Fleischkonsum : Fleisch
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Die Schweine verlieren ihr Bewusstsein im Verborgenen

Lange hat er es nach dem Mauerfall in der Zerlegung nicht ausgehalten, er wollte schlachten. Rausch will führen, also zieht es ihn ins Zentrum des Geschehens. Geht es beim Schlachten um Macht? Rausch schweigt. "Denke mal", sagt er dann. Er steht an der Blutwanne, über ihm hängen die betäubten Schweine kopfüber an Haken und gleiten in Richtung Tod. In jeder Schicht arbeiten zwei "Stecher", sie halten einen Schlauch in der Hand, an dessen Ende Spitzen sind, und töten die Tiere durch einen Halsbruststich, sie bluten aus. Die Stecher töten 820 Schweine in der Stunde, etwa 13 in der Minute, eins alle vier bis fünf Sekunden. Es ist warm. Es stinkt. Kein Tageslicht. Ein Höllenjob.

Wenige Meter vor den Stechern leben die Schweine noch, Tausende stehen und liegen in einer Halle dicht gedrängt. Sie sind still, gespenstisch still, scheinen zu schlafen. Zwei bis drei Stunden verbringen sie vor ihrem Tod dort in der Ruhephase. Immer wieder haben Augenzeugen berichtet, dass Tiere geschlagen oder getreten wurden. "Tierquälerei gibt’s bei mir nicht", sagt Rausch. Die Abladerampe wird bei Tönnies mit Kameras überwacht. Nach der Ruhephase werden die Schweine in Gruppen zu sechst oder siebt in einen Käfig getrieben, und eine Metallwand schiebt sie in einen Schacht, dort werden sie 120 Sekunden lang mit CO₂ betäubt.

Die Schweine verlieren ihr Bewusstsein im Verborgenen, ihre Todesangst bleibt unsichtbar. Kein Geräusch dringt in den Schlachthof. Tierschützer bekämpfen diese Betäubungsart als qualvoll, weil einige Tiere noch vor dem Todesstich wieder erwachten oder, wenn der überforderte Stecher danebensteche, lebendig ins Brühbad gingen. Rausch meint, das sei noch nie passiert. "Die schnappen einmal und schlafen wie nach einer Narkose. Die stehen nicht mehr auf."

Der Weltklimarat schlägt vor, die Bewohner der Industrieländer sollten sich vegetarisch ernähren. Der steigende Fleischkonsum und die dafür nötige Massentierhaltung bewirken 18 Prozent der Treibhausgasemissionen der Erde. Gülle-Seen verseuchen das Grundwasser, zerstören die Böden. Für Weideland und zum Anbau von oft gentechnisch veränderten Sojabohnen für Tierfutter wird der Regenwald gerodet – die Aussichten klingen apokalyptisch. Rausch verstummt bei diesen Themen fast ganz. "Wir verschmutzen keine Umwelt", sagt er hilflos. Der PR-Mann übernimmt: "Wer sind wir, dass wir den Chinesen sagen, sie sollen kein Fleisch essen?"

In Weißenfels kommen Schweine aus 8.000 bis 10.000 Mastbetrieben an. Die meisten Ferkel wurden kastriert, ohne Betäubung, ihre Schwänze sind kupiert und ihre Eckzähne abgeschliffen. Damit sie sich in der Enge der Massenställe nicht beißen. Es gibt Bestrebungen, Schweine nicht mehr zu kastrieren oder sie zumindest vorher zu betäuben. Rausch erzählt, dass die Bauern an den alten Methoden hängen, aus Tradition. Und Betäubungsmittel kosten Geld – jeder Discounter lockt aber mit Wurst zu Niedrigstpreisen.

"Für mich ist Fleisch viel zu billig", sagt Rausch. Er wirkt ein wenig erschöpft, seine Augen sind ganz klein, er ist es nicht gewohnt, so lange über sich zu reden. Draußen scheint die Sonne, Zeit zu gehen. Rausch zieht sich um. Ohne Helm und ohne Kittel sieht er verändert aus, irgendwie geschrumpft, seiner Macht beraubt. Er steigt in den Mercedes, die Klimaanlage läuft. Acht Kilometer sind es bis zu seinem Dorf. Normalerweise holt er gegen drei seinen Enkel von der Kita ab und kümmert sich bis zum Abend um ihn. Vormittags Tod, nachmittags Leben. 

