Doch, doch, es ist mir auch schon passiert. Doch, ich habe auch schon gedacht, dass wir nicht »noch mehr Asylanten« aufnehmen können. Ja, Ton und Denkweise der Schweizerischen Volkspartei, sie sind mir nicht fremd.

Aber wie sollte es auch anders sein? Nach zwanzig Jahren der Infiltration, nach dem Nein zum EWR-Beitritt 1992, nach der Übernahme der einst so biederen Bauernpartei durch Christoph Blocher hat das Gift der SVP viele unserer Hirnzellen angegriffen. Der ihr eigene Sprech des institutionalisierten Misstrauens gegenüber dem anderen, dem Staat und den Bedürftigen ist in unseren Köpfen angekommen. Auch in meinem.

Was diese Zersetzung bewirkt hat, konnte man gerade vergangene Woche anlässlich der Asyldebatte im Nationalrat wieder trefflich verfolgen. Es war schon erstaunlich, was für Worte einigen Parlamentariern über die Lippen kamen. Martin Bäumle etwa, zwischen den Polen mäandernder Parteipräsident der Grünliberalen, sagte: »Was wir aber nicht tun können, ist sozialromantisch allen auf dieser Welt, denen es schlechter geht, unsere Hilfe anbieten.« Gemäß dieser Logik, die auch von den meisten Christdemokraten und Freisinnigen geteilt wurde, beschloss man, dass Militärdienstverweigerung kein Asylgrund mehr ist. Oder dass Asylsuchende ihre alltäglichen Bedürfnisse mit bloß noch zehn Franken pro Tag stillen müssen – eine Maßnahme, mit der man einige dieser Menschen, die nur von ihrem Recht Gebrauch machen, ein besseres Leben zu suchen, leichtfertig in die Kriminalität treibt. Und also das Gegenteil dessen erreicht, was man wollte.

Über Werte wie internationale Verantwortung und Solidarität wurde in Bern erst gar nicht gesprochen – sie gehören offenbar zum ewig gestrigen Vokabular der »Empörten-Fraktion«, wie ein Nationalrat diejenigen titulierte, die an die humanitäre Tradition der Schweiz erinnerten. Nahm die zuweilen fassungslose Bundesrätin Simonetta Sommaruga während der Debatte das Wort »Menschenwürde« in den Mund, ertönte Gelächter. Danach entließ der Parlamentspräsident die Abgeordneten zum Abendessen mit der Empfehlung, den Hinterausgang zu nehmen. Vor dem Bundeshaus würden 300 Leute demonstrieren gegen das, was man hier gerade beschlossen habe.

Ja, die SVP hat zwar in den letzten Wahlen verloren – und doch gewonnen. Sie ist dort angekommen, wo sie immer sein wollte: in unser aller Mitte. Die Bewegung hat ihr Soll erfüllt. Kampfbegriffe wie »Sozialmissbrauch«, »Scheininvalide« oder »Masseneinwanderung« sind salonfähig geworden. Politiker wie der CVP-Nationalrat Gerhard Pfister oder der neue FDP-Parteipräsident Philipp Müller personifizieren diesen Wandel. Sie sind Trojanische Pferde, die im Gewande des Liberalismus die Idee einer Schweiz zu Grabe tragen, die mehr will, als bloß reich zu sein.

Dies alles tun sie, indem sie das Volk als Vorwand für ihre Taten und Worte nehmen. »Die Ängste in der Bevölkerung«, die man ernst nehmen müsse, sind zum wohlfeilen Standardsatz geworden. Wer diese Ängste ignoriere, werde vom Volk bestraft, etwa indem es unsinnige Volksinitiativen annehme. Hier hat offenbar der eine Angst vor der Angst des anderen. Das aber ist ein Teufelskreis, der, wie die erneute Verschärfung des Asylrechts zeigt, die Politik in einem Akt vorauseilenden Gehorsams Gesetze beschließen lässt, die mehr schaden als nützen. Aber hat ein Politiker nicht auch die Pflicht, seinen Wählern zu widerstehen? Und ihnen zu erklären, dass der Wohlstand halt seinen Preis hat?

Ja, man kann das alles verstehen. Die Schweiz ist mehr denn je eine Wohlstandsinsel in einem taumelnden Europa. Sie fühlt sich in ihrem Reichtum bedroht. Nicht zu Unrecht.

Aber kann es ein Rezept sein, sich den Zumutungen der Welt zu verschließen? Die Schweiz hat eine globale Verantwortung – die sie partiell auch wahrnimmt. Etwa indem sie ein Gegenmodell darstellt zu vielen anderen Staaten. Darauf sind viele Schweizer stolz, manche ein bisschen zu sehr. Und der Großmut ging verloren, das Land hat sein Herz verengt, die meisten Fragen werden nur noch nach Kosten und Nutzen beurteilt. Man wünscht sich eine Schweiz zurück, die im Geiste Dunants oder Duttweilers auch das Wohlergehen der anderen im Auge behält.

Kurz: Mit der raumgreifenden SVP hat sich im Lande ein negatives Menschenbild eingeschlichen. Der Mensch ist, in ihren Augen, einer, der von allem immer mehr will und zur Besserung nicht fähig ist. Das aber ist nicht wahr. Der Mensch ist auch – wenn nicht vor allem – ein soziales Wesen.

Ja, ich weiß, man kann und man wird meine Position unter dem Unwort »Gutmenschentum« zusammenfassen. Dies aber ist noch lange kein Grund, sie aufzugeben.