Guggenheim LabMatschen für Berlin

Mit Wut, Bangen und Hoffnung wurde es erwartet. Jetzt hat das BMW Guggenheim Lab mit der Arbeit begonnen. von 

Das Berliner Kulturprojekt BMW Guggenheim Lab

Das Berliner Kulturprojekt BMW Guggenheim Lab widmet sich vom 15. Juni bis 29. Juli dem Thema Lebensqualität in Großstädten.   |  © Sebastian Kahnert dpa/lbn

Die Sonne scheint, eine riesige schwarze Box steht aufgebockt in einem Innenhof des Pfefferberg-Geländes im Prenzlauer Berg, unter der Box hat man lange Tische aufgestellt. Dort matschen drei junge Frauen von Etsy, einem Onlineshop für Selbstgemachtes, sie formen kleine, runde Erdkugeln. Allerlei Pflanzensamen mischen sie in die Kugeln hinein, es werden Samenbomben, sagen sie, Waffen für den urbanen Guerillagärtner, der damit triste Brachflächen begrünen soll.

An einem anderen Tisch werden derweil Bezüge für Fahrradsättel genäht, und nebenan werkeln junge Menschen mit Kabeln und Lämpchen herum. Es sind Studenten vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Eine ganze Woche lang werden sie hier mit den Besuchern basteln und ihnen einfache technische Fertigkeiten beibringen, Fertigkeiten, mit denen sich die Besucher ihre eigene Stadt bauen sollen – so lautet das Motto des Tages.

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»Das ist ja wie die Sendung mit der Maus, nur mit sehr viel mehr Geld.« So kommentierte jemand bei der Eröffnung das, worauf viele Berliner seit Monaten mit Wut, Bangen oder großer Hoffnung gewartet hatten: das von BMW gesponserte Guggenheim Lab. Von dem Autokonzern finanziert, schickt das New Yorker Museum über sechs Jahre ein Team von Kuratoren in alle Welt, um vor Ort mit Interessierten über die Zukunft des urbanen Lebens zu diskutieren. Erste Station war New York, jetzt ist die längliche Box des Labors in Berlin gelandet, es ist kein Haus, sondern eine Dach-und-Bühnen-Konstruktion, die sich die japanischen Architekten vom Atelier Bow-Wow ausgedacht haben (ZEIT Nr. 16/12).

Die Stadt bauen, das bedeutet hier, ein Papier mit stromleitenden Farbe zu bemalen und mithilfe einer Batterie ein Lämpchen zum Leuchten zu bringen. Oder eine Murmelbahn aus Pappe zu basteln. Solche Dinge. Es gefalle ihr in Berlin sehr gut, sagt eine der angereisten Do-it-yourself-Pädagogen, es gebe hier so viele gute Restaurants. Und die seien so unglaublich günstig.

Der Pfefferberg vor 1989

Joseph Pfeffer aus Bayern kaufte 1841 ein Grundstück vor den Toren Berlins, um eine Brauerei zu bauen. Zehn Jahre später musste er die Immobilie verkaufen; in den Folgejahren wechselte die Brauerei Pfefferberg immer wieder den Besitzer und wurde dabei stetig vergrößert. Nach dem ersten Weltkrieg übernahm 1919 die Brauerei Schultheiss das Gelände. Die Bierproduktion wurde 1921 beendet. Auf dem Pfefferberg wurden dann Schokolade, Pralinen und Backwaren hergestellt. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte die Berliner Zivilbevölkerung die Tiefkeller als Schutz bei Bombenalarm. In der Nachkriegszeit ging das Gelände am Prenzlauer Berg in DDR-Eigentum über. Bis 1973 arbeiteten hier Angestellte der Druckerei Neues Deutschland; in einem der ehemaligen Pferdeställe wurden betriebseigene Schweine für die Kantine gemästet. Anfang 1988 gab es ein erstes Konzept für die Sanierung der ehemaligen Brauerei Pfefferberg zur „Kulturfabrik Pfefferberg“.

