FlughafenBlindflug in Berlin

Die Baustelle: Ein Chaos. Die Politik: Blamiert. So schnell wird der Hauptstadt-Flughafen nicht fertig werden. Wer ist schuld? von , , , , , und

Die Fluggastbrücken auf dem neuen Berliner Flughafen

Die Fluggastbrücken auf dem neuen Berliner Flughafen  |  © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Klaus Wowereit ist bester Laune an jenem Vormittag im Roten Rathaus. Es ist Ende März, der Tag der Echo-Verleihung, einer der Lieblingsveranstaltungen des Regierenden Bürgermeisters. Ein guter Tag, der ZEIT ein Interview für die Ewigkeit zu geben. Wowereit erklärt stolz, wie entscheidend es gewesen sei, dass er als Aufsichtsratschef des neuen Flughafens mit seiner Autorität das Projekt gesteuert habe. Er schwärmt, wie es gelungen sei, die Kosten im Rahmen zu halten, er redet von der Pflicht zum Optimismus, anders gehe es bei einer solchen Sache nicht. Vor Freude schlägt er die Beine pausenlos übereinander.

Das zweite Interview, mit dem Flughafen-Chef Rainer Schwarz, findet drei Wochen später statt, beide Gespräche sollten in einen Eröffnungsbericht zum Start des Flughafens einfließen. Auch Schwarz ist bester Laune und lässt der Eitelkeit freien Lauf, als er von der »Erfolgsgeschichte dieses Flughafens« spricht. Er schildert, wie schwierig es gewesen sei, die Finanzierung bei sieben verschiedenen europäischen Banken zu organisieren, mitten in der Finanzkrise, rund zweieinhalb Milliarden Euro. Aber am Ende hätten sie es geschafft, sagt er. Alles hätten sie geschafft. Schwarz, der Chefzauberer. Er sagt, natürlich habe er das alles nicht allein gemacht. Dazu brauche man ein wunderbares Team.

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Zum Zeitpunkt des Gesprächs liegen bei den Projektleitern der Flughafengesellschaft, deren Aufsichtsratsvorsitzender Wowereit ist, eine E-Mail, ein Sitzungsprotokoll und ein Brief vor, die genau das Gegenteil dessen besagen, was der Regierende Bürgermeister und sein Flughafen-Boss behaupten.

In der Mail vom 28. Februar dieses Jahres schreibt ein verantwortlicher Planer: »Nach dem Inhalt und der Argumentationskette des üSV (übergeordneten Sachverständigen, Anm. d. Red.) ist eine Eröffnung zum 3. Juni 2012 nicht gegeben. Die Beteiligten müssen grundlegend bereit sein, einen alternativen gangbaren Weg mitzugehen. Von einem üblichen Inbetriebnahmezyklus können wir nicht mehr ausgehen.«

In einem Protokoll zur »Abstimmung zum Stand der Vorbereitung der Abnahmen des Fluggastterminals« vom 29. Februar heißt es: »Der verbleibende Zeitrahmen bis zur anstehenden Betriebsaufnahme des BER 03.06.2012 wird vor dem Hintergrund des Fertigstellungsgrades, der noch offenen technischen Inbetrieb- und Abnahmen als kritisch angesehen.«

Und am 12. März schreibt der Prüfbereichsleiter des zuständigen Landratsamts an einen der Projektleiter: »Dieses Inbetriebnahmekonzept ist mit noch nicht abschätzbaren Risiken verbunden.«

Wenige Wochen nach dem Wowereit-Interview wird der staunenden Öffentlichkeit verkündet: Der Flughafen werde am 3. Juni nicht wie geplant eröffnet. Die Beteiligten wird das nicht gewundert haben. Die Warnrufe schienen auf allen Festplatten der Flughafengesellschaft abgespeichert worden zu sein. Wie also ist das vergnügte Verhalten von Klaus Wowereit und Rainer Schwarz zu erklären? Von Wowereit, der seit mehr als zehn Jahren als Aufsichtsratschef den Bau des Flughafens überwachen soll.

Eine letzte Passage aus dem Interview: »Herr Wowereit, kann man bei einem so großen, umstrittenen Projekt jederzeit ehrlich sein?«

Natürlich könne man zu jeder Zeit ehrlich sein, sagt Wowereit. Aber dazu gehöre nicht, dass man alle Möglichkeiten, alle Befürchtungen in dem Moment offen artikuliere, wo sie einem zugetragen würden.

Was wussten Klaus Wowereit und sein Flughafen-Chef wirklich? Wie konnten sie nur die Wahrheit derart ignorieren? Die ZEIT wollte mit den beiden über diese Frage sprechen, doch jetzt lehnten sie jedes weitere Gespräch ab.

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