Piccadilly Circus ist der Treffpunkt Londons.

Ich war mit Barbara am Piccadilly Circus verabredet und hatte das Glück, dass sie mich versetzte. So stand ich 30 Minuten an der Statue vom Engel der christlichen Barmherzigkeit. Ich entdeckte, dass es noch etwas Schöneres gibt, als endlos auf eine schöne Frau zu warten: den anderen Wartenden zuzusehen.

Eine Frau mit grünen Augen las ein Buch mit dem Titel Wie gewinne ich eine Parlamentswahl?, zwei Touristen griffen so gierig gleichzeitig in ihre Schale Pommes frites, dass mehr Pommes heraus fielen als ihren Mund erreichten, und war nicht der daneben, der sich in der Nase bohrte, der Tennisprofi Rainer Schüttler?

Der Piccadilly ist der Treffpunkt der Stadt. An der Engelstatue verabredet man sich morgens, mittags, nachts, wenn man neu oder sechzig Jahre in der Stadt ist, wenn man frisch verliebt ist oder sich trennen will, wenn man sich erstmals erwachsen fühlt oder noch einmal jung sein will. Die gigantischen Leuchtreklamen zur Rechten des Platzes stehen für die strahlenden Verlockungen der Stadt. Hier geht es in eine Richtung zu den Bars, Theatern und Kabaretts, in die andere zu den Geschäften, zur Queen, zum Fluss, zur Regierung. Über dem Piccadilly liegt der Zauber des Wartens; das Gefühl: Gleich geht es los, die Liebe, die Nacht, die Jugend, das Erwachsensein. 

Die Statue selbst ist eine grandiose Fehlkonstruktion: Der Engel hat einen Bogen in der einen Hand, aber den Pfeil in der anderen hat der Bildhauer vergessen. So erinnert uns der Engel daran, dass Londons tiefe Schönheit nicht in seinen Wahrzeichen liegt, sondern im Alltag und Miteinander der Menschen.

Es begann zu regnen, als ich auf Barbara wartete. Keiner von uns Wartenden ging weg. Die Frau mit dem Buch lächelte zuerst, und ohne zu wissen, was wir taten, lächelten wir alle, die Touristen, der Tennisprofi und ich. Als ob uns derselbe Gedanke verband, während der Regen in den Scheinwerfern der Autos wie Glitzer auf die Straße fiel: Diese Stadt kann man lieben wie einen Menschen.