Ueli Maurer"Wir sind das Erfolgsmodell!"

Verteidigungsminister Ueli Maurer über den Ernst der Lage, die Last seines Amtes und die beste Volkswirtschaft der Welt. von 

DIE ZEIT: Herr Maurer, ist die Schweiz bedroht?

Ueli Maurer: Wer reich ist, wird immer wieder zur Zielscheibe. Wir sind für andere ein interessantes Land, wirtschaftlich, technologisch, wissenschaftlich. Deshalb kann die reiche Schweiz jederzeit wieder bedroht werden. Man kann unsere Infrastruktur, unsere Ressourcen angreifen. Man hat es auf unser Geld abgesehen.

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ZEIT: Dieses allgemeine Gefühl der Bedrohung war vergangene Woche bei der Asyldebatte im Nationalrat wieder mit Händen zu greifen. Ist dieses Gefühl berechtigt?

Maurer: Dieses Gefühl der Bedrohung ist sehr verbreitet in der Bevölkerung. Die aggressive Rhetorik gegenüber der Schweiz hat deutlich zugenommen, auch der wirtschaftliche Druck. Unsere Entscheidungsfreiheit ist in vielen Bereichen eingeschränkt. Wir leben in vielen Zugzwängen.

ZEIT: Es geht also um Statusängste. Die Schweiz, die lange Zeit Züge der Wohlstandsverwahrlosung zeigte, fürchtet sich vor dem Abstieg.

Ueli Maurer

1950 Geboren in Wetzikon im Zürcher Oberland, aufgewachsen im benachbarten Hinwil.

1978–1986 Gemeinderat von Hinwil.

1983–1991 Kantonsrat im Kanton Zürich

1994–2008 Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands

1991 Wahl in den Nationalrat

1996–2007 Präsident der SVP Schweiz. Unter Maurer wird die SVP zur wählerstärksten Partei und dominierenden politischen Kraft auf der Rechten. Maurer ist Blochers treuer Vertreter des Zürcher Parteiflügels.

10. Dezember 2008 Mit nur einer Stimme Vorsprung auf den Sprengkandidaten Hansjörg Walter wird Ueli Maurer als Nachfolger von Samuel Schmid in den Bundesrat gewählt. Damit ist die SVP, ein Jahr nach der Abwahl von Christoph Blocher, wieder in der Regierung vertreten.

Ueli Maurer ist verheiratet und hat sechs Kinder. Er wohnt noch immer in Hinwil

Maurer: Das ist nicht nur ein Gefühl. Es geht uns gut. Darum werden wir beneidet.

ZEIT: War die Schweiz in den letzten Jahrzehnten zu selbstzufrieden?

Maurer: Eindeutig. Wir haben zu wenig getan. Wir müssen uns unseren Wohlstand wieder mehr erkämpfen.

ZEIT: Sie lieben die Kriegsmetaphorik.

Maurer: Nennen Sie das, wie Sie wollen. Es ist einfach so, dass wir um uns herum viele stark angeschlagene Nationen haben. Und es gibt nichts Gefährlicheres als Verwundete. Wer im Innern Probleme hat, sucht seinen Erfolg im Ausland. Da bietet sich die Schweiz als Opfer an.

ZEIT: Sie betonen immer wieder, wie wichtig die Unabhängigkeit der Schweiz sei. Erleben wir nicht gerade, dass es eine solche Unabhängigkeit gar nicht geben kann? Wir sind mit der Welt verwoben, ob wir wollen oder nicht.

Maurer: Die politische Unabhängigkeit kann es selbstverständlich geben, indem man keinem Bündnis beitritt. Die Unabhängigkeit ist das höchste Gut, das wir haben. Man muss es überall, wo man kann, verteidigen.

ZEIT: Wie denn?

Maurer: Wir müssen schauen, dass man uns nicht beides nimmt: Wohlstand und Freiheit.

ZEIT: Was wählen Sie, wenn Sie müssen: Freiheit oder Wohlstand?

Maurer: Natürlich die Freiheit. Wohlstand kann man verlieren, aber auch wieder gewinnen. Die Freiheit verliert man nur einmal.

ZEIT: Da muss Ihnen diese schleichende Anpassung an Europa , die der Bundesrat verfolgt, doch ein Gräuel sein. Sie sind Teil dieses Gremiums, also dieser Politik.

Maurer: Ich bitte Sie!

Leserkommentare
  1. In der Schweiz gab es schon Personenfreizügigkeit, 300 Jahre bevor Schengen überhaupt geplant wurde. Es gab einen regen Austausch von Know How, Arbeitskraft, Technologie & Wissenschaft mit der damals bekannten Welt.

