Ein Saal mit Naturfotos, im ersten Stock links. Man sieht lichte Wälder, sattes Gras. Doch schaut man genauer hin, entdeckt man unter dem Gras die Löcher in der Erde, die Bombentrichter. Das schrundige Idyll verbirgt ein Schlachtfeld, ein Schlachtfeld wie bei Wolgograd oder Kursk. »Wir wollten diesmal nicht die üblichen Filmaufnahmen des Krieges und des Sieges zeigen«, erzählt die Kuratorin des Moskauer Historischen Museums, Natalja Kargopolowa, »sondern Narben. Die Narben des Krieges in der Erde. Wir schauen auf diese gemeinsame Vergangenheit mit den Augen von Jugendlichen, einer Gruppe aus Tomsk, welche die Felder nach den Spuren der Gefallenen absucht.« Ihre Funde – angerostete Soldatenhelme, ein Koppelschloss der Wehrmacht mit der Aufschrift »Gott mit uns«, auch Geschirr, das den Reichsadler zeigt – stehen in den Vitrinen vor den Fotos. Hier spiegelt sich der Tiefpunkt der deutsch-russischen Geschichte wider: der Vernichtungskrieg vor 70 Jahren.

Doch der Saal ist nur einer von vielen dieser Ausstellung. »Nichts ist vergessen«, sagt Kargopolowa. »Aber wir bemühen uns, diese Tragödie zu überwinden.«

Die Ausstellung Russen und Deutsche, die am Mittwoch in Moskau eröffnet wurde, erhebt einen hohen Anspruch: 750 Exponate aus 73 Museen, Archiven und privaten Sammlungen in Russland und Deutschland sollen einen Bogen über 1.000 Jahre gemeinsamer Geschichte schlagen. Dabei hat bereits der Ort der Schau Symbolkraft. Es ist das frisch renovierte frühere Lenin-Museum am Roten Platz, wo viele Besucher einst vor allem den privaten Rolls-Royce des Revolutionärs bewunderten. Im Übrigen verbindet sich mit Lenin ein ganz besonderes Kapitel der deutsch-russischen Geschichte: 1917 war er mit kaiserlicher Genehmigung aus der Schweiz im Spezialwaggon nach Russland expediert worden. Seine Revolution sollte für das Deutsche Reich den Weltkrieg im Osten beenden.

Nicht die Kriege, sondern die friedlichen Beziehungen, Ex- und Import, vom Nowgoroder Pelzhandel mit der Hanse bis zu dem Siemens-Telegraphen, der in den Gemächern des Zaren Alexander II. stand, bilden nach dem Konzept der Ausstellungsmacher die wahre Konstante der nachbarschaftlichen Geschichte. Die Idee einer »Spurensuche der gegenseitigen Beeinflussungen« haben der Präsident der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, und der frühere russische Kulturminister Michail Schwidkoi vor Jahren entwickelt. Sie wollten beweisen, dass es seit dem 10. Jahrhundert, als sich die europäische Staatenwelt herauszubilden begann und deutsch-russische Beziehungen ihren Anfang nahmen, mehr Miteinander als Gegeneinander gab.

Das Ergebnis ist sogar für Spezialisten eindrucksvoll. »Obwohl ich seit 35 Jahren im Museum arbeite, war ich erstaunt, zu erfahren, wie eng unsere Völker verflochten sind«, sagt Kargopolowa und zitiert ein Wort des Kunsthistorikers Dmitri Rowinski: »Wo du auch gräbst, wohin du auch schaust – überall ist ein Deutscher.«

Briefe von Goethe und Breschnews Kuss

Schon das Entree führt beide Geschichten aufs Engste zusammen. Wer das Gebäude betritt, vorbei am grummeligen Polizisten mit schusssicherer Weste, blickt links und rechts auf große Leinwände: Hier kommen Berliner aus ihrer U-Bahn, da Moskauer aus der Metro. Dazwischen steht die berühmte Nowgoroder Bronzetür, die im 12. Jahrhundert in Magdeburg gegossen wurde. Es folgen Säle, die von deutschen Lebensspuren in Russland berichten. Wir sehen eine alte Glocke aus Deutschland, die in Moskaus Kreml läutete, Grabsteine von Sibiriensiedlern des 17. Jahrhunderts und das ausgestopfte Gürteltier des Mediziners Friedrich von Gebler aus Sachsen, der im südsibirischen Barnaul als Grubenarzt arbeitete. Gebler erforschte zugleich die Natur des Altai-Gebiets und gründete dort ein Naturmuseum.

Auch Volkskundliches wird einbezogen. Zum Beispiel aus der Kolonie der Wolgadeutschen, die unter Katharina II. ins Land kamen: eine Spritze zum Wurstmachen, ein Reibeisen für die Tabakproduktion, Kinderspielzeug und Bibeln aus der lutherischen Kirche in Saratow. »Wir wollen deutlich machen«, sagt Kargopolowa, »dass die Deutschen ihre Traditionen bewahrten.«