FleischkonsumFleisch

Warum wollen sogar die, die gerne Fleisch essen, lieber nicht so genau wissen, wie ihr Steak auf den Teller kommt? Zu Besuch bei einem Mann, der seit 50 Jahren schlachtet von 

Er hat noch nie von ihnen geträumt, weder von Schweinen, von Rindern noch von den anderen Tieren, die er getötet hat in den knapp 50 Jahren als Schlachter. Und Holm Rausch träumt viel. Neben seinem Bett liegt ein Notizblock. Nachts hat er die besten Ideen, manchmal schreckt er aus dem Schlaf hoch und notiert sie – wie er die Produktion verbessern könnte, noch schneller, noch effizienter , noch mehr Schweine.

"Ja, wir machen Tiere tot", sagt Rausch. "Wer Kotelett essen will, muss vorher ein Schwein schlachten." Eine Selbstverständlichkeit, seit Menschen Tiere essen. Nur dass die Menschen nicht genug kriegen können. In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Verbrauch vervierfacht. Allein die Deutschen aßen 2011 60 Kilo Fleisch pro Kopf, 60 Millionen Schweine mussten sterben.

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Will man einen Schlachter porträtieren, kommt man sich bald vor, als versuche man, sich einem Pädophilen zu nähern. Nach Anrufen bei mindestens 30 Schlachthöfen sagen alle ab, schlechte Erfahrungen, keine Lust, kein Interesse. Die großen Lobbyvereine der Fleischindustrie rufen nie zurück. Am Ende ist der größte Fleischproduzent Deutschlands, Tönnies, die einzige Firma, die sich bereit erklärt, und Holm Rausch ist dort der Einzige, der reden mag. Das Töten von Tieren ist Alltag und tabu zugleich. Schlachthöfe liegen meist auf dem Land fernab menschlicher Siedlungen. Was darin passiert, wie es ist, darin zu arbeiten, bleibt im Verborgenen. Die Industrie fürchtet ihre Konsumenten. Die wollen Fleisch essen ohne schlechtes Gewissen, ohne Blut, ohne Gestank, und, wenn es möglich wäre, am liebsten auch ohne Tier. Anscheinend ist die massenhafte Tötung von Tieren nur möglich, wenn sie massenhaft verdrängt wird.

Wenn Holm Rausch morgens um viertel vor drei im Schlachthof ankommt, sind die ersten Schweine noch auf dem Weg. Auf dem Weg in ihren Tod. Rausch parkt seinen Mercedes ganz vorn, neben der Einfahrt des Hofes in Weißenfels , reserviert fürs Führungspersonal. Der Schlachthof ist schon von Weitem zu sehen, leuchtend weiß erhebt er sich über die Kleinstadt in Sachsen-Anhalt , er ist der zweitgrößte Deutschlands, 15.000 Schweine werden hier getötet. Am Tag. Wenn die Sonne auf die Fassade scheint, reflektiert das Licht, zwingt zum Augenkneifen. Es riecht ein wenig süßsäuerlich. Und es herrscht Stille. Das liege daran, "dass die Schweine schon unter Dach abgeladen werden", sagt Holm Rausch. Das moderne Schlachten geht fast geräusch- und geruchslos. Kein Laut, kein Quieken dringt nach draußen.

Wie ist es für jemanden, der das Töten jeden Tag sieht, riecht, hört, fühlt?

Rausch sitzt in der Büroetage, im "Schwarzbereich", in dem man seine private Kleidung tragen darf. Aber auch hier ist alles weiß. Rausch trägt einen weißen Kittel, weiße Stoffhosen, sogar weiße Schuhe. Er sieht aus wie ein Arzt. Nur, dass er einen Helm auf dem Kopf hat, den er auch während des Gesprächs nicht absetzt, als müsse er sich vor unvorhergesehenen Gefahren schützen. Rausch ist klein, gedrungen, in seiner Jugend war er Ringer. Auf dem Tisch vor ihm stehen Häppchen, Wurst und Lachsschinken. Rausch wird sie nicht anrühren. Der PR-Mann von Tönnies ist extra aus München angereist. Aber Holm Rausch erzählt sowieso, was er mag.