Der Pfefferberg heute

Nach der Wiedervereinigung gehörte die Immobilie zu gleichen Teilen der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Berlin. Ende 1990 gründete sich der Verein Pfefferwerk, um kulturelle und soziale Nutzung auf dem Gelände zu ermöglichen. In den 1990er Jahren wurde der Pfefferberg berühmt durch zahlreiche Musikveranstaltungen und Tanztage. Die BRD und Berlin schrieben den Pfefferberg Anfang 1997 zum Verkauf aus und wurde im Dezember 1999 als Stiftungskapital in die Stiftung Pfefferwerk eingebracht. Mit der Pfefferberg Entwicklungs GmbH & Co.KG, deren Geschäftsführer Klaus Krebs ist, wurde ein Erbbaurechtsvertrag abgeschlossen. Die Gebäude stehen unter Ensembleschutz und müssen denkmalgerecht saniert werden. Die Nutzung muss in den Bereichen Kultur, Soziales und Dienstleistungen erfolgen. Das Gelände gehört nach wie vor der Stiftung Pfefferwerk. In den vergangenen Jahren siedelten sich Galerien wie Akira Ikeda Gallery und Mikael Andersen an, die international bekannte Künstler vertreten. Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson hat hier seine Werkstätten und das der Universität der Künste angegliederte Institut für Raumexperimente. Das Aedes Architekturforum betreibt eine Galerie und einen Campus, das ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry bietet als eigenständiges Forschungsinstitut Stipendien und öffentliche Vorträge und Diskussionen an. Im Kunst- und Atelierhaus Meinblau arbeiten seit 1997 Bildhauer, Maler, Fotografen, Möbeldesigner, Künstlerkollektive.

Weil einige kritische Berliner genau diese niedrigen Lebenskosten erhalten wollen, hatten sie sich vor einigen Monaten heftig gegen den Besuch des Guggenheim Lab am Kreuzberger Spreeufer gewehrt. Das Diskussionslabor, so ihre Befürchtung, sei ein Agent der Gentrifizierung, der Aufwertung ihres Wohnviertels. Die heftigen Proteste im Voraus verschreckten die New Yorker, das Guggenheim entschied sich gegen Kreuzberg und wich auf den Pfefferberg aus, wo nun Sicherheitsleute, Videokameras und zwei Polizeibeamte die Lage kontrollieren. Zur Eröffnung mit Bürgermeister Wowereit erschien nur mehr ein Dutzend friedlicher Demonstranten. Richard Armstrong, der eingeflogene Direktor des global agierenden Guggenheim Museum, wirkte dennoch unsicher.

Eigentlich war das Lab nämlich als Teil einer Initiative geplant gewesen, dem nicht immer guten Ruf des Guggenheim in der Kunstwelt entgegenzuwirken. Das Guggenheim Lab sollte eine nett und partizipativ anmutende Aktion werden, eine Abkehr von der Bilbao-Strategie, also dem Plan, viele spektakuläre Guggenheim-Filialen in Städte wie Guadalajara oder Rio de Janeiro zu schaffen. Die alte Strategie scheiterte spätestens an der weltweiten Finanzkrise, nun versucht das Guggenheim mit dem Lab sowie mit einem Kuratorenprogramm für Afrika, Lateinamerika und Asien, den Ruch imperialen Hochmuts abzuwerfen. In Berlin ist das geglückt. Hier wird man sich um den Hochmut keine Sorgen mehr machen, eher schon um das Guggenheim selbst und seinen Sponsor. Weil die statt eines anregenden Denklabors nur eine harmlose Hobbyecke hinbekommen haben. Bis zum 29. Juli wird dort weitergebastelt – weniger an der Stadt, dafür emsig an den Bezügen von Fahrradsitzen.

