Dieses Buch rissen sich 1761 die Leser in ganz Europa aus den Händen, und die Leihbibliotheken hatten Hochkonjunktur. Die Neue Heloise hieß der Briefroman und ihr Autor: Jean-Jacques Rousseau. In die Liebesgeschichte waren Betrachtungen über Musik, Landwirtschaft, Festkultur, ja eine ganze Real-Enzyklopädie eingewebt – und die krasse Kritik von Standesschranken, an denen die Liebe zerbricht. Fernab der Aufregungen um Finanzkrise, sinkende Reallöhne und schamlose Bereicherung der oberen Schichten erträumte sich Rousseau in der Neuen Heloise eine Landkommune, in der bäuerliche Gemeinschaft, handwerkliche Tugenden und aufgeklärter Geist zusammenwirken. Hier sprach kein kalter Dekonstrukteur, kein bissiger Kritiker der Umtriebe am Hof. Hier sprach ein Poet. Und er sprach von Souveränitäten, die das Volk erst gewinnen müsse. Die Souveränität des Herzens, des Individuums, der Gesellschaft.

Rousseaus Mischung aus Bildern des guten Lebens und Kritik am falschen war revolutionär, ihre Wirkung auf Zeitgenossen und Nachfahren enorm. Seine Parolen zündeten: »Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten«, lautete der berühmte erste Satz des Contrat Social aus dem Jahr 1762. Dieser Satz inspirierte Revolutionäre von Robespierre bis Fidel Castro, der das Büchlein auf der Überfahrt nach Kuba in der Tasche trug. Rousseau hat den Herzton der Aufklärung angeschlagen und den der Romantik vorbereitet. Goethe lernte bei ihm die Empfindsamkeit, an der sein Werther starb, Schiller die Poesie des Aufruhrs, Eichendorff die beseelte Anarchie des Müßiggangs. Und für Hölderlin war Rousseau der Adler, der dem Gewitter der Revolution vorausflog.

Philosophie und Poesie sind in seiner Rhetorik noch nicht getrennt, das macht seine Lektüre so hinreißend. Auch in seinem Erziehungsbrevier Émile (1762) findet sich die Melange aus fesselnder Story, Belehrung und Moral. Dieses Buch aus der Feder des Mannes, der seine fünf Kinder ins Findelhaus aussetzte, hat die Psychologie der Kindheit begründet; es hat die Mütter zum Stillen bekehrt und den Respekt vor der Natur des Kindes gelehrt (keine Wickelkissen!). Der Émile enthält einen Lesekanon, eine Eheschule und eine Lebenslehre. Und gegen alle Lust zur Weltflucht ist es eine politische Abhandlung: In Erwartung der »Krise und des Jahrhunderts der Revolutionen« sollen Émile und seine Leser »zu Bürgern derer, die kommen werden, gebildet werden«. Pädagogik und Politik sind – auch Kant wird es so sehen –aufeinander verwiesen.

Bis zum Revolutionsjahr 1789 hatten die Nouvelle Héloïse und der Émile mehr als hundert Auflagen. Fräuleins gründeten Lesekreise und diskutierten, »dass man die Verhältnisse aufheben muss, die uns verhindern, gut zu sein«. Gläubige Seelen wurden von der »natürlichen Religion« des savoyischen Landgeistlichen im Émile erschüttert, der spirituellen Kommunikation von Mensch, Natur und einem unbegreiflichen Größeren, ohne Kirche, ohne Wunder, ohne Dogma. Rousseau war der Partisan im Seelenleben der Gebildeten und Begüterten. Er lockerte den geistigen Boden, auf dem sich die Französische Revolution ereignete.

Unter einer Schicht poetischer Empörung entfaltete Rousseau den Bauplan einer Freiheit, die noch nie existiert hat und vielleicht auch nie existieren wird, nämlich die Idee einer transparenten Demokratie ohne Repräsentation: »Sobald ein Volk sich vertreten lässt, ist es nicht mehr frei.« Volkssouveränität hieß für Rousseau, dass die Staatsgewalt nicht nur vom Volk ausgeht, sondern bei ihm bleiben muss. Diese Demokratie sei nur realisierbar in einer Gesellschaft, in der »jeder etwas hat und keiner zu viel«, jeder von seiner Arbeit selbstverantwortlich lebt und die öffentliche Meinung nicht durch Privatinteressen gelenkt wird. Mündige Bürger sollen das Gemeinwohl, die volonté générale, ermitteln – wie in guten Gemeinderäten, den Kommunen der spanischen Anarchisten oder, heute, den Generalversammlungen von Occupy. Rousseau, das war ein anarchistischer Republikaner, ein Mittelstandssozialist. Bei alldem war er kein Fantast: Solche Demokratie hielt er nur in kleinen politischen Einheiten für möglich.

