Für Rausch bedeutete das: Er war nicht einen Tag arbeitslos und der Schlachthof einer der ersten privatisierten Betriebe der Ex-DDR. In einer Zeit, in der einst mächtige Industrieanlagen dichtgemacht wurden und ganze Landstriche im Osten verödeten, durfte Holm Rausch weitermachen. Das Gefühl, das ihn beherrscht, ist Dankbarkeit. Rausch erzählt von Männern, die ihm Koffer voller Geld böten, wenn er über die Produktion bei Tönnies auspacke. Konkurrenten, die versuchen, ihn abzuwerben. Die Fleischindustrie ist grob, Rausch ist loyal bis ins Mark.

Er klingt manchmal selbst ein wenig verwundert, wenn er durch den Betrieb führt und erzählt, wie groß er geworden ist und wie groß er noch werden wird. Neben dem Schlachthof ragt das Skelett der neuen Tiefkühlhalle in den Himmel, darin werden sie Fleisch für Japan produzieren. Tönnies hat gerade noch den ehemaligen Güterbahnhof von Weißenfels gekauft. Über die Hälfte des Fleisches wird exportiert. In den Industrieländern geht der Fleischkonsum zurück, in den Schwellenländern steigt er.

In der Zerlegehalle stehen die Männer und Frauen der Morgenschicht am Band, dicht an dicht. Es ist so laut, dass sie sich nur durch Schreie verständigen können. Ein Mann macht den ganzen Tag nichts anderes, als den Schweinen den Kopf abzutrennen. Es ist kühl, es dampft, es riecht nach Blut. Die Zerleger schneiden Lachsschinken, Nackenstücke, Filet, trennen Fett vom Fleisch, alles per Hand. "Die Schnittführung muss sitzen", sagt Rausch. Ein Schnitt muss wie der andere sein. "Es geht immer um den Fettgehalt." Je geringer, desto teurer. Jeder Millimeter bedeutet Cash. Wenn zu viel Fleisch am Knochen bleibt, heißt das Verlust. Rausch schaut in die Tonnen mit dem Lachsschinken, er ist unzufrieden, nicht fein genug geschnitten. Manchmal mischt er sich unter seine Mitarbeiter am Band. Er nennt das "Gewicht machen". Dann läuft ihm der Schweiß in die Stiefel, und es geht darum, sich Respekt zu verschaffen, die Rangordnung zu markieren.

Wenn Holm Rausch durch den Schlachthof schreitet, hält er seinen kleinen Körper gerade, das Kinn nach vorn gereckt. Die Blicke folgen ihm stumm. Er hat die Macht, und er weiß es. Ab und zu winkt er einen der Vorarbeiter heran. Nur ein Fehler, und die Firma Tönnies ist draußen. Wenn die Kontrolleure von Aldi den Schlachthof besuchen, halten sie Spiegel unter die Bänder. Aldi und Lidl sind Großkunden, sie werben damit, dass innerhalb von 24 Stunden nach Schlachtung das Fleisch bei ihnen in der Theke liegt.

Neben Rauschs Kopf fallen Hautfetzen von einem Band in eine Tonne. Früher in der DDR schlachteten sie in Weißenfels zuletzt 500 Schweine und 120 Rinder am Tag, nun töten sie nur noch Schweine, aber 30-mal so viele. Rausch zeigt auf ein Band, an dem nur Polen stehen, 350 arbeiten in der Zerlegung und 120 Ungarn . Sie haben Werksverträge. Rausch sagt, alle bekämen mehr als den Mindestlohn von 7 Euro die Stunde. "Sonst würden die nicht kommen."

Ein sensibles Thema. Es gab immer wieder Skandale in der Fleischindustrie, auch bei Tönnies. Um ausländische Billigarbeitskräfte ging es, um menschenunwürdige Unterkünfte. Darum macht Rausch ab und zu Kontrollbesuche in den Wohnungen seiner ausländischen Arbeiter. Sind die nicht in Ordnung, bedeutet das Stress mit den Einheimischen. Manchmal kommen die auf ihn zu und beschweren sich: "In der Kubastraße ist wieder Holiday!" Als sei Rausch der Erziehungsberechtigte seiner Mitarbeiter.

Und geht er bei Netto einkaufen, spricht ihn die Kassiererin an: "Wieder ganz schön viele Polen bei euch!" Da reagiert Rausch ein bisschen empfindlich. Er findet kaum Deutsche, die den Job machen wollen. Und außerdem liebt sein Sohn eine Polin, sie haben sich im Schlachthof kennengelernt. 

Rausch steigt die Treppen zur Schlachtung hinab, es wird wärmer, es riecht süßlich. Nach Tod. Am Eingang der Schlachtung hängt ein totes Schwein, aussortiert. Rausch brüllt. "Was hat das hier zu hängen?" Sauerei. Rausch läuft nun schneller, er weiß, wie dieser Ort wirkt auf Uneingeweihte. Auch der PR-Mann aus München erscheint jetzt etwas nervös, er will auf keinen Fall Bilder von Schweinen mit herabhängenden Köpfen und offenen Leibern, aus denen das Blut fließt. Das wirkt negativ auf die Verbraucher, ist seine Erfahrung. Zerlegung ist in Ordnung, Schlachtung geht nicht. "Aber das ist nun mal der entscheidende Prozess hier!", sagt Rausch.