Gleich nach der achten Klasse, 1965, stand Rausch das erste Mal im Schlachthof, damals noch ein Klinkerbau, und begann seine Fleischerlehre. Die Fliesen an den Wänden reichten nur bis 2,50 Meter, es gab keine Hygieneschleusen, keine Kettenhandschuhe, die Tiere wurden mit einer Elektrozange betäubt. Rausch sagt: "Ich wollte das werden, von jeher." Zwei Onkel von ihm lebten im Westen, sie betrieben eine kleine Schlachterei. "Da habe ich Appetit darauf bekommen." Vor allem konnte man in diesem Beruf gutes Geld verdienen. 1.700 Mark Ost bekam Rausch zuletzt in der DDR , mehr als ein Universitätsprofessor. Er fuhr einen Trabi, der Kinderarzt kam zu ihm nach Hause. Alles erschien möglich im Tausch gegen Fleisch. Fleisch war damals etwas Seltenes, Wertvolles, der Fleischer in Rauschs Dorf verkaufte es nur freitags. Die DDR, fast ein vegetarischer Traum.

Das erste Tier, das Rausch schlachtete, war ein Schaf, am Kleintier wurde trainiert. Zur Gesellenprüfung musste er ein Rind töten. Allein. Rausch wollte sich nicht blamieren. "Das Rind – das ist die Krone des Schlachthofs", sagt er. Heute sei alles spezialisiert, den traditionellen Fleischer gäbe es nicht mehr. Die Lehrlinge lernen Zerleger, Schlachter oder Lebensmitteltechniker. Nur das Töten hat sich kaum verändert.

Nebenbei fing Rausch an, nach Feierabend oder an den Wochenenden zu schlachten. An seine erste Hausschlachtung 1968 kann er sich noch gut erinnern. Sein Chef war betrunken, Rausch musste es allein durchziehen. "Das ist was ganz anderes als das industrielle Schlachten", sagt er. Rausch allein gegen das Tier, die Überwindung, die Verantwortung. Die Macht. In seinen "Spitzenjahren", wie er es nennt, tötete Rausch 120 Schweine privat. Das sind bis heute insgesamt etwa 4.000 Schweine, und wenn man die Tiere aus dem Schlachthof dazurechnet, kommt man auf zehn-, wenn nicht hunderttausend Tiere, die er geschlachtet hat.

Holm Rausch hat nicht bemerkt, wie sich der Tod in sein Leben schlich, er denkt nicht über so was nach. Wie wirkt es auf einen Menschen, wenn er jahrelang Tiere tötet, verändert es ihn, verändert es irgendwas?

Immer diese Fragen, sagt Rauschs Blick. Er stellt sie sich nicht. Vielleicht ist das auch unmöglich. Vielleicht kann man diesen Beruf nur machen, wenn man das Wesentliche ausblendet, sich taub stellt. Er sagt, er habe keine komischen Gefühle dabei, ein Tier abzustechen. "Das hinterlässt nischt bei mir." Immer wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, schaut er ein wenig ratlos, er kann dazu nichts sagen. Das Töten ist für ihn alltäglich, es fällt nicht weiter auf. Er weiß, Schlachter haben einen schlechten Ruf, gelten als die Henker der Neuzeit. "Fleischer sind als Rohlinge verschrien. Du machst eine Kreatur tot, das hängt dir am Bein", sagt er.

Rausch hat bemerkt, dass in der Welt außerhalb des Schlachthofes ein Kampf tobt, der PR-Mann aus München nennt ihn einen "Kulturkampf": Vegetarier gegen Fleischesser. Dabei habe es noch nie so gutes Fleisch gegeben wie heute. In den vergangenen Jahren wurden Bücher wie Tiere essen von Jonathan Safran Foer und Anständig essen von Karen Duve Bestseller. Beide Autoren kommen, kurz gesagt, zu dem Schluss, dass Fleischkonsum unseren Planeten zerstöre. Beide befürworten eine vegetarische Lebensweise. Und dann gibt es da noch diese Bürgerinitiative Pro Weißenfels, die den Schlachthof "Kathedrale des Todes" nennt; die findet, ein Schlachthof gehöre nicht ins Stadtgebiet; die sagt, es stinke an manchen Tagen so, dass man die Fenster nicht öffnen könne; die sich über den Lärm der Lkw beklagt und über Umweltverschmutzung. Das macht Rausch richtig sauer. Schlachthofgegnern schleudert er entgegen, dass sie gegen jeden Fortschritt seien und der Schlachthof 1.700 Mitarbeitern und deren Familien Lohn und Brot gebe, pünktlich an jedem 5. des Monats. "Man sollte dem Bernd in Weißenfels ein Denkmal bauen", findet er.

Bernd ist Bernd Tönnies und der Bruder von Clemens Tönnies , der heute die Firma führt und beim Fußballverein Schalke 04 im Aufsichtsrat sitzt. Bernd Tönnies starb 1994. Rausch kann sich noch genau an ihr erstes Treffen erinnern, vor dem Mauerfall. Da kam so einer im schwarzen Nadelstreifenanzug aus dem Westen, der schlenderte durch den Schlachthof und meckerte. Sie seien viel zu langsam, würden falsch stechen. Bis Holm Rausch ausrastete: "Du liegst gleich in der Blutwanne", drohte er ihm. Der Mann im Nadelstreifenanzug war Bernd Tönnies und wenige Wochen später Rauschs neuer Chef. "Du hast so ’ne große Fresse, dich mach ich zum Chef der Zerlegung", sagte er zu Rausch.