Rousseau unternahm das Wagnis, konstruktiv zu träumen, und das war aufrührerischer als alle Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen der Encyclopédie. Drei Gegenuniversen hat er entworfen, und sie leuchten bis heute: Liebe und Arbeit in Gemeinschaft; Autonomie durch Bildung; Freiheit durch Gleichheit – entworfen gegen falsche Souveränitäten, gegen Macht, Religion und Geld. Das machte ihn zum Helden der öffentlichen Gegenmeinung, und bald nannten ihn Europas Aufgeklärte und Unzufriedene nur noch beim Vornamen – wie sonst nur Könige. Émile kam auf den Scheiterhaufen, in Genf zusammen mit dem Contrat Social. Die Kutsche, mit der Rousseau im Jahr 1762 flieht, kreuzt den Weg der Büttel, die ihn vors Pariser Parlament zitieren wollen, wo gemurmelt wird, es reiche nicht mehr, nur seine Bücher zu verbrennen. Aus dem Exil im preußischen Neufchâtel schickt Rousseau polemische Erklärungen in die Welt. Dort beginnt er auch mit seinen Confessions, dem ersten Zeugnis der bürgerlichen Bekenntnisliteratur. Auf tausend Seiten makellos musikalischer Prosa will er zeigen, wie er wirklich ist: »verächtlich und niedrig, wo ich es war, und ebenso edelmütig und groß, wo ich es war«. Rousseau lässt nichts aus. Nicht die viel zu frühen Lektüren mit dem Uhrmachervater in Genf, die seine Gefühle formten, nicht die Lust, geschlagen zu werden; nicht die Vagabundenjahre, in denen er stiehlt, gaukelt und betrügt; schließlich die Zuflucht bei einer älteren Frau, die ihm Zeit zum Lesen schenkt, die Ausbildung zum Musiker und verwöhnende Liebe; weder die Peinlichkeiten des Körpers, die Ekstasen der Einsamkeit, die erlittenen Demütigungen.

Kirche und Staat erklärten ihn zum Feind

Die Bekenntnisse nerven unendlich, weil die feinen Selbsterkundungen und die hinreißenden Naturschilderungen von einer unerträglichen Litanei der Selbstliebe und Selbstgerechtigkeit getönt werden. Die Welt und seine Verfolger sind schlecht, Jean-Jacques hat es gut gemeint; und beglaubigt wird das durch die Wahrhaftigkeit seines Gefühls. Das Buch macht es schwer, Rousseau zu mögen: Wenn das die »Souveränitätserklärung des bürgerlichen Subjekts« sein soll, dann ist sie die eines Menschen, der nie schuld gewesen sein will.

Sein ganzes Unglück – und sein Aufstieg zum Dichter, Denker, Medienstar – begann, so schreibt er, 1749 mit einem Geistesblitz, als er auf dem Weg zum Gefängnis von Vincennes war, wo sein Freund Diderot kritischer Schriften wegen einsaß. Im Gehen liest Rousseau die Preisfrage der Akademie von Dijon, ob Wissenschaften und Künste die Sitten geläutert hätten. Herzrasen befällt ihn. »Mein Geist wurde von tausend Lichtern geblendet«, und in einem Rausch zeigen sich ihm, plötzlich, »alle Widersprüche des gesellschaftlichen Systems«.

Die Erleuchtung, dass der Mensch »von Natur« auf Selbstbehauptung und Mitgefühl angelegt sei und alle Verdrehungen dieses »Naturzustandes« der Gesellschaft entstammen – sie erhellte sein Entfremdungsunglück und das der Gesellschaft mit demselben Blitz: »Ich sah eine andere Welt und wurde ein anderer Mensch.« Man kann diesen Schock heute erklären, aber nachfühlen kann man nur schwerlich, was diese Erkenntnis in frommen Seelen – und Rousseau war fromm – damals auslösen konnte: Dass nicht »der Mensch« von Natur aus sündhaft sei, sondern Bosheit, Gier und Selbstsucht allein durch das Zusammenleben entstünden.

Wie kam es zu diesem Unglück, fragt Rousseau in seinem Diskurs Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit (1755). Mit wütender Wissenschaftlichkeit rekonstruiert er »die Mühe, mit der wir dahin gelangt sind, uns so unglücklich zu machen«, er beschreibt den Weg der Gattung vom selbstgenügsamen und mitfühlenden »natürlichen Menschen« über Werkzeug, Sprache, Ackerbau zur Arbeitsteilung, zum Mehrprodukt und schließlich zur Eigentumsordnung. Und damit sind die Weichen der Zivilisation gestellt – ihr Weg in eine Welt von Gewalt, Gier, Zerstörung.

Zurück zur Natur also, auf allen Vieren gar, wie Voltaire spottete? Nein, keinesfalls. Rousseaus »natürlicher Mensch« ist eine Konstruktion, ein Maßstab. Er versucht, »das Ursprüngliche vom Künstlichen in der heutigen Natur des Menschen zu scheiden und einen Zustand zu erfassen, der nicht mehr existiert, vielleicht nie existiert hat und wahrscheinlich auch nie existieren wird, und von dem wir dennoch richtige Vorstellungen haben müssen, um unseren gegenwärtigen Zustand beurteilen zu können«. Das zielt auf die Selbstreflexion der Gesellschaft und begründet eine Theorie der Befreiung.

