Die Themse, dieser breite graue Fluss, ist für mich die einzige Konstante Londons. Das ist ein beinahe magischer Gedanke angesichts der Stadt, die sich am Flussufer seit Jahrhunderten ausbreitet und verändert. Von meinem Büro im Horseferry House kann ich das Wasser jeden Tag sehen. Es funkelt in der Sonne, kleine gelbe Schiffe mit Touristen tanzen auf den Wellen, und ich fühle mich aufgefordert, Westminster mal wieder hinter mir zu lassen und an einen meiner Lieblingsorte zu fahren, um den Kopf freizukriegen: das Old Royal Naval College in Greenwich, ein paar Kilometer den Fluss hinab.

Ich liebe es, nach der Arbeit mit einem Picknickkorb und ein paar Freunden dorthin zu fahren. Allein der Weg ist schon eine Erholung. Man kann natürlich die U-Bahn nehmen, aber wenn man ein Boot mietet, erlebt man den Blick von der Themse auf das College, und der ist einfach atemberaubend. Die zwei Gebäudekomplexe, die direkt am Ufer thronen und das Spiegelbild des jeweils anderen Baus sind – mit den langen Säulengängen, den beiden Türmen und dem Rasen in der Mitte. Dahinter zieht sich der Greenwich Park den Hügel hinauf, wo sich der Nullmeridian befindet.

Die Architektur stammt aus dem späten 17. Jahrhundert, die prachtvollen Bauten hat Christopher Wren entworfen, der auch St Paul’s Cathedral gebaut hat. Einige Szenen des neuen James-Bond-Films Skyfall wurden hier gedreht und Teile von The King’s Speech. Wenn ich vor den Gebäuden stehe, kann ich gar nicht anders, als mir vorzustellen, wie sie vor 300 Jahren errichtet wurden. Alles ohne moderne Maschinen! Ich verehre Handwerkskunst, was diese Baumeister, Handwerker und Arbeiter erschaffen haben, das fordert mir immer wieder Respekt ab.

Bei meinem ersten Besuch war ich ein Teenager. Ich komme aus einem kleinen Ort in Yorkshire, damals ging es nur darum, die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt abzuklappern. Aber über die Jahre kehrte ich zurück, mit Freunden, manchmal allein, und jedes Mal gefiel mir der Ort besser. Einfach weil ich es mag, inmitten einer Großstadt zu sein und mich wie auf dem Land zu fühlen. Wenn ich durch den Park gehe, höre ich keine Autohupen mehr, ich tauche ein in eine andere, etwas verwunschene Welt – und weiß doch genau, ein paar Meter weiter beginnt das Wohnviertel von Greenwich mit Pubs, Geschäften und kleinen Restaurants

Wer die Menschen aus der Nachbarschaft kennenlernen möchte – es soll einen wunderbaren Pub direkt am Park geben. Ich war bisher noch nicht da, das interessiert mich auch nicht, wenn ich in Greenwich bin. Ich will die Architektur bestaunen – und Musik hören. Denn heute sind im ehemaligen Marine-College die Greenwich University und das Trinity College of Music untergebracht. Stellen Sie sich einen lauen Sommerabend vor, es ist sieben Uhr abends, die Sonne verschwindet langsam, die Dämmerung bricht ein – und aus einem offenen Fenster der Musikschule hören Sie, wie ein Student einige Stücke auf der Geige übt. Sie können auf dem Rasen sitzen, den Champagner entkorken, klassische Musik genießen – und es kostet Sie keinen Penny!

Und dann zum Abschluss die grandiose Sicht vom Hügel hinab. Sie schauen auf die historischen Gebäude, den Fluss und die moderne Silhouette auf der anderen Seite. Greenwich liegt genau gegenüber den Wolkenkratzern der Docklands, Sie sehen die Bankhochhäuser der City im Hintergrund, können das Alte und Neue der Stadt miteinander vergleichen. Ich bin jedes Mal tief beeindruckt, wenn ich dort oben stehe.