Die Sonne scheint, eine riesige schwarze Box steht aufgebockt in einem Innenhof des Pfefferberg-Geländes im Prenzlauer Berg, unter der Box hat man lange Tische aufgestellt. Dort matschen drei junge Frauen von Etsy, einem Onlineshop für Selbstgemachtes, sie formen kleine, runde Erdkugeln. Allerlei Pflanzensamen mischen sie in die Kugeln hinein, es werden Samenbomben, sagen sie, Waffen für den urbanen Guerillagärtner, der damit triste Brachflächen begrünen soll.

An einem anderen Tisch werden derweil Bezüge für Fahrradsättel genäht, und nebenan werkeln junge Menschen mit Kabeln und Lämpchen herum. Es sind Studenten vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Eine ganze Woche lang werden sie hier mit den Besuchern basteln und ihnen einfache technische Fertigkeiten beibringen, Fertigkeiten, mit denen sich die Besucher ihre eigene Stadt bauen sollen – so lautet das Motto des Tages.

»Das ist ja wie die Sendung mit der Maus, nur mit sehr viel mehr Geld.« So kommentierte jemand bei der Eröffnung das, worauf viele Berliner seit Monaten mit Wut, Bangen oder großer Hoffnung gewartet hatten: das von BMW gesponserte Guggenheim Lab. Von dem Autokonzern finanziert, schickt das New Yorker Museum über sechs Jahre ein Team von Kuratoren in alle Welt, um vor Ort mit Interessierten über die Zukunft des urbanen Lebens zu diskutieren. Erste Station war New York, jetzt ist die längliche Box des Labors in Berlin gelandet, es ist kein Haus, sondern eine Dach-und-Bühnen-Konstruktion, die sich die japanischen Architekten vom Atelier Bow-Wow ausgedacht haben (ZEIT Nr. 16/12).

Die Stadt bauen, das bedeutet hier, ein Papier mit stromleitenden Farbe zu bemalen und mithilfe einer Batterie ein Lämpchen zum Leuchten zu bringen. Oder eine Murmelbahn aus Pappe zu basteln. Solche Dinge. Es gefalle ihr in Berlin sehr gut, sagt eine der angereisten Do-it-yourself-Pädagogen, es gebe hier so viele gute Restaurants. Und die seien so unglaublich günstig.

Weil einige kritische Berliner genau diese niedrigen Lebenskosten erhalten wollen, hatten sie sich vor einigen Monaten heftig gegen den Besuch des Guggenheim Lab am Kreuzberger Spreeufer gewehrt. Das Diskussionslabor, so ihre Befürchtung, sei ein Agent der Gentrifizierung, der Aufwertung ihres Wohnviertels. Die heftigen Proteste im Voraus verschreckten die New Yorker, das Guggenheim entschied sich gegen Kreuzberg und wich auf den Pfefferberg aus, wo nun Sicherheitsleute, Videokameras und zwei Polizeibeamte die Lage kontrollieren. Zur Eröffnung mit Bürgermeister Wowereit erschien nur mehr ein Dutzend friedlicher Demonstranten. Richard Armstrong, der eingeflogene Direktor des global agierenden Guggenheim Museum, wirkte dennoch unsicher.

Gentrifizierung - Der Pfefferberg in Berlin – neue Heimat für das Guggenheim Lab Aus Kreuzberg vertrieben nach Prenzlauer Berg: Das Guggenheim Lab hat im Berliner Pfefferberg eröffnet. An diesem Ort kann man die Veränderung der Stadt exemplarisch beobachten. Ein Besuch in der ehemaligen Brauerei

Eigentlich war das Lab nämlich als Teil einer Initiative geplant gewesen, dem nicht immer guten Ruf des Guggenheim in der Kunstwelt entgegenzuwirken. Das Guggenheim Lab sollte eine nett und partizipativ anmutende Aktion werden, eine Abkehr von der Bilbao-Strategie, also dem Plan, viele spektakuläre Guggenheim-Filialen in Städte wie Guadalajara oder Rio de Janeiro zu schaffen. Die alte Strategie scheiterte spätestens an der weltweiten Finanzkrise, nun versucht das Guggenheim mit dem Lab sowie mit einem Kuratorenprogramm für Afrika, Lateinamerika und Asien, den Ruch imperialen Hochmuts abzuwerfen. In Berlin ist das geglückt. Hier wird man sich um den Hochmut keine Sorgen mehr machen, eher schon um das Guggenheim selbst und seinen Sponsor. Weil die statt eines anregenden Denklabors nur eine harmlose Hobbyecke hinbekommen haben. Bis zum 29. Juli wird dort weitergebastelt – weniger an der Stadt, dafür emsig an den Bezügen von Fahrradsitzen.