Die Asiaten waren nicht beeindruckt: Die Kurserholung nach der Griechenlandwahl, so schrieben die Strategen des japanischen Brokerhauses Nomura in der vergangenen Woche ihren Kunden, werde nicht von Dauer sein. Investoren sollten die Gelegenheit nutzen, um sich von Restbeständen an südeuropäischen Staatsanleihen zu trennen. Genau das passierte dann auch. Innerhalb weniger Stunden drehten die Börsen ins Minus. Für einjährige Kredite musste Spanien am Tag darauf über fünf Prozent Zinsen bezahlen – mehr, als ein hoch verschuldetes Land auf Dauer aushalten kann.

In Athen haben zwar die moderaten Kräfte gewonnen, den Europäern aber hat das nur eine kurze Atempause verschafft. Der Kampf gegen die Krise geht in die nächste Runde. Längst meiden die Investoren nicht mehr nur die Staaten im Süden. Die Angst vor dem großen Crash ist inzwischen so groß, dass auch Firmen kaum noch neue Kredite zu akzeptablen Konditionen erhalten. Und ohne frisches Geld ist jener Crash nur eine Frage der Zeit.

Mit einem beispiellosen diplomatischen Marathon will die Weltgemeinschaft nun die Währungsunion vor dem Zerfall bewahren: Am Dienstag dieser Woche trafen sich die Staats- und Regierungschefs der G20 in Mexiko, am Donnerstag verhandelte Angela Merkel in Berlin mit den Spitzen der Opposition über den Fiskalpakt, am Freitag kam die Kanzlerin in Rom mit den Regierungschefs aus Frankreich, Spanien und Italien zusammen.

Am Donnerstag und Freitag sollen auf einem Gipfeltreffen in Brüssel konkrete Beschlüsse gefasst werden – doch statt die Krise vereint zu bekämpfen, bekämpfen sich die Europäer lieber selbst. Kaum ein Tag vergeht, an dem im Süden nicht eine neue Idee lanciert wird, die dann im Norden zerrissen wird. Die Schnittmenge zwischen dem politisch Machbaren und dem ökonomisch Erforderlichen wird zunehmend kleiner. Was die Frage aufwirft, was in Europa überhaupt noch funktionieren würde.

Sie ist auch deshalb so schwer zu beantworten, weil es die Retter des Euro mit zwei Paradoxien zu tun haben. Die erste Paradoxie ist eine zeitliche: Die Schwere der Krise erfordert schnelle und umfassende Lösungen. Doch je schneller und umfassender den Krisenländern geholfen wird, desto größer die Gefahr, dass sie das Reformieren einstellen. Die zweite Paradoxie ist eine logische: Je mehr Hilfsleistungen gewährt werden, desto größer die Abhängigkeit der Schuldenländer von diesen Hilfsleistungen. Das bedeutet aber, dass ein Entzug der Hilfe das betroffene Land – und andere mit ihm – in den Abgrund stürzen würde. Und das wiederum erschwert es, Auflagen durchzusetzen, weil die Drohung mit einem Entzug der Hilfe bei Fehlverhalten dann nicht glaubwürdig ist.

Diese Paradoxien machen das Rettungsgeschäft so vertrackt, denn sie greifen bei fast allen Instrumenten, die derzeit diskutiert werden. Beispiel Schuldentilgungsfonds: Nach dem Vorschlag des Sachverständigenrats sollen die Euro-Staaten ihre überschüssigen Schulden in einen Fonds mit gemeinsamer Haftung auslagern und abbauen – im Gegenzug verpflichten sie sich, den Haushalt zu sanieren. Doch wer garantiert, dass sich die Staaten an die Abmachung halten?

Beispiel Eurobills: Das Europäische Parlament spricht sich für diese Light-Version von Eurobonds aus, gemeinsame Anleihen mit einer Laufzeit bis zu einem Jahr. Jeder Staat dürfte einen Teil seiner Schulden damit finanzieren und müsste sich zu Reformen verpflichten. Der Charme: Weil die Zusagen wegen der kurzen Laufzeit ständig erneuert werden müssen, können die Geberländer renitenten Staaten den Geldhahn zudrehen. Doch damit würden sie das betroffene Land in die Pleite schicken – was niemand riskieren wird.

Die Glaubwürdigkeit der Abmachungen könne »nicht vollständig hergestellt werden«, sagt Jörn Quitzau, Volkswirt bei der Berenberg Bank – und damit haben naturgemäß vor allem die Länder ein Problem, die wie Deutschland ins Risiko gehen. So ist es auch bei den Banken. Während die EU-Kommission eine Bankenunion mit einer gemeinsamen Finanzaufsicht, einem europaweiten Abwicklungsfonds und einer zentralen Einlagensicherung etablieren will, unterstützt Deutschland bislang nur die europäische Aufsicht. Steuergelder oder Garantien für ausländische Institute und ihre Einlagen aber lehnt Berlin ab – dabei ist der Plan ohne eine solche Haftungsübernahme zum Scheitern verurteilt, weil viele Staaten zu schwach sind, um ihre Banken auf eigene Kosten zu sanieren.