Zuerst ist nur das ZEIT -Logo zu sehen, dann schwenkt die Kamera zu dem großen Tisch, im Hintergrund die glitzernde Kuppel des Reichstags. Da sitzen wir, die Redaktion des ZEITmagazins . Wie angestrengt wir an diesem Montag, dem 7. Mai 2012, anfangs gucken, sehen wir erst später, als wir einen Blick auf die Videoaufzeichnung werfen. Denn jeder, der will, kann zum ersten Mal eine Redaktionssitzung mitverfolgen. Die Kamera überträgt alles live ins Netz.

Wir sind mitten in einem Experiment, dessen Ergebnis dieses Heft ist. Es geht um Öffnung, es ist ein Spiel mit Transparenz. Ausnahmsweise brechen wir mit der bewährten journalistischen Methode, Themen in der Redaktion zu entwickeln – die Ideen zu allen großen Geschichten kommen diesmal von außen, von denen, die sich öffentlich für Themen eingesetzt haben, die ihnen am Herzen liegen. Sie haben sich an unserer Onlineaktion »Das Heft Ihrer Wahl« beteiligt. Fünf Wochen lang konnte jeder seine Vorschläge auf einer Webseite zur Abstimmung stellen. Dieses Heft entstand nach dem Prinzip der Liquid Democracy, der »flüssigen Demokratie«.

Erfunden wurde es in Online-Communitys, die Piratenpartei setzt sich für das Prinzip ein . Deren Mitglieder nutzen eine Software, um Meinungen abzugleichen. Sie glauben, dass diese Software die Demokratie an vielen Stellen verändern könnte , weil sie Bürger in die Lage versetzt, mehr mitzureden. Wir haben getestet, wie das funktioniert. Neben spannenden Geschichten liefert dieses Heft erste Antworten.

»Was regt Sie auf, was fasziniert Sie?«, hatten wir unsere Leser im März gefragt. »Nennen Sie uns Themen, die Ihrer Meinung nach in den Medien zu kurz kommen.« Der Berliner Verein Liquid Democracy e. V. richtete eine Webseite für uns ein, bei der sich jeder mit einer E-Mail-Adresse anmelden konnte, auch anonym. Die Identitäten zu überprüfen wäre zu aufwendig gewesen – selbst die Piraten, die eine ähnliche Software benutzen, um die Meinung ihrer Mitglieder zu ermitteln, tun das nicht. Ein Risiko, wir sind es eingegangen.

Niemand konnte vorhersagen, was uns erwartete: Das Internet ist bekanntlich für Großartiges wie für Unfug offen. Die meisten Sorgen bereitete uns, dass Interessen- und Lobbygruppen versuchen könnten, die Aktion für ihre Zwecke zu kapern. Deshalb behielten wir uns die letzte Entscheidung über die journalistische Umsetzung vor.

Am 21. März gingen wir an den Start, und es war, als würden wir eine Schleuse öffnen: Die Zahl der Registrierten und Vorschläge wuchs praktisch mit jedem Ticken der Uhr. Der Mehrzahl der Teilnehmer war es sehr ernst mit ihren Anliegen: Guckt euch mal an, wie im Internetzeitalter Kreativität funktioniert, schrieben sie. Schaut auf Alternativkulturen, Bürgerbeteiligung bei Großprojekten, Radfahren, Lobbyismus, Fleischkonsum, Korruption. Oft ging es ums Große, Politische, und es wurde versucht, uns Journalisten auf die Seite der Anliegen zu ziehen. Unsere Aktion schien auf ein Riesenbedürfnis zu treffen, sich mitzuteilen und gehört zu werden. Die Unfug-Fraktion? Verblüffend unsichtbar. Das Kuriose blitzte nur kurz auf in dem Wunsch, über »Leben mit Eseln« zu schreiben, und in der Forderung: » Harald Schmidt darf nicht auf dem Traumschiff enden!«

Fünf Wochen lang war die Webseite verblüffend lebendig. Sie tönte, argumentierte, forderte. Themen schossen in der Rangliste nach oben und fielen wieder zurück, die Schwarmintelligenz bündelte ihre Kräfte: Es wurde gestritten und geworben. An Etikette und Regeln hielten sich alle, bis auf einen, der sich am selben Computer mit immer neuen E-Mail-Adressen einloggte, um sein Thema nach vorn zu voten. Er wurde disqualifiziert.