Friederike MayröckerSpüren, wie es krabbelt

Ein Gespräch im Wiener Café Imperial mit der Dichterin Friederike Mayröcker über ihr neues Buch. von Alexander Cammann

Eine Dichterin also: Magisch klingt das Wort ohnehin, aber in diesem Falle erscheint es aufgeladener denn je. Womöglich ist sie momentan die bedeutendste lebende Dichterin überhaupt, gewiss zumindest deutscher Sprache. Aus der Ferne erscheint Friederike Mayröcker als ein Wiener Fabelwesen, Büchnerpreisträgerin und Nobelpreiskandidatin, mit einer Aura, die von vielen hinreißenden Fotografien reproduziert wird, sodass man einmal mehr ins Grübeln kommt über den mysteriösen Zusammenhang zwischen Poesie und Porträts, die zu Ikonen werden, ob bei Ingeborg Bachmann, Stefan George oder Anna Achmatowa. Hinzu kommt ein Werk, das auf staunenswerte Weise wächst, Jahr um Jahr, Buch um Buch – es höret nimmer auf.

Auf ihren 2005 erschienenen Gesammelten Gedichten prangte bereits die Zeitspanne »1939–2003«, Jahreszahlen eines Werks, wie gemeißelt, unvorstellbar für uns Heutige. Eine Dichterin also: Auch wenn wir wissen, dass Vertraute sie, gut österreichisch, liebevoll »Fritzi« nennen, auch wenn wir genug von ihr kennen, um nicht irrtümlich anzunehmen, einer Hohepriesterin oder Seherin zu folgen – eine Reise zur lebenden Legende Friederike Mayröcker nach Wien muss dennoch unweigerlich in hemmender Ehrfurcht beginnen. Die freundlich-zarte Stimme am Telefon kann den erhöhten Pulsschlag nicht dämpfen.

Anzeige

So stolpert man angemessen tölpelhaft ins noble Café Imperial am Kärntner Ring, ihr neues Buch ich sitze nur GRAUSAM da in der Hand, im Hinterkopf die so simple wie verzwickte Frage: Wie macht sie das eigentlich, ihr Verwandeln von Stimmungen in Worte – und wieder zurück? Die Dichterin sitzt mit ihrer Begleiterin bereits dort, in ihr unverkennbares Schwarz gehüllt: Dunkel leuchten ihre langen Haare, ebenso ihre Augen, obwohl sie eigentlich doch eher grünlich sind. Ihre Wohnung in der Zentagasse, die von ihr oft geschilderte legendäre »Zettelhöhle«, sei für Besuch nunmehr ungeeignet, wie sie sagt; der ständig wachsende Papierdschungel fordere seinen Tribut. Allmählich legt sich im Gespräch die Anspannung; wenn es die Diva in Friederike Mayröcker gibt, so verbirgt sie diese virtuos unter scheinbar unsicherem Charme, lächelnder Zugewandtheit und einer durchaus mädchenhaften Koketterie. Verblüffend, wie sie ihren Jahrgang 1924 vergessen machen lässt: Leise, aber deutlich flüstert ihre Stimme, nahbar und aufmerksam ist ihr Blick, ihre Präsenz, die filigranen Bewegungen ohne jede Unsicherheit – ein einnehmender Auftritt, auf den viele 15 Jahre Jüngere neidisch wären.

Noch erstaunlicher ist da nur noch ihre ungebrochene Neugier auf die Welt. Fragen nach Berlin und Hamburg sind ihr erkennbar lieber als Selbstauskünfte über ihr Schaffen; sie lächelt, wenn sie über das ihr gut bekannte iPhone spricht: »Ich habe keins, brauche wohl auch keins, aber es ist eine faszinierende Sache.« Genau das, die Welt mit uns, ist zentral für Friederike Mayröckers Werk. Auch ihr neues Buch ist eine schwer klassifizierbare poetische Meditation in Prosa, ein von ihr präzise geformter Assoziations- und Bewusstseinsstrom, in der das erzählende Ich Innenleben und Außenwelt beobachtet, erfährt und miteinander verschmelzen lässt. Unablässig schöpft die Autorin aus ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Erinnerungen; Landschaften, reale Personen und Freunde tauchen auf – und all das wird neu abgemischt in eine traumwandlerische Fiktion. Für den Leser stellt sich ein beglückender Effekt ein: Mayröckers weltverwandelnde Prosa zeigt ihm sonst kaum sichtbare Linien und geheime Fäden in einem feinmaschigen, schimmernden Netz – er lernt gleichsam sich selbst und seine eigene Welt neu sehen. »Wer bin ich denn eigentlich, frage ich mich zuweilen, und was mich schwindlig macht, unsicher, nicht mehr identisch mit mir selbst.« Die Frage im Text ist auch die des Lesers.

Wie schreibt man so eine kühne, freie Poesieprosa? »Ich schreibe am Morgen, wenn der Tag noch frisch und rein ist, noch unbelastet von allem, was passieren wird. Dann können sich die Wörter noch frei entfalten.« Vieles ist im Traum entstanden; Mayröcker schreibt auch viel über ihr Schreiben: »Ich schreibe mit der Seele, ich reibe mich auf, sage ich zu Ely, leuchte die finstersten Winkel der Welt aus, mit meiner Seele, meine Seele ist 1 kl. Taschenlampe, meine Seele ist 1 kl. Tier – es krabbelt in meinem Brustkorb umher, ich kann es spüren, wie es krabbelt.« Versteckte Leitmotive tauchen bei ihr mehrfach auf: so die Wahrsagerin, die ihr in Polen vor 40 Jahren »langes Leben und Einsamkeit« prophezeite; die Telefonate mit nahestehenden Freundinnen und Freunden, der Künstlerin Maria Lassnig oder der Dichterkollegin Elke Erb; immer wieder Musik, ob Bachs Kantaten und Schumanns Klavierstücke – und Kunst: Auf Nachfrage begeistert sich Friederike Mayröcker für die im Buch beschriebenen Bilder Gerhard Richters und Fotografien Man Rays. Aber sie liefert die Poetologie gleich mit: »So war es während der Niederschrift dieses Buches allezeit gewesen, die in diesem Buch beim Namen genannten Personen waren nicht als diese Personen gemeint, sage ich.« Kenner werden vieles aus bisherigen Werken wiederentdecken – und natürlich wird auch dem französischen Philosophen Jacques Derrida erneut Reverenz erwiesen. Das von Derrida und Geoffrey Bennington 1991 gemeinsam verfasste Porträt Jacques Derrida fasziniert sie immer noch: »Es ist ein Lebensbuch für mich, weil es so privat und intim in seiner Sicht ist, eine unerschöpfliche, Trost stiftende Anregung.«

Leserkommentare
  1. Mayröcker lesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mari o
    • 30. Juni 2012 23:19 Uhr

    ich möchte endlich mal wissen,was die Leute an dem finden.

    • Mari o
    • 30. Juni 2012 23:19 Uhr

    ich möchte endlich mal wissen,was die Leute an dem finden.

    Antwort auf "ich möchte endlich"
    • cmling
    • 01. Juli 2012 0:35 Uhr

    ist jetzt auch eine Rauchverbotszone.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wird auch unser Wien zivilisierter und auch unsere Kaffeesieder merken, daß die Welt sich weiterentwickelt. Wird schon noch werden.....

  2. wird auch unser Wien zivilisierter und auch unsere Kaffeesieder merken, daß die Welt sich weiterentwickelt. Wird schon noch werden.....

    Antwort auf "Das Café Imperial"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Buch | Literatur | Belletristik
Service