FischereiLeere Meere, volle Teller

Auf der Speisekarte ist Fisch zunehmend beliebt, im Wasser gibt es immer weniger davon. Welche Arten darf man noch essen? von 

Dorsch Kabeljau Cod Gadus morhua

Ein Dorsch – oder Kabeljau - in einer Kühlkiste in Nordengland  |  © Christopher Furlong/Getty Images

Die Verhandlungen waren zäh. Fast einen Tag und eine Nacht lang saßen die EU-Minister für Fischerei im Luxemburger Ratsgebäude zusammen. Draußen schwenkten Greenpeace-Anhänger Plakate: »Minister, stoppt die Überfischung!« Der 12. Juni sollte zum Tag der Entscheidung werden – der Entscheidung über die Zukunft der Meere.

Denn die Zahl unserer Fische sinkt dramatisch. Nach offiziellen Zahlen der Europäischen Kommission sind 63 Prozent der Bestände im Atlantik überfischt, im Mittelmeer sogar 82 Prozent. Weltweit ist bereits ein Viertel der Bestände zusammengebrochen. Fische wie der Europäische Aal und der südliche Blauflossenthunfisch sind akut vom Aussterben bedroht. Und nach den allerdüstersten Prognosen wird es im Jahr 2048 überhaupt nichts mehr zu fangen geben. Daher traten die EU-Minister zusammen, um ein neues Regelwerk zu beschließen. Eine letzte Chance für die Fische.

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Fisch wird hierzulande nahezu bedenkenlos in immer größeren Mengen verzehrt. 1980 aß ein Deutscher im Durchschnitt 11,2 Kilogramm Fisch, 2010 waren es schon 15,5 Kilogramm. »Alle zehn Jahre kommt rund ein Kilo dazu«, sagt Matthias Keller vom Fisch-Informationszentrum Hamburg.

Ihren Fleischkonsum beginnen die Deutschen bereits einzuschränken. Aufgerüttelt durch Berichte über die Folgen der Massentierhaltung und verunsichert durch die jüngsten Lebensmittelskandale, kaufen sie Hühnerbrust und Rindersteak bewusster ein. Fisch erscheint als gesunde, natürliche und ethisch unproblematische Alternative. Er ist cholesterinarm und eiweißreich und enthält wichtige Vitamine und Mineralien. Die Lebensmittelindustrie bietet ihn in den verschiedensten Formen an, für jeden Geldbeutel und für jede Zubereitungsart. Und aus den Urlaubsländern gelangen immer wieder neue Fischgerichte auf den Speiseplan.

Pangasius, Dorsch, Thunfisch, Forelle

Pangasius
Der Zuchtfisch aus Südostasien erobert seit 2005 die Supermärkte. Umweltschützer sehen den Verzehr eher kritisch. Pangasius aus Vietnam ist jedoch zum Teil zertifiziert, zum Beispiel von Naturland.

Kabeljau/Dorsch
Kabeljau ist einer der am häufigsten gefangenen Fische im Nordostatlantik. Kommt er aus der Ostsee, wird er meist als Dorsch bezeichnet. Dort gibt es wieder gesunde Bestände. Der WWF empfiehlt den aus der Nordostarktis.

Thunfisch/Bonito
Früher meist aus der Dose, jetzt oft als Sashimi: Ein Deutscher isst im Durchschnitt 1,4 Kilo Thunfisch pro Jahr. Der südliche Blauflossenthun ist bereits vom Aussterben bedroht. Alternativ ist der Skipjack zu empfehlen.

Forelle
Regenbogenforellen aus europäischer Aquakultur empfehlen Greenpeace und der WWF. Vermeiden sollte man aber Zuchtforellen aus Chile und der Türkei sowie wild gefangene Bach- und Meerforellen.

Rotbarsch, Lachs und Hering

Rotbarsch
Er kommt vor allem in der Tiefsee des Nordatlantiks vor. Da er sich nur sehr langsam fortpflanzt, rät Greenpeace vollständig vom Verzehr ab. Auch beim WWF ist lediglich der isländische Rotbarsch noch zweite Wahl

Alaska-Seelachs
Absoluter Spitzenreiter: Alaska-Seelachs macht ein Viertel des jährlichen Fischkonsums aus, mehr als 3 Kilo pro Kopf. Der Fischstäbchenfisch wird oft für Fertiggerichte benutzt. Ein Großteil ist MSC-zertifiziert.

