ÜberfischungNachhaltig Fisch essen

Welche Arten sind besonders bedroht? Aus welcher Region darf man Fisch noch essen? Und wie schädlich sind Aquakulturen? Antworten auf die wichtigsten Verbraucherfragen. von  und Ilka Kopplin

1. Gibt es Fischarten, die man gar nicht mehr essen sollte?

Ja, zum Beispiel den Europäischen Aal (Anguilla anguilla) und den Südlichen Blauflossenthun (Thunnus maccoyii). Beide stehen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als »vom Aussterben bedroht«. In vielen anderen Fällen ist die Entscheidung jedoch komplizierter. Oft sind nicht ganze Arten, sondern einzelne Bestände bedroht. Daher gilt es beim Kauf von Fisch zu beachten: Aus welcher Meeresregion stammt er? Wie wurde er gefangen oder gezüchtet? Natürlich kann man als Verbraucher nicht den aktuellen Zustand sämtlicher Fanggebiete im Kopf behalten. Doch es gibt eine Reihe von Informationen, auf die man zurückgreifen kann.

2. Wo finden sich Informationen darüber, welche Bestände gefährdet sind?

Die Umweltverbände geben Empfehlungen heraus, die in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden. Greenpeace druckt sie als Leporello im Scheckkartenformat, der World Wide Fund for Nature (WWF) bietet eine kostenlose App für das Smartphone an. Da beide unterschiedliche Auswahlkriterien ansetzen, kommen sie allerdings häufig zu unterschiedlichen Empfehlungen. Die Greenpeace-Experten kennzeichnen einen Fisch schon als »nicht empfehlenswert«, wenn bei seinem Fang nur eines von elf Negativkriterien (hoher Beifang, destruktive Fangmethoden, Fang in empfindlichen Tiefseeregionen...) zutrifft. Daher halten sie nur fünf Fischarten für »noch empfehlenswert«: Forelle, Hering, Karpfen, Makrele und Zander. Und auch hier gibt es Einschränkungen, etwa für Makrelen aus der mittleren und südlichen Nordsee. Der WWF wiederum rät von Makrelen aus dem Mittelmeer ab. Er bezeichnet dafür mit Schollen aus der Nordsee als »gute Wahl«, wenn sie mit Stellnetz gefangen wurden. Greenpeace lässt sie nur dann als »noch empfehlenswert« durchgehen, wenn sie mit Grund-Langleinen gefangen sind.

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3. Was hilft bei der Entscheidung am Kühlregal?

Wer sich nicht ganz so intensiv mit Fischereibiologie beschäftigen will, kann sich an Zertifizierungssiegeln orientieren. Am weitesten verbreitet ist hierzulande das des Marine Stewardship Council (MSC) für nachhaltige Fischerei. Andere Siegel, auf die man in Supermarktregalen oder Kühltheken stoßen kann, sind beispielsweise Friend of the Sea (FOS) und SAFE. Letzteres kennzeichnet Thunfisch, bei dessen Fang keine Meeressäuger gefährdet wurden. Supermärkte bedienen sich auch eigener Etiketten. Die Rewe-Gruppe etwa markiert nachhaltig gefangenen oder gezüchteten Fisch mit der Aufschrift »pro planet«.

Erst vor wenigen Wochen gab es unter Experten eine erregte Debatte über einen Aufsatz des Fischereibiologen Rainer Froese in Marine Policy, der die Zertifizierungspraxis von MSC und FOS untersucht hatte. Er hatte viele Unstimmigkeiten gefunden, etwa Bestände, die nach der Zertifizierung in den Bereich der Überfischung geraten waren, ohne dass ihnen die Zertifizierung wieder entzogen worden wäre. Trotz aller Kritik aber rät Froese dazu, zertifizierte Produkte zu kaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Fische aus gesunden Beständen stammen, sei mit MSC- und FOS-Siegel drei- bis viermal höher als bei Produkten ungeprüfter Anbieter. »Und wer Fisch aus gesunden Beständen kauft, unterstützt nachhaltigen Fischfang«, sagt Froese. »So kann er den Fisch essen und gleichzeitig schützen.«

Pangasius, Dorsch, Thunfisch, Forelle

Pangasius
Der Zuchtfisch aus Südostasien erobert seit 2005 die Supermärkte. Umweltschützer sehen den Verzehr eher kritisch. Pangasius aus Vietnam ist jedoch zum Teil zertifiziert, zum Beispiel von Naturland.