Er ist 62, seit fast 50 Jahren arbeitet er in diesem Schlachthof, inzwischen ist er Betriebsleiter. "Ich stelle ein und schmeiße raus", sagt er. Ein Leben für Fleisch.

Leserkommentare
  1. Ich muss sagen, dass ich persönlich sehr angetan bin von diesem Artikel. Fleischkonsum ist heutzutage ein kontroverses Thema und es wäre sicherlich leicht einen einseitigen Artikel für oder wider den Fleischkonsum zu schreiben und damit den Beifall der einen oder anderen Seite einzuheimsen.

    Ich finde diesen Artikel dagegen weitestgehend objektiv. Weder versucht er, die sicherlich extremen Zustände auf einem Schlachthof zu beschönigen noch werden einem mit der Moralkeule ausschließlich die Nachteile unseres Fleischkonsums eingeprügelt. Er lässt natürlich trotzdem Bilder im Kopf entstehen und man kann nach der Lektüre zumindest erahnen, wie sich der Alltag in einem modernen Schlachthof heutzutage darstellt.

    Da einem meines Erachtens keine Meinung aufgedrängt wird, bleibt es jedem Einzelnen überlassen, ggf. Konsequenzen aus dem Gelesenen zu ziehen oder auch bei der Einstellung zu bleiben, die man vorher schon hatte. Mich persönlich hat der Artikel jedenfalls erneut zum Nachdenken über das Thema Fleisch angeregt und mir zudem einige neue Fakten geliefert, die ich noch nicht kannte.

    Persönlich habe ich meinen Fleischkonsum schon seit einiger Zeit drastisch reduziert, so dass mich dieser Bericht nur bestärkt, weiter an dieser Reduzierung zu arbeiten. Und auch wenn es bei einem solchen Thema im Kommentarbereich meist hochhergeht, bin ich doch der Meinung, dass man den Artikel auch als überzeugter Fleischesser lesen kann, ohne sich gleich übermäßig angegriffen fühlen zu müssen.

    Eine Leserempfehlung
  2. Der Artikel stellt einfach dar, was ist: Ein Lob für den Verfasser! Schon vor 20 Jahren während meinem Lebensmitteltechnologie-Studium wurde ich mit den Themen ganz nah konfrontiert: moderne und "archaischere" Schlachtbetriebe, schnellste Zerlegungsverfahren, tiefste Fleischpreise und andere Strategien der Fleischindustrie und -produzenten. Damals wie heute geht es um Verzehr von Tieren, die dafür gehalten werden. Ob es "gerecht" für das Tier ist, gesund für den Menschen ist, entscheidet jeder für sich.
    Ich selbst esse wenig bis gar kein Fleisch. Natürlich habe ich (noch) die Bilder von damals beim ersten Besuch eines Schlachthofes vor Auge, wenn ich im Supermarkt an der Fleischtecke vorbei laufe. Fast immer. Und dabei habe ich Mitgefühl für den Schlachter (Schächter), der die "Schweinearbeit" für uns macht, die gern Fleisch essen. Mein Motto wäre "isst das Fleisch von dem Tier, das du selbst erlegt hat". Ich fände es fairer für alle Beteiligten.
    Und ein Huhn, das ich selbst geschlachtet habe "schmeckt" anders als eine anonyme Nummer aus der Massenstall. Geschweige vom Schwein, dass ich jeden Tag fütterte und das mich grüßte oder die Milchkuh, die ich noch vor ein paar Jahren beim Kalben half.
    Ermöglicht der persönliche Kontakt zum Tier (auf meinem Teller) ein größeres Bewusstsein und Respekt für sein/das Leben/Tod? In der Stadt und bei den verbrauchten Mengen schlicht und einfach unmöglich. Doch Massenhaltung und -schlachtung ist keine Lösung mehr...

    Eine Leserempfehlung

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