Lachs
Ob Wildfang oder Aquakultur: Knapp zwei Kilo lässt sich jeder Deutsche jährlich schmecken. Bei Greenpeace steht Lachs auf der Roten Liste. Noch empfehlenswert: Fänge aus dem Golf von Alaska und aus schottischer Zucht

Hering
2,7 Kilo Hering werden hierzulande pro Jahr und Kopf verspeist – etwa als Matjes, Rollmops oder Brathering. Ein Großteil der importierten Konserven kommt aus Polen. Hering kann man in der Regel guten Gewissens essen

Früher waren die klassischen Fischesser gut situierte Mittfünfziger, die bisweilen ein teures Stück zum Abendessen brieten. Inzwischen ist Fisch zum schnellen Snack in der Mittagspause geworden. Nizzasalat mit Dosenthunfisch gehört zum Standard der Speisekarten, Sushi-Läden an allen Ecken machen den Burgerketten Konkurrenz.

Angesichts der Schreckensmeldungen aus den Ozeanen muss einem jedoch der Appetit vergehen. Darf man überhaupt noch Fisch essen? Gibt es noch Arten, die man guten Gewissens im Restaurant bestellen kann? Oder sollte man gleich ganz verzichten?

Fragt man Fischereiwissenschaftler, bekommt man sehr differenzierte Antworten. Ein »Fischbestand« ist in ihrem Fachjargon die Population einer Fischart (etwa Hering), die in einem bestimmten geografischen Bereich (etwa der Nordsee) lebt und dort eigene Laichgebiete hat. Halb so groß wie der unbefischte Bestand ist sein »maximaler Dauerertrag«. Wenn ein Bestand zu klein geworden ist, um diese Menge Fisch zu liefern, bezeichnen ihn die Wissenschaftler als »überfischt«. Wenn er weniger als ein Zehntel dessen liefert, gilt er als »zusammengebrochen«. Das muss nicht heißen, dass sich der Bestand nicht wieder erholen kann. Die Heringe in der Nordsee etwa vermehrten sich wieder, als dort konsequent weniger gefischt wurde.

Da sich Fische im Wasser nicht einfach zählen lassen, fischen Biologen mit standardisierten Netzen an zufällig bestimmten Stellen. Sie erfassen, was ihnen ins Netz gegangen ist, und rechnen von dieser Grundlage aus hoch, wie viel Fisch in diesem Meeresgebiet lebt. Aufgrund ihrer Ergebnisse geben sie Empfehlungen für die Fischer ab, welche Bestände befischt werden können. Von Jahr zu Jahr werden das weniger.

Leserkommentare
  1. Nachdem uns die offensichtlich barbarische Haltung von Hühnchen und Schweinchen in eine moralisch bedenkliche Situation brachten, wird uns solch ein Missgeschick hoffentlich nicht mehr mit unserer neuen persona non grata passieren. Wir haben ja gelernt, und führen den Krieg gegen die Vernunft jetzt unter einer samtenen Oberfläche, die gleichzeitig als Grenze unserer Zuständigkeit dienen soll.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/kvk

  3. sie geht ihren weg weiter. selbst wenn er dahin fuehrt, dass der planet irgendwann nur noch von mikroben belebt ist.
    die egoistische frage lautet, wollen wir menschen menschenwuerdig weiterexistieren.
    nachteil der farmzuchten sind teilweise verhältnisse wie in der massenzucht an land, wo deutschland international ein abschreckendes beispiel ist.
    es gibt fischzuchtländer die ihren eigenen farmfisch nicht essen, weil sie wissen mit was er gefuettert und wachtumsgepuscht wird

  4. Ich esse solange jeden Fisch in der Auslage, der meinen Ansprüchen entspricht

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    - ignoranten werden das nie.

    • brux
    • 28. Juni 2012 10:57 Uhr
    5. Gier !

    In der Tat fragt man sich, wem sich die Minister eigentlich verpflichtet fühlen. Offenbar gilt der Amtseid hier nichts.

    Die schlimmen Finger finden sich im übrigen vor allem in den Euro-Pleiteländern, allen voran Spanien, das den Raubbau und den Betrug zum Geschäftsprinzip erhoben hat. Vielleicht versucht man es einmal mit einem Junktim mit dem Rettungspaket für die Banken.

    Die Kommission hat die Möglichkeit, keinen Vorschlag zu Fangquoten zu machen. Ohne Fangquoten wäre aber die gesamte EU-Fischerei illegal und wäre sofort einzustellen. Auch hier fehlt es also am politischen Mut.