Kabeljau/Dorsch
Kabeljau ist einer der am häufigsten gefangenen Fische im Nordostatlantik. Kommt er aus der Ostsee, wird er meist als Dorsch bezeichnet. Dort gibt es wieder gesunde Bestände. Der WWF empfiehlt den aus der Nordostarktis.

Thunfisch/Bonito
Früher meist aus der Dose, jetzt oft als Sashimi: Ein Deutscher isst im Durchschnitt 1,4 Kilo Thunfisch pro Jahr. Der südliche Blauflossenthun ist bereits vom Aussterben bedroht. Alternativ ist der Skipjack zu empfehlen.

Forelle
Regenbogenforellen aus europäischer Aquakultur empfehlen Greenpeace und der WWF. Vermeiden sollte man aber Zuchtforellen aus Chile und der Türkei sowie wild gefangene Bach- und Meerforellen.

Rotbarsch, Lachs und Hering

Rotbarsch
Er kommt vor allem in der Tiefsee des Nordatlantiks vor. Da er sich nur sehr langsam fortpflanzt, rät Greenpeace vollständig vom Verzehr ab. Auch beim WWF ist lediglich der isländische Rotbarsch noch zweite Wahl

Alaska-Seelachs
Absoluter Spitzenreiter: Alaska-Seelachs macht ein Viertel des jährlichen Fischkonsums aus, mehr als 3 Kilo pro Kopf. Der Fischstäbchenfisch wird oft für Fertiggerichte benutzt. Ein Großteil ist MSC-zertifiziert.

Lachs
Ob Wildfang oder Aquakultur: Knapp zwei Kilo lässt sich jeder Deutsche jährlich schmecken. Bei Greenpeace steht Lachs auf der Roten Liste. Noch empfehlenswert: Fänge aus dem Golf von Alaska und aus schottischer Zucht

Hering
2,7 Kilo Hering werden hierzulande pro Jahr und Kopf verspeist – etwa als Matjes, Rollmops oder Brathering. Ein Großteil der importierten Konserven kommt aus Polen. Hering kann man in der Regel guten Gewissens essen

4. Wildfang oder Aquakultur – was ist besser für den Erhalt der Fische?

Fischzucht ist nicht zwangsläufig schonender als Wildfang. Aquakulturen können verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem haben und damit letztendlich auch auf die Fische. So laufen durch Kot und Medikamente verunreinigte Abwässer oft aus den Teichanlagen in Seen, Flüsse und Meere über. Das zur Fütterung benötigte Fischmehl wird zudem aus wild gefangenen Fischen hergestellt, wodurch deren Bestände massiv schrumpfen. Für die Garnelenzucht werden häufig ganze Mangrovenwälder an den Ufern gerodet. Ein gezüchteter Fisch muss also in seiner Ökobilanz nicht besser ausfallen als ein wild gefangener.

Leserkommentare
  1. Alles in allem ein sehr guter Beitrag, wie ich finde. Auch der vorangehende Artikel "Leere Meere, volle Teller".
    Allerdings muss die vom Autor unter Punkt 8. erwähnte Studie der Bundesforschungsanstalt für Fischerei schon etwas älter sein. Denn die Bundesforschungsanstalt gibt es unter diesem Namen schon seit einigen Jahren nicht mehr.
    Die Fischereiforschungsinstitute der ehemaligen Bundesfoschungsanstalt sind nun im Thünen-Institut (Landwirtschaft, Forst- und Holzwirtschaft und Fischerei) untergebracht.

  2. Wir sind froh DIE ZEIT unterstreiche dass, zertifizierte Fische auf alle Faelle eine bessere Alternative darstellen. Wenn Sie mehr ueber Friend of the Sea Zertifizierungsprozess erfahren moechten (auch apropos Zertifizierungscriteria) stehen alle Infos oeffentlich zur Verfuegung: www.friendofthesea.org

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