Soziologie : Rasten statt rasen

Der Sozialtheoretiker Hartmut Rosa sucht nach dem richtigen Tempo in der beschleunigten Welt.

Soziologie als Glasperlenspiel? Hartmut Rosa spielt da nicht mit und lässt gleichzeitig die Perlen tanzen. Vor sieben Jahren hat der Jenaer Sozialtheoretiker eine viel beachtete Studie zum modernen Beschleunigungskomplex vorgelegt. Er hat darin die Moderne als einen Steigerungsmechanismus mit apokalyptischem Ausgang (Naturkatastrophen, Finanzkrisen, soziale Unruhen) beschrieben – und dies so leidenschaftlich, dass einige Kritiker ihn bereits als Entschleunigungsguru abstempelten. Nun ist ein zweiter Band erschienen, in dem die Befunde des ersten präzisiert, evaluiert und dem großen sozialphilosophischen Theoriegebäude zugeführt werden. Um Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung geht es jetzt – doch was ist das für eine Beziehungsgeschichte, die Rosa auf vielen Seiten rekapituliert?

Mit der modernen Identität, wie sie beispielsweise noch im deutschen Entwicklungsroman als »zeitresistenter« Lebensentwurf gedacht wird, hat es in dem Moment ein Ende, in dem das soziale Rasen das biografische Rasten nicht mehr zulässt – wenn sich also der technologische und soziale Wandel so schnell vollziehen, dass sich das psychosozial träge Subjekt darin nicht mehr einrichten kann. Rosas Lieblingsbeispiel: »Man ist heute nicht mehr Bäcker, sondern man arbeitet als Bäcker.« Die Selbstbeschreibung des nachmodernen Individuums wird also von diesem permanent neu entworfen. Man erlebt in höchster sozialer Beschleunigung einen Zustand des »rasenden Stillstands«, in dem »situativ« entschieden wird. Nur die Ultraflexiblen schaffen den Sprung auf die nächste Welle. Alle anderen – die Träumer, die Alten, die technisch Unversierten – gehen unter. Hartmut Rosa befürchtet daher, der neue soziale Typus des flexiblen »Drifters« könnte zu Identitätsverlust führen. Kulturelle Diskontinuität wäre dann die Folge der kontinuierlichen Dynamisierung.

Man muss solch kulturpessimistische Sicht nicht teilen, um das Problem zu erkennen: Wenn sich alles um uns herum mit rasender Geschwindigkeit ändert – unser Familienstand, unser Beruf, unser Wohnort –, fällt es uns immer schwerer, zu sagen, wer wir sind und wer wir werden könnten. Der Kapitalismus, der seit je auf die Logik der Beschleunigung setzt, wird uns kaum dabei behilflich sein, andere Identitätsangebote zu stiften. Sein alternativloser Überbietungseifer ist uns zur zweiten Natur geworden. Doch was tun, wenn sich vor lauter Einzelereignissen kaum noch kohärente Erfahrungen machen lassen? Wenn Politiker aus diesem Erfahrungsmangel heraus keine langfristigen Ziele mehr formulieren, Gesetze immer erst ex post, also nach Fukushima verabschiedet werden und die politische Sphäre durch diese notorische Nachträglichkeit schrumpft? Der Beschleunigungserfolg der Moderne beruht ja gerade darauf, dass bestimmte Bereiche, wie das Rechtssystem, davon ausgenommen bleiben, gibt Rosa zu bedenken. Andererseits kann man zurückfragen: Wer sagt eigentlich, dass die Erfahrung von Geschichte und damit von Identität einem Tempolimit unterliegt?

Rosa zeigte in seiner Beschleunigungsstudie von 2005, dass die Moderne als groß angelegtes Projekt der »Vermehrung sozialer Wahlmöglichkeiten« beschrieben werden muss, also als subjektiver Emanzipationsprozess. Aber der Selbstbestimmung sind Grenzen gesetzt, wenn das hohe Tempo, in dem soziale Innovationen eingeführt werden, keine Zeit mehr für deren Anwendung lässt. Das setzt voraus, dass es in einem marktliberalen Kontext tatsächlich so etwas wie Wahlfreiheit geben könnte. Doch selbst wenn man es mit Nietzsche hält, der die Illusion der Freiheit als zur »selbstverantwortlichen Person« gehörend charakterisierte, ergibt sich dieselbe Konsequenz: Wahlfreiheit kann zum Wahlzwang werden und Wahlzwang zur Wahlunfähigkeit. In seinem neuen Buch spricht Hartmut Rosa deshalb auch nicht von Freiheit, sondern etwas nebulös von »Weltbeziehung«, jenem momentan tiefgreifend gestörten Verhältnis zwischen Subjekt und Welt.

