Bundeskanzlerin Merkel auf dem G-20-Gipfel in Los Cabos © Reuters

Eigentlich sollte es um den Hunger in Afrika , Asien und Lateinamerika gehen. Doch beim Gipfel der zwanzig wichtigsten Wirtschaftsnationen im mexikanischen Badeort Los Cabos richteten sich alle Augen auf die Europäer – und vor allem auf die Deutschen . Denn längst hat die Euro-Krise auch die ärmsten Länder erreicht. Hilfsfonds schrumpfen, der Handel geht zurück, und Gastarbeiter überweisen weniger Geld in die Heimat. »Deutschland«, sagte ein Vertreter der Hilfsorganisation Oxfam , »hat die Rettungsleine in der Hand.«

Diese hohe Erwartung hatte die Bundeskanzlerin Angela Merkel bremsen wollen , als sie neulich vor dem Bundestag kundtat, die deutschen Kräfte seien begrenzt . Sie weiß, dass die freundliche Zuwendung nicht umsonst zu haben ist. Wer Deutschland rühmt, will, dass es mehr tut. In Los Cabos half das wenig. Ständig wurde man an die berüchtigten Worte von Unionsfraktionschef Volker Kauder erinnert: Man spricht wieder Deutsch. Als wäre Deutsch neben Englisch und Spanisch die dritte Weltsprache, begrüßten riesige blaue Spruchbänder die Teilnehmer überall mit »Willkommen in Mexiko !«. Geradezu euphorisch äußerte sich OECD-Generalsekretär Angel Gurría, dessen Organisation über die Reformanstrengungen der Industriestaaten Buch führt. »Das deutsche Modell, die Effizienz, die Kultur der Zusammenarbeit zwischen Regierung und Gewerkschaften sind beispielhaft.«

Eigentlich hatte die Kanzlerin gar keine Lust gehabt auf diese weite Reise gleich in der Nacht nach der Griechenlandwahl . Denn Entscheidungen werden nicht auf dem G-20-Gipfel , sondern allein in Europa getroffen! Und die wohlmeinenden Ratschläge zur Rettung der Euro-Zone kennt sie in- und auswendig. Deshalb mahnte sie, kaum war sie in Mexiko aus dem Flugzeug gestiegen: »Jeder hat auf diesem Weltwirtschaftsgipfel seine Hausaufgaben zu machen.« Und ihre europäischen Partner warnte die Kanzlerin: »Ich rechne damit, dass wir seitens der Europäischen Union gemeinsam auftreten werden.«

Zwei Tage lang passte tatsächlich kein Blatt zwischen die anwesenden Vertreter der Euro-Länder. Wochenlang hatten sich Berlin und Paris über Wachstumspakete und Reformanstrengungen beharkt , doch in Los Cabos waren beide Seiten sichtlich um ein geschlossenes Auftreten bemüht. Man stehe ständig in Kontakt, versicherte ein Berater des neuen französischen Präsidenten. Am Wochenende zuvor hatten Merkel und François Hollande offensichtlich Einverständnis erzielt über weitere Integrationsschritte wie eine Bankenunion und ein kleines Konjunkturprogramm. Mehr Kapital für die Europäische Investitionsbank , Anzapfen bereits bestehender europäischer Strukturfonds – das kostet nicht viel, entspricht im Großen und Ganzen auch den deutschen Wünschen und ließ sich überdies auf dem G-20-Gipfel als Wachstumspaket verkaufen. Prompt zeigte sich der um die amerikanische Wirtschaft und seine Wiederwahl bangende Barack Obama nach der Privataudienz mit der Bundeskanzlerin »ermutigt«, und die stellvertretende US-Finanzministerin Lael Brainard jubelte gar in einem Hintergrundgespräch von einer »Trendwende« und einem »deutschen Meinungsumschwung«.

Worauf sich diese Erkenntnis allerdings stützte, wollte sie nicht erklären. Kurz zuvor hatte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy ganz im Berliner Sinne noch einmal deutlich gemacht: »Wir werden uns aus der Krise nicht mit Geld herauskaufen.« Und auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte wie ein Zögling der deutschen Sparschule: Eurobonds, eine Vergemeinschaftung der Schulden, all das sei Zukunftsmusik. Erst müssten die Euro-Staaten ihre Defizite abbauen, sich reformieren und in der Banken- und Finanzpolitik eng zusammenrücken. Als ein Kanadier von ihm wissen wollte, warum man den Europäern und den Deutschen noch trauen sollte, kanzelte Barroso ihn verärgert ab: »Wir kommen nicht hierher, um uns von irgendjemandem belehren zu lassen.« Auf dem Weltwirtschaftsgipfel jedenfalls sprachen die Europäer in einer Sprache – und das war Deutsch.