Der Gast ist hingerissen. Er sitzt im Büro des Fürsten von Liechtenstein , als das Telefon klingelt und sich sein Gegenüber mit den Worten meldet: »Hier Regierung.« Ein Land, in dem der Bürger sein Staatsoberhaupt direkt an der Strippe hat – das entspricht ganz dem Ideal des Besuchers: Leopold Kohr ist der Philosoph der kleinen Einheiten und des »menschlichen Maßes«.

Kohrs Losung »Small is beautiful« ist heute wieder populär. Mit diesem Gedanken, der schon die Ökologiebewegung der siebziger Jahre antrieb, dann als Ausdruck vorgestriger Sehnsüchte verhöhnt wurde, taucht nun auch sein Vordenker wieder auf, der Nationalökonom, Jurist, Staatswissenschaftler und Philosoph Leopold Kohr. Kürzlich widmeten der Guardian und die New York Times dem 1909 bei Salzburg geborenen und 1994 verstorbenen Träger des Alternativen Nobelpreises ausführliche Artikel, der Stadtstaat Bremen ehrte ihn als »Schutzheiligen des Föderalismus«, die Foren der Occupy-Bewegung diskutieren seine Ideen. Was macht sie so aktuell?

Auf den ersten Blick wirkt es doch eher kauzig, wenn ein Staatstheoretiker sich auf den mittelalterlichen Alchemisten Paracelsus beruft: »Alles ist Gift. Ausschlaggebend ist nur die Dosis.« Doch Leopold Kohr war davon überzeugt, dass es nicht nur bei Heilpflanzen ein Zuviel gibt, sondern auch bei Nationen und Institutionen. Nicht Gier oder einen bestimmten Nationalcharakter sah er als Ursache für lähmende Hegemonien und für Kriege, sondern die »kritische Macht«, die jede zu große Struktur besäße. Einheitsregeln, Fusionen, gänzlich zollfreie Märkte – das alles bedinge Zerfall. Nur kleine Einheiten ließen sich demokratisch verwalten, nur sie seien wettbewerbsfreundlich, und wenn sie Fehler machten, seien die Auswirkungen begrenzt.

Im Grunde war Kohr Anarchist, seiner Ansicht nach störte jede Obrigkeit nur die Entfaltung freier Individuen. Aber wenn schon eine Regierung, dann schien sie seiner »Geselligkeitstheorie« nach nur legitim in der Rolle eines Gastgebers: »Der Wirt dient den Menschen und nicht der nebelhaften Vorstellung vom Volk.«

Kohrs Hauptwerk The Breakdown of Nations erschien 1957. Natürlich war sein Denken geprägt vom totalitären Zeitalter, vom mörderischen Größenwahn der Nazis und der Stalinisten. Was für ein Leben: Als Zeitungskorrespondent im spanischen Bürgerkrieg teilt Kohr den Schreibtisch mit Ernest Hemingway , schließt Freundschaft mit George Orwell , diskutiert mit André Malraux. In Paris gründet er 1938 mit Otto von Habsburg eine Widerstandsgruppe. Flieht, schuftet in Kanada in einer Goldmine. Setzt seinen Kampf gegen die Nazis als Publizist in Washington fort. Nach dem Krieg lehrt Kohr bis 1955 an der Rutgers University in New Jersey, danach zwanzig Jahre lang an der Staatsuniversität von Puerto Rico. 1967 fliegt dem Theoretiker der Kleinheit ein praktischer Anwendungsfall zu: Die 6.500 Bewohner der Antillen-Insel Anguilla haben ihre Kolonialregierung verjagt und bitten Kohr um Beratung. Der hilft ihnen bei der Gründung ihres eigenen Staates. Das Experiment endet, als britische Fallschirmspringer auf der Insel landen.