    In der Schweiz konnte man landesweit offiziell bereits mit Euro bezahlen, bevor die Währung überhaupt europaweit als Einheitswährung eingeführt wurde. Wenn ich in Europa heute hingegen mit einer bekannten auslänsiachen Fremdwährung zahlen möchte, schickt man mich weg oder verweist mich an die Wechselstube.

    Europa will als Einheit auftreten, ist jedoch nichts weiteres als ein Haufen von Individualstaaten mit eigenständigen sozialen Anforderungen und wirtschaftlichen Interessen, die sich nicht auf einer Ebene vereinheitlichen lassen, ohne dass jemand zu kurz kommt.

    Nach meiner Meinung ist Europa ein grosses Luftschloss.

    Eine Spielburg aus Gummi, in die fortlaufend Luft nachgepumpt werden muss, damit sie nicht zusammenfällt.

    Es ist offensichtlich dass Politik, Wirtschaft und Bürger auf verschiedenen Ebenen politisieren, und jeder für sich selbst.

    Für jeden EU-Politiker in Brüssel sind 5 Lobbyisten aus der Wirtschaft und Industrie präsent, die die Interessen ihrer Konzerne vertreten und den Politikern unter dem Tisch dafür Geld in den Hintern stecken. Dies einizig und alleine ist Europa.

    Die Freizügikeit hat überhaupt niemandem etwas gebracht, im vergleich zu früher. Ausser dass man sich ohne Grenzkontrollen frei bewegen kann.

  2. Wie erklären sich Merkel & Co. dass heute jeden Monat tausende von deutschen Bürgern das Land fluchtartige verlassen, ins nahe Ausland, oder nach Übersee, - aus wirtschaftlichen Gründen?

    Und nicht nur aus Deutschland. Ich empfehle dem Autor, einmal durch die Schweiz zu fahren und zu verschiedenen Tag- und Nachzeiten Autobahnraststätten, Einkaufszentren, Grossparkplätze oder städtische Aglomerationen aufzusuchen. Je nach wirtschaftlicher Situation in Europa dominieren dort Wohnmobile und Fahrzeuge aus den verschiedenen europäischen Krisenländer. Mangels Geld wird im Auto auf dem Parkplatz campiert. Oft finden sich so ganze Familen mit Kindern

    Viele bildungsmässig hochqualifizierte EU Bürger ziehen es vor, sich zu lokalen Niedriglöhnen in der Schweiz unter dem Marktwert zu verdingen, weil sie so immer noch viel mehr verdienen als in ihren Heimatländern als Sozialhilfebezüger oder Arbeitslose.

    Jeden Monat "fliehen" so über tausend deutsche Bürger aus wurtschaftlichen Gründen in die Schweiz.

    Das gebahren der deutschen und Regierung erinnert an die Zeit vor der französsischen Revolution. Jeder Bürger hatte seinen Anteil dem Königshaus abzuliefern. Egal ob der Bürger anschliessend noch etwas zu essen hatte oder nicht. Das Volk verhungerte damit der König etwas zu essen hatte.

    Und wer nicht spurte, kam unter die Guillotine.

  3. Nichts gegen die Schweiz, aber ein Grund für den Erfolg der Schweiz ist die Größe bzw. deren Fehlen. Da kann man leichter Nischen finden und Demokratie mit knapp 8 Millionen Einwohnern (von denen auch nur 3/4 Schweizer sind) lässt sich allemal besser zum Anfassen organisieren als Demokratie mit über 300 Millionen Bürgern. Wenn man die Schweiz kopieren wollte, müsste man zunächst nicht nur die EU, sondern dazu noch die großen EU-Staaten wie Frankreich oder Deutschland in kleinere Einheiten zerlegen, selbst Bayern wäre noch deutlich größer als die Schweiz. Sicherlich lebt die Schweiz nicht nur von Banken oder Uhren, sondern bietet auch Hoch- und Spitzentechnologie. Aber ein eigenes Auto oder Kernkraftwerke könnte sie nicht auf die Beine stellen und selbst Nestle werwaltet eher Markenrechte als dass dort noch produziert würde. Fazit: Schon wegen der Größe taugt die Schweiz nicht als Vorbild für alle.

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    In der Schweiz gibt es sogar 5 Atomkraftwerke, die zusammen pro Jahr über 23 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Und auch eine eigenständige Autoindustrie mit weltweitem Absatz, sowie eigener Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Nestle vertreibt vor allem Eigenmarken, welche auch in der Schweiz produziert werden.

    Im Vergleich zur EU kann die Schweiz durchaus mithalten, Bevölkerungsmässig findet sie sich in der oberen Hälfte der Tabelle. In Sachen Wirtschaftskraft sogar an fünfter Stelle hinter Norwegen.