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Leserkommentare
  1. Die Samenbomben der Guerilla-Gärtner sind mittlerweile doch schon in die Jahre gekommen und etabliert - sprich im Manufaktum-Katalog angekommen (seit mindestens 2 Jahren wohl).

    Da fehlt ja nur noch das Seifenmachen und Kerzenziehen, man riecht so gut davon und es ist so schön um sich allein selbstzuverwirklichen (wenn man keine drängenden materiellen Probleme hat), aber eine umsetzbare Vision von Stadt kommt daher nicht.

    Fingerfarben anyone?

    Das ist jetzt mal ein bisschen wie dieser Artikel geschrieben, nichts inhaltliches nur etwas zum Drumherum.
    Oder gibt es gar keinen Inhalt mehr beim Lab?

  2. Autor Timm macht sich jetzt Sorgen um das Guggenheim, wegen offenkundiger Harmlosigkeit, wie er abschließend feststellt. Dass dies die Härte des Berliner Proteststurms gegen das Projekt, der auch von ZEITonline sympathisierend mitgetragen wurde, im nachhinein besonders lächerlich dastehen lässt, darauf kommt er leider nicht.

  3. Das ganze ist eben ein inhaltsarmes Feelgood-Event für einen netten Familienausflug der gehobenen grünen Mittelschicht. Man ist eben wahnsinnig kreativ, bastelt recht belanglosen Kram und hält sich für die Avantgarde.

    Wer hat denn bitte auch jemals erwartet, dass bei einem solchen PR-Blödsinn die drängenden sozialen Probleme Berlins diskutiert werden oder sich die Veranstalter für ihr Umfeld wirklich interessieren würden. Das könnte schließlich nachher noch zu echter Gesellschaftskritik führen und daran hat BMW ganz, ganz sicher kein Interesse. Und für die New Yorker Angestellten ist Berlin eben ein toller Spielplatz zum Taschengeldpreis. Dass die Leute dort deutlich schlechter verdienen als anderswo spielt doch kleine Rolle denn die Restaurants sind doch alle so unglaublich günstig.

    Ich halte nichts von Drohungen gegen solche Veranstaltungen aber es zeigt sich doch, dass die Kritiker (die beileibe nicht alle militante Linksautonome waren, auch wenn in den Medien konsequent so getan wurde) völlig richtig gelegen haben. Die Macher suchten eine hippe Kulisse für ein inhaltlich belangloses Marketingevent ohne Anbindung an die Lebenswelten vor Ort. Das braucht nun wirklich kein Mensch.

  4. das dort aktuel drängende fragen

    > http://www.youtube.com/watch?v=lpw43qWAiA8&feature=player_embedded

    behandelt werden.

    und im gegensatz zum kreuzberger plan stehen noch nicht mal geschickt platzierte minis rum.

    sowas passiert, wenn das grosse geld sich einbildet guerilliamarketing zu fabrizieren.

  5. Problematik zeigt sich schon im ersten Abschnitt. Anstatt öffentlich und transparent Konzepte für eine Nutzung der Brachflächen zu erarbeiten, baut man Samenbomben zum subversiven aussähen.

    So etwas habe ich schon 1991 in der Grundschule gemacht, und
    war damit nicht allein.
    Wurde aber niemals als Held gefeiert.

    War es nun dieses Trauerspiel was zu den Ausschreitungen führte, oder wurde das Programm an Berliner Verhältnisse angepasst.

    Sind konservativ geprägte Grundschüler aus Bayern wirklich so viel intelligenter und visionärer als die ach so hippen
    Berliner?

  6. den Gentrifizierungs link kenne ich, und? Ein Investor ist nun mal kein Sozialarbeiter das ist Kapitalismus. Was kann ich machen , kaufen, raus aus der Mietfalle. Im Ausland ist der Anteil gekauft viel, viel höher, denn Miete oft wöchentlich gezahlt irre teuer.....

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