Der Blitz von Vincennes hatte Rousseau so tief getroffen, dass er eine grande réforme seines Lebens einleitet, die zum Fundament seiner persönlichen Tragödie wird. Zum Helden der Salons aufgestiegen, will er die Kluft zwischen seinen Überzeugungen und der Existenz des Kulturschaffenden schließen. Und das demonstrativ – er trägt keine weißen Strümpfe mehr, verkauft seine Uhr, kündigt seine Stelle in der Finanzbranche. Von nun an will er von seiner Hände Arbeit leben: als Notenkopist – wobei er sich klar darüber ist, dass er seine Aufträge dem Ruf als Schriftsteller verdankt. In den Salons brüskiert er die Menschen mit plebejischer Direktheit: »Sie sind mir zu reich«, sagt er, und verbittet sich Spott über Religion. Die Freunde sind ratlos. Spielt er mit seinem freiwilligen Abstieg nur den Tugendbold, oder meint er es ernst? Seine Biografen rätseln bis heute, aber kann man das je wissen, bei großen Geistern und Performern?

Die Spannungen in seinem Inneren wachsen, die Freunde finden ihn unerträglich, Salonintrigen schnurren. Mit seiner Frau, einem attraktiven Kind aus dem Volk, zieht Rousseau auf das Gut einer Freundin, verliebt sich dort glücklos und gedankenvoll in eine vornehme Dame und schreibt in einem Rausch von fünf Jahren seine drei großen Werke. Dann beginnt die Verfolgung. Kirche und Staat hatten ihn zum Feind erklärt.

Was verbindet uns heute noch mit ihm?

Im Schweizer Exil stellt er im veredelten Armeniergewand Modeschmuck her – auch der multikulturelle Exotismus wurde nicht erst heute erfunden, und auch nicht die Wehleidigkeit: »Ich trage jetzt ein langes Gewand und mache Schleifen, ich bin mehr als zur Hälfte eine Frau; warum war ich das nicht bloß schon immer!«

Peu à peu schleicht sich die Paranoia ein. In abgelegenen Schlössern schreibt er weiter an den Confessions, in den Städten wird er umringt von jungen Menschen, die Arien aus seiner Schäferoper singen. Rousseau wird zum »Adressbüro aller Leidenden«, Ratgeber von adeligen Eltern, Gartenarchitekten, bedrängten Kleinbürgern. Zurück in Paris, 1770, komponiert er hundert Lieder: »Tröstungen über das Elend meines Lebens«, in der Stadt verteilt er Flugblätter »an jeden Franzosen, der noch Gerechtigkeit und Wahrheit liebt«: man möge ihm endlich sagen, »worin meine Laster bestehen und wie und durch wen ich verurteilt bin«. Rousseau ist nicht der erste und nicht der letzte Paranoiker, der wirklich verfolgt wird.

Was verbindet uns heute noch mit ihm? So wenig, wie unsere finanzgetriebene, demokratische Erdumfangskultur, in der die Geldströme, die Eliten und die Künste autonom geworden sind und die Wissenschaftler nicht mehr träumen, uns mit dem 18. Jahrhundert verbindet. Und so viel Unerledigtes. Ein Echo also. Ein Impuls. »Dadurch, dass sich die Zeiten geändert haben, sind die Menschen wie verwandelt. Das Menschengeschlecht des einen Zeitalters ist nicht das Menschengeschlecht eines anderen Zeitalters«, und die Tätigkeiten und die Theorien sind mehr geworden.

Viele vereinzelte Echos also: vom Starnberger See etwa, wo der Philosoph Jürgen Habermas unverdrossen die gedoppelte Souveränität des europäischen Bürgers entwirft; aus den Laboren, in denen die Fähigkeit des »natürlichen Menschen« zum spiegelneuronengestützten Mitgefühl mit Geräten bewiesen wird; aus Montessori-Schulen und ganz normalen Schulen; von den Forschern, die nun sogar statistisch beweisen, dass Gesellschaften mit mehr Gleichheit glücklicher sind; in einem Lied von Roger Waters und nicht zuletzt von allen Plätzen, auf denen nach democracia real gerufen wird, einem neuen Contrat Social.

In einer Welt der Verfahrensdemokratie und der Elitenkartelle klingt das so kindlich wie das Wort »Volkssouveränität« verstaubt. Immerhin, Rousseau nannte zwei Nötigungen für die Erneuerung des Contrat: die Korrektur destruktiver Ungleichheiten oder die Erkenntnis einer großen gemeinsamen Notlage. Und dann gibt es Epochen, in denen beides zusammenkommt.