Eine Sozialwissenschaft, die ihren Namen verdient, so Hartmut Rosa, beschränke sich nun aber nicht auf die Beschreibung des Offensichtlichen. Sie müsse die Glasperlen der schnöden Theorie sausen lassen, kritische Tugenden wiederbeleben und sich fragen: Was ist das gute Leben? In einem systematischen Parcours befragt Rosa daher Jürgen Habermas’ Modell der demokratisch-deliberativen Willensbildung; er prüft Axel Honneths Kritik der Anerkennungsverhältnisse sowie Alain Ehrenbergs Diagnose des »erschöpften Selbst«. Wer weiterhin an einen politischen Steuerungsanspruch glaubt und an eine »gelingende Wiederaneignung oder Anverwandlung der Welt«, muss nach alternativen Glücksmodellen suchen. Und Rosa stellt fest: »Gelingende Weltbeziehungen sind solche, in denen die Welt den handelnden Subjekten als ein antwortendes, atmendes, tragendes, in manchen Momenten sogar wohlwollendes, entgegenkommendes oder ›gütiges‹ ›Resonanzsystem‹ erscheint.« Ein Schelm, wer Psychoaktives dabei denkt. Ein beherztes Ja zu mehr Ästhetik, Natur oder Religion könnte da laut Rosa auch schon helfen. Und so ist das Buch am Ende wohl als absichtsvoll wolkige Vorstudie zu einer »Soziologie der Weltbeziehung« zu deuten. Deren systematische Entfaltung steht noch aus – gespannt aber darf man schon jetzt sein: denn Hartmut Rosa stellt die Fragen nach dem »guten Leben« so unzynisch wie niemand seit Adornos Kulturkritik. Hoffentlich kommen die Antworten schnell.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

soziale Verantwortung.

"Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt und auch in einem der freiesten der Welt. Wer auf das Hamsterrad aufspringt oder Angst davor hat davon abzuspringen ist selbst Schuld."

Das "Abspringen vom Hamsterrad" ist nur möglich, solange jeder nur für sich selbst Verantwortung trägt.

In der Tat geht dieser soziale Aspekt der Identitätsstiftung in diesem Artikel fast unter.

Ich halte deshalb fest: Diejenigen, bei denen sich Zitat: "unser Familienstand" nicht so rasend schnell geändert hat, oder die nicht wollen, dass er es tut, haben wenig Chance dem Hamsterrad zu entkommen.

Immer dieses Schwarz/Weiß gerede

Entweder reich oder arm. Vom Hamsterrad abspringen heißt doch nicht das man auf einmal in der Gosse wohnen soll.

Um mal von den Methaphern wegzukommen. Wer sich einen stressigen Job mit einer 50-60 Stunden Woche zulegt ist selbst Schuld. Hier in Deutschland kommt man auch gut über die Runden wenn man nur 30 Stunden arbeitet. Durch unser progressives Steuersystem hat man bei einer 30h Woche Netto am Ende nicht viel weniger als bei einer 40h Woche aber dafür mehr Zeit für Freunde und Familie. Dann kann man sich halt nicht mehr die S-Klasse kaufen oder Urlaub in der Dom. Rep. machen.

Klar versucht jeder ein besseres Leben zu führen, nur die Zielsetzung ist oft die falsche und führt dann doch erst dazu dass die Leute sich Kakce fühlen. Weil sie z.B. "Karriere" machen wollen und dann schon mit mitte dreißig von allen möglichen Stresskrankheiten geplagt werden.
Und da ist man einfach selbst Schuld wenn man sein Privtleben für seine Arbeit opfert. Es geht auch anders.

Und hier kommen wir wieder zu dem was ich schon gesagt habe, den Mißerfolg sucht der Mensch immer bei anderen, den Erfolg bei sich selbst. Klar geht es nicht für jeden aber im Berufsleben einen anderen Weg einzuschlagen ist nichts unmögliches und das machen Millionen Deutsche. Und das können auch Leute mit Kindenr die schon seit Jahren im Berufsleben stehen.