    Die Grösse der Schweiz ist gar nicht relevant.Auch wenn Bayern etwa gleich gross ist wie die Schweiz.
    Genau so wenig wie oben genannte Statistiken.

    Die EU ist nichts anderes als ein grossflächiger Bürokratieapparat, die letztendlich niemandem wirklich dient. Haben sie sich mal gefragt, wohin 75% ihrer Steuern hingehen, die ihnen der Staat jährlich wegschröpft. Nicht etwa zur Verbesserung und Wahrung der Lebensqualität, Sicherheit und Frieden, wie die Politiker den Bürgern vorgaukeln, sondern ausschliesslich zur Stützung der Bürokratie.

    Die Demokratur Europa kann gar nicht bürgernah europaweit politisierten, ohne dass viele Menschen und Regionen zu kurz kommen.

    Oder wie erklären sie sich, dass die Volkszufriedenheit der EU Bürger schon seit Jahren abnimmt?

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und diskutieren Sie sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

  5. In der Schweiz gibt es sogar 5 Atomkraftwerke, die zusammen pro Jahr über 23 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Und auch eine eigenständige Autoindustrie mit weltweitem Absatz, sowie eigener Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Nestle vertreibt vor allem Eigenmarken, welche auch in der Schweiz produziert werden.

    Im Vergleich zur EU kann die Schweiz durchaus mithalten, Bevölkerungsmässig findet sie sich in der oberen Hälfte der Tabelle. In Sachen Wirtschaftskraft sogar an fünfter Stelle hinter Norwegen.

    Die Grösse der Schweiz ist gar nicht relevant.Auch wenn Bayern etwa gleich gross ist wie die Schweiz.
    Genau so wenig wie oben genannte Statistiken.

    Die EU ist nichts anderes als ein grossflächiger Bürokratieapparat, die letztendlich niemandem wirklich dient. Haben sie sich mal gefragt, wohin 75% ihrer Steuern hingehen, die ihnen der Staat jährlich wegschröpft. Nicht etwa zur Verbesserung und Wahrung der Lebensqualität, Sicherheit und Frieden, wie die Politiker den Bürgern vorgaukeln, sondern ausschliesslich zur Stützung der Bürokratie.

    Die Demokratur Europa kann gar nicht bürgernah europaweit politisierten, ohne dass viele Menschen und Regionen zu kurz kommen.

    Oder wie erklären sie sich, dass die Volkszufriedenheit der EU Bürger schon seit Jahren abnimmt?

    Antwort auf "Größe"
    • itelon
    • 23. Juni 2012 20:41 Uhr

    Es ist interessant, dass dieses Interview in der Schweiz anscheinend ein weit groesseres Echo als in Deutschland hervorruft (u.a. Tagesanzeiger-Artikel mit >300 Kommentaren). Als jemand, der seit Jahren in der Schweiz wohnt kommt mir das bekannt vor: Schweizer sind ueberaus sensibel fuer ihr Verhaeltnis zu Deutschland, Deutsche sehen das Verhaeltnis eh als gut. Dadurch gibt es dann Wochenlange Diskussionen ueber angebliche Kavallerie-Vergleiche von Steinbrueck in der Schweiz, oder eben ueber dieses Interview. Dabei interessieren Aussagen wie hier vom "beste Armee der Welt"-Verteidigungsminister in Deutschland eher wenige.

    Die meisten Deutschen erwarten eben nicht, im besten Land der Welt zu wohnen, die Besten der Welt zu sein, im Gegensatz zu den vielen sehr nationalistischen Schweizern.

  6. Wer sich, wie Herr Maurer, von seinen Ängsten und Befürchtungen leiten lässt, hat auf dem Posten nichts verloren. Die Schweizer Interessen sind nicht mit neuen oder gebrauchten Kampfflugzeugen zu sichern, sondern ausschließlich politisch in Brüssel. Ein Zwang zum Euro hat niemals bestanden. Man hätte als Interviewpartner ruhig mehr nachfassen können.

    Insgesamt nicht viel neues: ein Ueli Maurer, der an der Last Ueli Maurer zu sein mehr trägt, als an seinem Amt.

  7. Zustimmung, der Nabel der Welt ist ganz wund, weil ständig daran herumgefingert und er von allen Seiten betrachtet wird. Die hiesigen Medien und die Kommentare dort laufen sofort heiss, sobald irgendwo auf der Welt über die Schweiz oder einen Schweizer berichtet wird.
    Man möchte den hiesigen Medien zurufen: "Jetzt lasst das Teil doch einmal für ein paar Tage in Ruhe. Die ewigen Vergleiche mit dem großen Kanton führen zu nichts und man muss auch einmal Kritik annehmen können ohne gleich mimosenhaft zu reagieren."

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