Der Tod hat sich in Rauschs Leben breitgemacht und fordert immer mehr Raum. Auch wenn Rausch das nie so sehen würde. Vor sieben Jahren starb sein älterer Sohn bei einem Motorradunfall. Seitdem fahren die Rauschs nicht mehr in Urlaub, das Motorrad steht unberührt in der Garage, und jeden Abend besucht er mit seiner Frau das Grab. Er parkt den Wagen in der Einfahrt. Die Wände seines Hauses sind gekachelt wie in einer Fleischerei. Seinen Garten pflegt Rausch bis zur Perfektion. Er hat einen kleinen Teich mit Fischen angelegt, darüber eine Brücke gebaut, Gipslöwen bewachen sie.

Haustiere hat er keine. Früher lebten ein paar Schweine, die er auch schlachtete, bei ihm in der Garage. Aber die machen den Rasen kaputt. Und er hat mal Hühner gezüchtet, Große Welsumer, ist mit ihnen zu Ausstellungen gefahren und hat Preise gewonnen. "Ich mag Tiere", sagt er. Am Ende hatte er keine Zeit mehr für seine Hühner. Selbst schlachten konnte er sie nicht. Holm Rausch erträgt den speziellen Geruch dabei nicht. Einfach eklig.

Kommentare

51 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Ein rauher Ton dort...

Ja stimmt, ein guter Artikel über ein Thema, dass (auch ich) zu gerne ausblende. Scheinen schon ganz spezielle Menschen zu sein, die den Job tun können, wie der Dialog zeigt:
"Du liegst gleich in der Blutwanne«, drohte er ihm. Der Mann im Nadelstreifenanzug war Bernd Tönnies und wenige Wochen später Rauschs neuer Chef. »Du hast so ’ne große Fresse, dich mach ich zum Chef der Zerlegung«, sagte er zu Rausch."

schweine

der artikel ist wirklich schön geschrieben.

ich hab selber mal in der ferkelaufzucht gearbeitet, zum glück auf einem outdoorbetrieb. kastrieren ist keine schöne sache, kleine ferkel zu töten weil man schon sieht dass aus ihnen kümmerer werden auch nicht. sehen wie sie sich ohren und schwänze abbeißen, auf grund des dichtestresses auch nicht.egal wie man es dreht und wendet, ob bio oder konvi, ob draußen oder drinnen. fleischproduktion ist grausaum.

sich als schlachter wegen der umweltverschmutzung schlecht fühlen? ---halte ich für blödsinn-- schämen sollte man sich weil man das wissen über die produktion nicht weiter transferiert. ob der konsum in china steigt hängt sicher auch davon ab in wie weit transparenz von produktion bis verbaucher herscht. wenn Betriebe produzieren können unter dem deckmantel der ernährungssicherheit und dabei die sicherheit einer breiten weltbevölkerung beiseite schieben... kann niemand erwarten das sich was ändert.

luxus ist das. ein leben ohne konsequenzen zu leben, wie ein kleines kind.

Eigentlich ein sehr guter Bericht, aber auch hier irritiert

mich wieder die anscheinend völlig blauäugige Herangehensweise der Reporter, die ja erst letztens im Gastbeitrag eines Agrarwissenschaftlers kritisiert wurde.
Ich finde es komisch, dass ein wirklich wichtiger Bereich der Bereich in der Gesellschaft, der ganze ökonomische Primärsektor, immer aus dieser wirklich vormodernen "Idylle"-Perspektive betrachtet wird.
Dieser gigantische Produktivitätsschub in der Landwirtschaft war die Basis des ökonomischen Wachstums, das wiederum die Basis darstellt, was wir "Moderne" nennen. Ich wundere mich daher auch nicht, dass hier absolutes Misstrauen gegenüber der Presse herrscht. Würden Sie Leute in der "Zeit" willkommen heißen, die erstmal davon ausgehen, dort würde z.B. menschenverachtende kapitalistische Propaganda produziert, weil die Drucker keinen Bleisatz mehr verwenden?

Ich halte die ökonomische Dominanz dur Großschlachthöfe und Werksverträgler auch für eine fragwürdige Entwicklung, aber da müssen eben auch die ökonomischen und europarechtlichen Mechanismen begriffen werden, die zu so einer Entwicklung führen.

Immer nur mit moralisch gekräuselter Stirn das eigene Unverständnis gegenüber den Verhältnissen zu demonstrieren, die für 95%-98% der Konsumenten schlichte Basisversorgung sind, ist am Ende selbstbezügliche Seelenmassage für die besseren Stände.