Und wenn sie auf die Meinung von Menschen wert legen, die sie mißachten wenn sie auf einmal weniger verdienen sind sie immer noch selbst Schuld

Wieso?

Ernsthaft wieso? Ich rede hier doch nicht von einem Einsiedlerleben im Wald. Es gibt Elterngeld, Betreuungsgeld, bald die Herdprämie, jeder der etwas halbwegs anständiges studiert verdient nach ein paar Jahren schon mehr als meine beiden Eltern nach 40 Jahren arbeit zusammen und die haben es dennoch geschafft zwei Kinder großzuziehen.

Bei mir an der Uni gibt auch gleich mehrer die verheiratet sind und mit Kindern studieren. Und ich kenne noch genug andere, die mit ihren beruf unzufrieden waren und dann eben gewechselt haben. Also ganz im ernst? Wo ist das Problem?

Deshalb (1)

Man soll nicht klagen. Ich habe auch keinen Grund zu klagen. Allerdings kenne ich viele, die Anlass dazu hätten.

Deshalb nur so viel:
- Wer "etwas halbwegs anständiges studiert" hat, gehört bereits zu den Privilegierten im Land: Für etwa 70% (diese Zahl ist von mir geschätzt) der Bevölkerung gilt das nicht.

- Das Elterngeld deckt höchstens die ersten 14 Monate des Kinderlebens ab. Das Betreuungsgeld (oder synonym die "Herdprämie") wird auf die ersten drei Jahre beschränkt bleiben, also die Zeit, in der das Kind noch kaum eigenen Finanzbedarf hat.

- ein Berufswechsel geht in der Regel in einen Beruf, für den man weniger qualifiziert ist, das ist mit Einkommensverlust verbunden. Ein Wechsel der Anstellung im gleichen Beruf (z.B. in eine andere Stadt) wird um so schwieriger, je älter man ist. Jenseits der 40 ist das kaum noch möglich. Außerdem wird sich durch den bloßen Wohnortwechsel die berufliche Anforderung nicht deutlich ändern. Aber nicht jeder 40-jährige ist mit seinem Beruf zufrieden, und es fehlen bis zur Rente noch schlappe 27 Jahre.

Ansatzweise

Ich erkenne im Ansatz eine gute Idee: den Weltbegriff mit dem Identitätsbegriff zu verbinden. Das leuchtet ein, schon in der Verneinung: wenn ich nicht weiß, wer ich bin, weiß ich auch nicht so genau, was los ist.
Was IST, wie es kokett metaphysisch heißt.
Aber der Versuch, die Zeit dann als Parameter der Geschwindigkeit, ja der Beschleunigung aufzunehmen, scheint mir der Idee einer Lebensaufgabe geschuldet, also dem alten theologischen Thema der Erlösung. Braucht man das wirklich, sind wir nicht schon viel weiter?
Der Identitätsbegriff muss sehr sorgfältig erwogen werden, da es vermutlich der wichtigste Begriff des 21. Jahrhunderts sein wird.
Da liegt der Soziologe Rosa richtig.

Ja...

...da ist was dran, allerdings liegt die postulierte Überforderung derzeit imho weniger im gesellschaftlichen oder technischen Wandel, auch wenn beides dazu beitragen mag, dürfte das längst nicht mehr der gefühlte Hauptgrund sein. Sondern vielmehr der Zwang die wirtschaftliche Taktrate immer weiter und weiter aufzudrehen, wobei die Technik und Politik dabei lediglich noch Erfüllungsgehilfen sind.

Da stellt sich allerdings die Frage: war das nicht auch schon immer so? Ist der heutige Mensch gestresster als z.B. die Eltern von 6 Kindern in einer Mietskaserne zur Zeit der industr. Revolution, in der 12h*6 Arbeitstage die Regel waren?

Vielleicht ist es einfach so, dass wir uns innerhalb des Kapitalismus sozial nicht wirklich weiter entwickelt/verbessert haben, nur gewandelt, oder zumindest derzeit einen Rückschlag erleben? Aber vielleicht ist auch das nur eine subjektive medial induzierte Fehlwahrnehmung? Ich weiß es nicht.