DIE ZEIT: Als Kreistagsabgeordneter einer Wählergruppe und Mitglied der Piratenpartei in Friesland fordern Sie einen freien Zugang zu den Nordseestränden. Kommt man an die denn so schlecht ran?

Janto Just: Ja. Zumindest, wenn man keinen Eintritt zahlen will. Besonders schlimm ist die Lage bei uns in Niedersachsen: An 28 unserer 35 Nordseestrände wird abkassiert. Schaut man sich die Gesamtlänge an, sind sogar 95 Prozent betroffen. Schon vor oder spätestens auf dem Deich stehen Sie vor einem Maschendrahtzaun, meist mit Stacheln gespickt. Nur an wenigen Stellen gibt es Lücken darin; und dort ist dann, ähnlich einem Grenzkontrollpunkt, ein Kassenhäuschen. Das Ganze wirkt wie die ehemalige Grenze zur DDR – nur dass man nicht eingesperrt, sondern ausgesperrt ist.

ZEIT: Wem gehören die Strände denn überhaupt?

Just: Überwiegend den Ländern, einige auch dem Bund oder den Kommunen. Die Länder sind laut Paragraf 59 und Paragraf 62 Bundesnaturschutzgesetz eigentlich verpflichtet, der Allgemeinheit das Betreten der »freien Landschaft«, also auch der Strände, »zum Zweck der Erholung« zu gestatten. Und sie müssen darauf achten, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gebührenpflichtigen und kostenfreien Stränden besteht. Das geschieht in Niedersachsen aber nicht. Das Land verpachtet die Strände an die Kommunen, und die verlangen dann Eintritt, im Schnitt 2,50 bis 3 Euro pro Person und Tag.

ZEIT: Wofür wird das Geld verwendet?

Just: Die offizielle Begründung lautet: um Pacht- und Unterhaltskosten zu decken. Also zum Beispiel für Sanitärgebäude, Spielplätze oder Kioske.

ZEIT: Klingt plausibel. Der Unterhalt von Toiletten oder Spielplätzen kostet ja... 

Just: Schon, aber wie viel? Nehmen Sie zum Beispiel Wangerland, die Nachbargemeinde meines Wohnorts. Sie hat einen besonders schönen und langen Strand, acht Kilometer, und die sind komplett eingezäunt. Laut Betriebsergebnis der Wangerland Touristik GmbH wurden dort 2010 etwa vier Millionen Euro eingenommen. Der Unterhalt kostet die Gemeinde aber nach Angaben des Bürgermeisters nur 455.000 Euro jährlich – plus 125.000 Euro Pachtzahlungen an das Land. Die Kosten halten sich also, im Vergleich zu den Einnahmen, in Grenzen. Zumal an vielen Nordseestränden auch gar nichts geboten wird, außer einer Mülltonne alle paar Hundert Meter. Es gibt nicht einmal eine Schwimmaufsicht.

ZEIT: Wohin fließen die Einnahmen dann?

Just: Damit werden etwa defizitäre Schwimmbäder quersubventioniert. Selbst wenn Sie nur einen Spaziergang oder eine Wattwanderung machen wollen, zahlen Sie also für ein Schwimmbad, das Sie gar nicht nutzen – und mit der Strandkarte allein übrigens auch nicht nutzen können. Dazu müssten Sie nochmals Eintritt löhnen.

ZEIT: Klettern die Leute da am Strand bisweilen lieber heimlich über die Zäune – weil sie es nicht einsehen, zu zahlen?

Just: Es gibt tatsächlich hier und da Schleichwege an die Strände. Aber als Tourist finden Sie die nicht. Zudem ist so ein Pfad oft mehrere Kilometer lang! Manchmal tue ich mir das trotzdem an und investiere das gesparte Geld in ein Fischbrötchen. Solche Aktionen sind aber unwürdig und machen keinen Spaß.