Ölförderung im Elsass, nahe Oberlauterbach © Johanna Leguerre/AFP/Getty Images

Leicht ist es nicht, hierher zu finden. Kein Schild weist auf den dunkel schillernden Flecken hin – einen Flecken, wie man ihn eher in Texas oder Saudi-Arabien vermuten würde als im Wald des nördlichen Elsass. Wildschweine waren lange vor dem Menschen auf ihn gestoßen, hatten sich im schwarzen, stinkenden Schleim gewälzt, der hier aus der Erde dringt, und damit ihr Fell gegen lästiges Ungeziefer imprägniert. Das machen sie bis heute so. Um ihren Pfuhl zu finden, muss man nur den Bäumen folgen, an denen sie sich reiben. Unten am Stamm, in Wildschweinhöhe, sind alle pechschwarz.

Auch Ernest Jost geht den Wildschweinspuren nach. Der 70-jährige Elsässer führt eine kleine Gruppe in den Forst von Haguenau. Er sieht aus, als käme er gerade aus dem Büro. Dabei wäre Schutzkleidung besser geeignet für diese Expedition als eine graue Stoffhose, ein weißes Hemd und leichte Lederschuhe. Jost war Chemiker in der früheren Ölraffinerie von Merkwiller-Pechelbronn, wenige Kilometer nordwestlich von Haguenau. Jetzt bringt er Besucher zurück an den Ursprung der heimischen Ölindustrie. »Hier muss sie sein!«, ruft er plötzlich, setzt über einen Wassergraben und verschwindet zwischen den Bäumen. Kurz darauf steht die Gruppe vor einem Naturwunder, das in Mitteleuropa seinesgleichen sucht. »Hier in der Gegend«, sagt Jost, »gibt es sieben oder acht solcher Pechquellen. Oft sieht man nur ein paar schimmernde Schlieren im feuchten Boden. Die Quelle hier im Haguenauer Forst ist die größte.«

Eigentlich ist das Elsass für eine andere Flüssigkeit berühmt, den Wein. Und für pittoreske Fachwerkwunder wie Riquewihr und Kaysersberg. Dass im Norden des Departements Bas-Rhin, unweit der pfälzischen Grenze, einmal in großem Maßstab Öl gefördert und verarbeitet wurde, ist nur Eingeweihten bekannt. Mehr noch: Merkwiller-Pechelbronn war nicht weniger als die Wiege der Ölindustrie. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts, lange vor dem texanischen Boom, blühte hier das Geschäft mit dem »schwarzen Gold«. In Merkwiller-Pechelbronn wurde erstmals nach Öl gebohrt, hier stand die erste Raffinerie, die diesen Namen verdiente, hier wurde die erste Ölgesellschaft gegründet, der direkte Vorläufer des französischen Konzerns Total, der das internationale Ölgeschäft bis heute mit beherrscht. Erst 1970, als die Vorkommen weitgehend ausgebeutet waren, stellte man die Förderung ein. Heute ist Merkwiller-Pechelbronn seine Vergangenheit als Industriezentrum kaum noch anzusehen. Meist wirkt der Weiler, inmitten von Wiesen, Wäldern und Feldern gelegen, wie ausgestorben. Viele der rund tausend Bewohner müssen nun anderswohin zur Arbeit pendeln. Dafür hängt kein Ölgeruch mehr über dem Ort.

Im Gasthaus À l’Etoile im Dorfkern sitzen mittags die Handwerker, um sich vielleicht ein Choucroute garnie zu gönnen, die deftige Nationalspeise des Elsass. Schräg gegenüber steht eine alte stählerne Ölpumpe, die aussieht wie ein überdimensioniertes Spielzeugpferd. Solche Pumpen prägten einst das Bild der Landschaft; in großer Zahl hoben und senkten sie auf den Feldern und Wiesen ihre stählernen Köpfe. Das übrig gebliebene Exemplar gehört zum nahen Musée Français du Pétrole. Dort beginnen die Führungen, die Monsieur Jost und andere Hobbyhistoriker der Association des Amis du Musée allmonatlich zu den verborgenen Relikten der elsässischen Ölindustrie unternehmen.

Das kleine Museum, untergebracht in einem alten Giebelhäuschen, blickt zurück auf 250 Jahre Erdölförderung und -verarbeitung im Elsass, auf ein Stück regionale – und globale – Industriegeschichte. Die Ausstellung wirkt, daran gemessen, etwas handgestrickt. Für audiovisuelle Animationen fehlt das Geld, an ihrer Stelle gibt es zweisprachige Texttafeln, alte Dokumente und vergilbte Fotos. Eines zeigt Louis Hepting 1935. Hepting war der letzte »Karichschmiermann« des Elsass. Mit Schubkarren, auf denen ein Holzfässchen befestigt war, zogen diese fliegenden Händler einst durch die Dörfer und verkauften den Bauern loses Öl, mit dem sie ihre Fuhrwerke schmieren konnten. Das Museum besitzt auch einen Fundus an originalgetreuen Modellen historischer und moderner Bohrtürme. Eine mannshohe Replik zeigt einen in Merkwiller-Pechelbronn entwickelten Bohrturm mit Schlagbohrtechnik. Auf Knopfdruck setzt er sich sogar in Bewegung.

Einem Plastikeimerchen voll grauem Sand darf man mit dem Löffel eine Geruchsprobe entnehmen. Das klebrige Granulat riecht penetrant nach Petroleum. In den Feldern von Merkwiller-Pechelbronn war das Öl oft in Sand und Sandstein gebunden. Bevor Menschen lernten, in größeren Tiefen auch nach »Linsen« flüssigen Öls zu bohren, wurde der ölige Sand mühsam im Tagebau gewonnen, in Kesseln ausgekocht und einer einfachen Destillation unterzogen. Das erste Abbaurecht erwarb 1740 der Edelmann Louis Pierre Auzillon de la Sablonnière, Botschafter König Ludwigs XV. in der Schweiz und ein gerissener Entrepreneur. Er gründete eine Aktiengesellschaft, wohl die älteste Erdölgesellschaft der Welt. Ein großes Geschäft machte er damit offenbar noch nicht. Sablonnière starb 1759, hoch verschuldet, bei einer Grubenexplosion.

Dann trat die Industriellendynastie Le Bel auf den Plan und beutete die stinkenden Sandgruben über vier Generationen nach Kräften aus. Unweit des Gasthauses À l’Etoile liegt inmitten eines kleinen, verwilderten Parks der ehemalige Familiensitz, das Château Le Bel. Der Clan ließ es 1805 im Herzen seines Abbaugebietes errichten. Das dreistöckige, halb verfallene Mansardenhaus mit dem repräsentativen Treppenaufgang steht seit 2008 unter Denkmalschutz. »Wann es restauriert und wie es genutzt werden soll, steht in den Sternen«, sagt Monsieur Jost.