Tausende Bankkunden in ganz Deutschland warten gebannt auf diesen Tag: Am 26. Juni verhandelt der Bundesgerichtshof (BGH) über vier Klagen von Anlegern, die Zertifikate der US-Bank Lehman Brothers gekauft hatten und nun Schadensersatz fordern. Es wird erwartet, dass die fünf Richter noch am selben Tag – nach einer abschließenden Beratung – ihr Votum verkünden.

Die Kläger hoffen auf einen positiven Richterspruch, genau wie zahlreiche weitere Anleger. Schätzungen zufolge haben rund 50000 Deutsche Geld in Lehman-Zertifikate gesteckt, die nach der spektakulären Pleite des Instituts im September 2008 mit einem Schlag wertlos wurden. Einige Anleger haben einen Vergleich mit ihrer Bank geschlossen, viele andere prozessieren noch. 44 Fälle sind beim BGH anhängig.

In den anstehenden Urteilen geht es nicht nur um die juristische Frage, wann genau Lehman-Anleger Anspruch auf Schadensersatz haben. Es geht auch um das Verhältnis der in Verruf geratenen Finanzbranche zu ihren Kunden. Die Richter müssen sich mit der Frage befassen, worüber Banken ihre Kunden informieren müssen – und was sie ihnen verschweigen dürfen.

Auf den ersten Blick stehen die Chancen schlecht für die Kläger. In seinen ersten beiden Lehman-Urteilen vom September 2011 hat der BGH sich auf die Seite der Banken geschlagen. Was Anleger besonders enttäuschte: Die obersten Zivilrichter entschieden, dass die verklagte Bank – die Hamburgische Sparkasse (Haspa) – nicht über die Gewinnmargen hätte aufklären müssen, die beim Zertifikateverkauf für sie abfielen.

Die Bankenbranche konnte aufatmen, hätte ein gegenteiliges Votum doch weitere anlegerfreundliche Urteile nach sich gezogen. »Es wäre vor Gericht meist nicht mehr darauf angekommen, wie das Beratungsgespräch verlief und ob der Berater die Risiken der Papiere korrekt dargestellt hat«, sagt Patrick Wolff, Bankrechtsexperte bei der Kanzlei Graf von Westphalen in Hamburg.

Ein Verschweigen der Marge, die meist drei bis vier Prozent der Anlagesumme ausmacht, hätte dann automatisch eine Schadensersatzpflicht ausgelöst. »In der Regel haben Banken nicht auf die Margen hingewiesen«, sagt Bernd Jochem, Anlegeranwalt bei der Kanzlei Rotter in München.

Viele Finanzhäuser könnten sich aber zu früh gefreut haben. Wer den Grund dafür verstehen will, muss sich kurz mit den Gebührenmodellen der Banken und den Feinheiten der Provisions-Rechtsprechung befassen. In den September-Urteilen ging es um sogenannte Festpreisgeschäfte. Im verhandelten Fall der Haspa bedeutet das, dass die Bank die Zertifikate auf eigene Rechnung bei Lehman geordert hatte und sie dann an ihre Kunden weiterverkaufte.

Bei diesem Geschäftsmodell, urteilten die Richter, sei es »offenkundig«, dass Banken mitverdienen. Kunden könnten sich dies denken, eine spezielle Aufklärungspflicht sei nicht gegeben. Das klingt logisch, muss eine Supermarktverkäuferin ja auch nicht über die Marge informieren, die der Einzelhandel einstreicht.

Beim Kauf von Wertpapieren waren Festpreisgeschäfte allerdings lange die Ausnahme. In der Regel machten Banken Kommissionsgeschäfte , bei denen sie die Zertifikate nicht vorher auf eigene Rechnung, sondern im Auftrag des Kunden kauften. Viele Institute stellten erst nach der Lehman-Pleite auf Festpreisgeschäfte um.