City Guide LondonKaufende Ermittlungen

Das Londoner East End ist das coolste Quartier der Stadt. Aber findet man dort auch das passende Souvenir? Ein Shoppingtrip zu Vintage-Stores und Nagelstudios bis zum Olympia-Gelände von Karin Ceballos Betancur

An der Shoreditch High Street stoßen East End und City of London aneinander.

An der Shoreditch High Street stoßen East End und City of London aneinander.  |  © Andrea Artz für DIE ZEIT

Wenn die Sonne über London für einen Augenblick den Kampf gegen die Wolken gewinnt und im East End die Graffiti an den Backsteinmauern strahlen wie ausgesuchte Kunstwerke, wenn an der Brick Lane feinster Achtziger-Jahre-Pop aus Schottland durch die offenen Fenster der Vintage-Läden schwebt, Pärchen lachen, ein Straßenhändler den Bürgersteig mit blütenbuntgefälschten Sonnenbrillen dekoriert und junge Frauen die Laufmaschen an ihren Beinen wie Accessoires über das Pflaster tragen, wenn der Kaffeeduft aus den Lokalen sich mit den Aromaschwaden von asiatischen, lateinamerikanischen und osteuropäischen Garküchen verbindet, in Augenblicken wie diesen verliert die Zeit an Gültigkeit. Die Brick Lane fühlt sich an wie ein Samstagnachmittag, wenn der Kater langsam nachlässt, leicht, zerzauselt und aufmunternd, egal, wie spät es ist.

Menschen wie ich wollen auf Reisen solche Momente festhalten, einstecken, in ihre Koffer packen. Vielleicht, um ein Stück vom Glück dieser Orte zu besitzen, vielleicht auch, um zu Hause damit anzugeben (aber das würden wir nie zugeben). Für Menschen wie uns wurden Souvenirs erfunden. Am liebsten jagen wir sie in Gegenden, von denen man uns versichert, sie seien angesagt, unverbraucht, the place to be eben .

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In London trägt dieses Prädikat ein Viertel, in dem noch vor zehn Jahren auf Bombenkratern aus dem Zweiten Weltkrieg gebolzt wurde und bezahlbare Mieten bunte Bewohner garantierten. Dann kamen die Künstler ins East End, nach ihnen die Erwerbskreativen. Irgendwann zogen auch die Banker hinterher – wegen des Flairs und der kurzen Distanzen zu ihren Büros in der City of London. Man kennt das Prinzip: Gentrification, baby.

In Bezirken wie Shoreditch, Hackney und Hoxton hat die Gentrifizierung in den vergangenen Jahren europaweit den rasantesten Sprint hingelegt. Die Folgen spürt, wer mit einem touristischen Stadtplan anreist, der mehr als ein paar Jahre alt ist: Beim Versuch, einen Geheimtipp einzukringeln, starren locals dann oft ratlos über den rechten Rand hinaus ins Leere. Die Szene zieht ostwärts, immer weiter – und schneller, als der Besucher hinterherkommt.

An der Shoreditch High Street, dem Tor zum East End, liegt die Overgroundbrücke wie eine Schranke zwischen der spiegelnden City und den rotbraunen Fronten des alten Quartiers. An einer Bushaltestelle zetert eine zahnlose Frau gegen den Lärm einer nahe gelegenen Baustelle an. Die Fenster des Pubs The Crown and Shuttle müssen schon vor Urzeiten zugemauert worden sein. Wenige Häuser weiter haben hippe Bars eröffnet, eingerichtet in den Ladenbäuchen bröckeliger Altbauten. Das East End ist die Begegnung von gestern, morgen und vielleicht nie wieder.

Entlang der Overgroundgleise reihen sich die schwarzen Kuben des Boxpark aneinander – ein Pop-up-Einkaufszentrum, nur vorübergehend geöffnet. Im Erdgeschoss haben Labels wie Calvin Klein, Kangol, Lacoste und Urban Ears schuhkartongroße Läden eingerichtet und dabei Sorge getragen, möglichst junge, möglichst unterarmtätowierte Verkäufer an die Türen zu stellen. Street-Credibility und so. Besonders gut zu funktionieren scheint das Konzept allerdings nicht. Die Geschäfte sind leer. Wer etablierte Marken will, sucht sie woanders. Die Zielgruppe tanzt dem Establishment auf der Nase herum, genau genommen auf dem Dach, wo schöne Menschen bei Latte macchiato auf langen Holzbänken sitzen.


Schräg gegenüber, im Design-Gimmick-Laden Maiden, liegen Plastiktrophäen im Schaufenster verteilt. In ein paar Wochen beginnen die Olympischen Spiele. Es gibt ironische Souvenirs für Reisende mit wenig Zeit: Anziehpuppen-Royals, Kühlschrankmagneten, spaßige Stifte. Ich frage Noah, den pferdeschwänzigen Inhaber, wie sich seine Stadt in diesem Sommer am besten in Tüten tragen lässt, zu welchem Mitbringsel er raten würde. Noah holt tief Luft und rollt die Augen. 

Dann beschwert er sich über die Auflagen des olympischen Organisationskomitees. Begriffe wie »Olympics« und »London 2012« dürfen Händler nur noch mit Sondergenehmigung auf ihre Produkte drucken. Verstöße werden geahndet. Ein Café, das seinen Namen seit den neunziger Jahren trägt, hat den Kampf unlängst aufgegeben und nennt sich seitdem Lympic.

Irgendwann zieht Noah dann doch ein Handtuch aus dem Regal, das die Queens Victoria und Elizabeth II. sowie King George III. auf einem Siegertreppchen zeigt, nach Herrschaftsjahren gestaffelt. Vielleicht nicht ganz im Sinn des Komitees, aber auch nicht verboten, sagt Noah und lächelt wie ein Gewinner. »Wir nennen sie Jubilympic tea towels! « Sie sind bunt. Sie sind widerständig. Trotzdem finde ich größeren Gefallen an den Untersetzern, die das lachende Gesicht der Queen zitatartig mit den Worten »Haha! You are poor! « rahmen.

Aber muss ein Souvenir überhaupt zwingend ein Ding sein, das sich in der Vitrine ausstellen und abstauben lässt? Erinnert nicht ein Gegenstand, den es so nur hier zu kaufen gab, ebenso an eine Reise? Wenn etwas typisch East End ist, dann sind es Vintage-Shops. An ihrer Dichte kann man sogar die Hipness des Bezirks ablesen: Sind es viele (Shoreditch), hat der Tourismus bereits Fuß gefasst, gibt es nur eine Handvoll (Hackney Wick), lässt sich die Szene gerade nieder. Wo gar keine Secondhand-Kleidung verkauft wird, handelt es sich entweder um einen brandheißen Hotspot. Oder um ein stinknormales Wohnviertel. Auch die gibt es noch im East End.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Die Redaktion/sh

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    ... luv ...

  2. ... luv ...

    Antwort auf "oh gosh"
  3. 3. Hach.

    Nach diesem wohlartikulierten und charmanten Artikel würde ich gern meine Koffer packen und London einen Besuch abstatten. Leider ist für diese Woche schon ein anderes Reiseziel geplant.
    Da muß das Wiedersehen mit dieser wunderbaren Stadt noch ein wenig warten.. till we meet again, dear. ;-)

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