben. Und es gibt nichts Gefährlicheres als Verwundete. Wer im Innern Probleme hat, sucht seinen Erfolg im Ausland. Da bietet sich die Schweiz als Opfer an.

ZEIT: Sie betonen immer wieder, wie wichtig die Unabhängigkeit der Schweiz sei. Erleben wir nicht gerade, dass es eine solche Unabhängigkeit gar nicht geben kann? Wir sind mit der Welt verwoben, ob wir wollen oder nicht.

Maurer: Die politische Unabhängigkeit kann es selbstverständlich geben, indem man keinem Bündnis beitritt. Die Unabhängigkeit ist das höchste Gut, das wir haben. Man muss es überall, wo man kann, verteidigen.

ZEIT: Wie denn?

Maurer: Wir müssen schauen, dass man uns nicht beides nimmt: Wohlstand und Freiheit.

ZEIT: Was wählen Sie, wenn Sie müssen: Freiheit oder Wohlstand?

Maurer: Natürlich die Freiheit. Wohlstand kann man verlieren, aber auch wieder gewinnen. Die Freiheit verliert man nur einmal.

ZEIT: Da muss Ihnen diese schleichende Anpassung an Europa , die der Bundesrat verfolgt, doch ein Gräuel sein. Sie sind Teil dieses Gremiums, also dieser Politik.

Maurer: Ich bitte Sie!