300. GeburtstagDie Seele der Freiheit

Jean-Jacques Rousseau war der Partisan der bürgerlichen Gesellschaft. Er provoziert uns noch heute. Eine Erinnerung von Mathias Geffrath

Jean-Jacques Rousseau (Zeichnung von 1754)

Jean-Jacques Rousseau (Zeichnung von 1754)  |  © Hulton Archive

Dieses Buch rissen sich 1761 die Leser in ganz Europa aus den Händen, und die Leihbibliotheken hatten Hochkonjunktur. Die Neue Heloise hieß der Briefroman und ihr Autor: Jean-Jacques Rousseau. In die Liebesgeschichte waren Betrachtungen über Musik, Landwirtschaft, Festkultur, ja eine ganze Real-Enzyklopädie eingewebt – und die krasse Kritik von Standesschranken, an denen die Liebe zerbricht. Fernab der Aufregungen um Finanzkrise, sinkende Reallöhne und schamlose Bereicherung der oberen Schichten erträumte sich Rousseau in der Neuen Heloise eine Landkommune, in der bäuerliche Gemeinschaft, handwerkliche Tugenden und aufgeklärter Geist zusammenwirken. Hier sprach kein kalter Dekonstrukteur, kein bissiger Kritiker der Umtriebe am Hof. Hier sprach ein Poet. Und er sprach von Souveränitäten, die das Volk erst gewinnen müsse. Die Souveränität des Herzens, des Individuums, der Gesellschaft.

Rousseaus Mischung aus Bildern des guten Lebens und Kritik am falschen war revolutionär, ihre Wirkung auf Zeitgenossen und Nachfahren enorm. Seine Parolen zündeten: »Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten«, lautete der berühmte erste Satz des Contrat Social aus dem Jahr 1762. Dieser Satz inspirierte Revolutionäre von Robespierre bis Fidel Castro, der das Büchlein auf der Überfahrt nach Kuba in der Tasche trug. Rousseau hat den Herzton der Aufklärung angeschlagen und den der Romantik vorbereitet. Goethe lernte bei ihm die Empfindsamkeit, an der sein Werther starb, Schiller die Poesie des Aufruhrs, Eichendorff die beseelte Anarchie des Müßiggangs. Und für Hölderlin war Rousseau der Adler, der dem Gewitter der Revolution vorausflog.

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Philosophie und Poesie sind in seiner Rhetorik noch nicht getrennt, das macht seine Lektüre so hinreißend. Auch in seinem Erziehungsbrevier Émile (1762) findet sich die Melange aus fesselnder Story, Belehrung und Moral. Dieses Buch aus der Feder des Mannes, der seine fünf Kinder ins Findelhaus aussetzte, hat die Psychologie der Kindheit begründet; es hat die Mütter zum Stillen bekehrt und den Respekt vor der Natur des Kindes gelehrt (keine Wickelkissen!). Der Émile enthält einen Lesekanon, eine Eheschule und eine Lebenslehre. Und gegen alle Lust zur Weltflucht ist es eine politische Abhandlung: In Erwartung der »Krise und des Jahrhunderts der Revolutionen« sollen Émile und seine Leser »zu Bürgern derer, die kommen werden, gebildet werden«. Pädagogik und Politik sind – auch Kant wird es so sehen –aufeinander verwiesen.

Bis zum Revolutionsjahr 1789 hatten die Nouvelle Héloïse und der Émile mehr als hundert Auflagen. Fräuleins gründeten Lesekreise und diskutierten, »dass man die Verhältnisse aufheben muss, die uns verhindern, gut zu sein«. Gläubige Seelen wurden von der »natürlichen Religion« des savoyischen Landgeistlichen im Émile erschüttert, der spirituellen Kommunikation von Mensch, Natur und einem unbegreiflichen Größeren, ohne Kirche, ohne Wunder, ohne Dogma. Rousseau war der Partisan im Seelenleben der Gebildeten und Begüterten. Er lockerte den geistigen Boden, auf dem sich die Französische Revolution ereignete.

Jean-Jacques Rousseau

28.6.1712 in Genf geboren

1728 flieht Rousseau nach Annecy zu seiner »mütterlichen Freundin« und späteren Geliebten Madame de Warens

1742 geht er nach Paris und freundet sich mit Denis Diderot und den Enzyklopädisten an. Lebt in freier Ehe mit Thérèse Levasseur

1749/1750 Beantwortet die Preisfrage der Akademie von Dijon in seiner Schrift über »Kunst und Wissenschaft«

1755 Sein Buch »Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen« löst heftige Kontroversen aus

1756 bis 1762 Rousseau vollendet »Die neue Héloïse«, den »Gesellschaftsvertrag« und den »Émile«