    • Achje
    • 28. Juni 2012 11:06 Uhr

    Das wäre doch mal ein wirklich sinnvolles Gebiet, um eine Kennzeichnungspflicht für Produkte einzuführen. Wer als Endverbraucher einen Fisch kauft, hat im Laden ja keinerlei Chance zu erkennen, wie es um den jeweiligen Fischbestand steht, und kauft deshalb, was angeboten wird und gefällt. Sich eigenständig zu informieren ist hier viel zu kompliziert und aufwendig, eine Art Ampelkennzeichnung wäre für Fische wirklich wünschenswert.

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    und wer kontrolliert die Ampel-Macher?

    Irgendwann wird uns dann Fisch von den Führern zugeteilt, so wie alle Nahrungsmittel, die wir benötigen, natürlich auf unsere Bedürfnisse abgestimmt.

    Eine Schreckensvision.

  5. 7. Fisch

    Auf den Verzehr von Fisch verzichten, Problem gelöst.

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    Ist nie mehr Sex zu haben denn die Lösung der AIDS-Problematik?

    Fisch ist Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung und ein sehr leckeres Lebensmittel. Auf Fisch zu verzichten, ist keine Lösung. Vielmehr sollte man beim eigenen Einkauf die Tipps befolgen, die dieser Artikel hervorbringt. Sich damit beschäftigen, auswählen und genießen. Nur mit Aufklärung und einem intelligenten Bewusstsein, wird es funktionieren. Und langsam essen, nicht jeden Tag Fleisch, nicht jeden Tag Fisch. Nur die Ruhe.

    Problem gelöst...

    Es gibt nämlich auch viele pflanzliche Nahrungsmittel, die man lieber nicht essen sollte, weil die Pflanzen vom Aussterben bedroht sind.

    Mal sehen, wann wir dazu eine ZEIT Kolumne erhalten.

  6. Es ist nicht richtig alles auf die Politiker zu schieben, diese hängen doch auch nur den Fäden der Fischindustrie. Der Verbraucher ist gefragt. Was ist denn bitte basisdemokratischer als Angebot und Nachfrage?!
    Einfach auf den (quecksilber verseuchten)Meeresfisch verzichten und Bestände schonen.
    Selbst wem es nicht um die Fische geht. Die riesigen Trawler die für Europa & CO im Pazifik wildern nehmen der einheimischen Bevökerung ihre Lebens- und Ernährungsgrundlage. Fischverzehr gefährdet also auch den Menschen, akut und nachhaltig!

    Und davon mal ab, jeder der sich mal in den Lebensraum dieser Geschöpfe begeben hat weiß, dass diese Tiere viel zu schön sind um sie zu verzehren.

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    • Achje
    • 28. Juni 2012 11:16 Uhr

    Freiweilliger Verzicht hört sich nett an, wird aber nicht funktionieren. Die Masse der Verbraucher kauft, was ihr angeboten wird, durch solche Aufrufe alleine ändert sich gar nichts.

    ist sicher eine Komponente, aber nicht die wesentliche.
    Resourcen werden in erster Linie verschleudert und unwiederbringlich zerstört, um Profit zu machen! Es ist nicht einzusehen, das an den Konsumenten appeliert wird, doch bitteschön seine paar Kröten noch weltrettend möglichst nachhaltig einzusetzen, während auf der anderen Seite, der der Produktion, Resourcen verschleudert werden, als gäbe es kein morgen. Und für die Produzenten ist es ja genau so. An der Zukunft interessiert nur, ob genug Profit gemacht werden kann, um im Konkurrenzkampf zu überleben. Da werden Wälder abgeholzt und Städte erleuchtet, um den Konsumenten von gerade diesem Produkt zu überzeugen, Resourcen aus Bürgerkriegsgebieten oder Ländern ohne marginale Umweltstandards billiger bezogen, Müll dorthin entsorgt, wo es nichts kostet. Dazu Bedürfnisse halluziniert und den Menschen eingeredet, um den nächsten tollen Plastik-Kram "auf den Markt" zu bringen...All dieser Irrsinn ist dem real existierenden Wirtschaftssystem immanent und kann daher auch nur mit ihm zusammen abgeschafft werden.
    Dezentrales, selbstbestimmtes, bedürfnisorientiertes Wirtschaften (und das hat nichts mit real-soz Experimenten zu tun) ohne Konkurrenzdruck und Profitgier...unmöglich oder ungewollt?
    "Es wächst hiniden Brot genug..."
    Man muß es nur bedarfsgerecht backen und verteilen. So werden dann auch nicht 50% der Nahrungsmittel weggeworfen, ohne das auf mehr verzichtet werden muß als auf Ausbeutung der Arbeit Vieler durch Wenigev

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