1762 Verfolgung durch Staat und Kirche; Exil in Neufchâtel

2.7.1778 Rousseau stirbt in Ermenonville/Senlis

Unter einer Schicht poetischer Empörung entfaltete Rousseau den Bauplan einer Freiheit, die noch nie existiert hat und vielleicht auch nie existieren wird, nämlich die Idee einer transparenten Demokratie ohne Repräsentation: »Sobald ein Volk sich vertreten lässt, ist es nicht mehr frei.« Volkssouveränität hieß für Rousseau, dass die Staatsgewalt nicht nur vom Volk ausgeht, sondern bei ihm bleiben muss. Diese Demokratie sei nur realisierbar in einer Gesellschaft, in der »jeder etwas hat und keiner zu viel«, jeder von seiner Arbeit selbstverantwortlich lebt und die öffentliche Meinung nicht durch Privatinteressen gelenkt wird. Mündige Bürger sollen das Gemeinwohl, die volonté générale, ermitteln – wie in guten Gemeinderäten, den Kommunen der spanischen Anarchisten oder, heute, den Generalversammlungen von Occupy. Rousseau, das war ein anarchistischer Republikaner, ein Mittelstandssozialist. Bei alldem war er kein Fantast: Solche Demokratie hielt er nur in kleinen politischen Einheiten für möglich.

Rousseau unternahm das Wagnis, konstruktiv zu träumen, und das war aufrührerischer als alle Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen der Encyclopédie. Drei Gegenuniversen hat er entworfen, und sie leuchten bis heute: Liebe und Arbeit in Gemeinschaft; Autonomie durch Bildung; Freiheit durch Gleichheit – entworfen gegen falsche Souveränitäten, gegen Macht, Religion und Geld. Das machte ihn zum Helden der öffentlichen Gegenmeinung, und bald nannten ihn Europas Aufgeklärte und Unzufriedene nur noch beim Vornamen – wie sonst nur Könige. Émile kam auf den Scheiterhaufen, in Genf zusammen mit dem Contrat Social. Die Kutsche, mit der Rousseau im Jahr 1762 flieht, kreuzt den Weg der Büttel, die ihn vors Pariser Parlament zitieren wollen, wo gemurmelt wird, es reiche nicht mehr, nur seine Bücher zu verbrennen. Aus dem Exil im preußischen Neufchâtel schickt Rousseau polemische Erklärungen in die Welt. Dort beginnt er auch mit seinen Confessions, dem ersten Zeugnis der bürgerlichen Bekenntnisliteratur. Auf tausend Seiten makellos musikalischer Prosa will er zeigen, wie er wirklich ist: »verächtlich und niedrig, wo ich es war, und ebenso edelmütig und groß, wo ich es war«. Rousseau lässt nichts aus. Nicht die viel zu frühen Lektüren mit dem Uhrmachervater in Genf, die seine Gefühle formten, nicht die Lust, geschlagen zu werden; nicht die Vagabundenjahre, in denen er stiehlt, gaukelt und betrügt; schließlich die Zuflucht bei einer älteren Frau, die ihm Zeit zum Lesen schenkt, die Ausbildung zum Musiker und verwöhnende Liebe; weder die Peinlichkeiten des Körpers, die Ekstasen der Einsamkeit, die erlittenen Demütigungen.

Leserkommentare
  1. Rousseau, Partisan der bürgerlichen Gesellschaft.
    Diese Überschrift zeigt klar die Problematik des Adjektivs "bürgerlich" im Deutschen, was gerade im Bezug auf Rousseau höchst irreführend sein kann: "bürgerlich" verweist hierzulande schließlich auf den Bürger (citoyen) wie ebenso auf das Bürgertum (bourgeoisie). Doch das sind natürlich zwei vollends unterschiedliche Paar Schuhe.
    Gerade Rousseau stritt vehement für eine Gesellschaft der freien und gleichen, wahrhaftig gleich behandelten, Bürger (contrat civil) - und stellte sich damit gerade gegen seine "liberalen" Zeitgenossen wie Voltaire, die sich mit einer "bürgerlichen" (bourgeoisen) schein-gleichen Privilegien- und Schichtengesellschaft zufriedengaben. Gerade diesen "Vertrag der Reichen" (contrat des riches) klagt Rousseau in seiner brillanten "Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen" an. -
    Deshalb: Partisan einer bürgerlichen Gesellschaft, ja, unbedingt; aber "bürgerlich" in einer Bedeutung, wie wir sie heute zu Zeiten der real existierenden bourgeoisen Gesellschaftsordnung beinahe vergessen haben: als Gemeinschaft von tatsächlich gleichen und daher freien Bürgern, die auf Augenhöhe stehen, die allesamt an der Politik direkt mitwirken, und das nicht über einen sterilen Partei- oder Mandatsapparat; und in der nicht eine reiche Schicht systematisch von der Arbeit der anderen lebt.
    Diese wahrhaftig bürgerliche Gesellschaft bleibt zu verwirklichen, deshalb ist Rousseau so aktuell.

    Eine Leserempfehlung

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