Vor dem Haus, auf 1100 Metern, reicht der Blick so weit, dass der Horizont sich biegt. Schneeweiße Gipfel, davor Bäume und Wiesen, unten der See, tiefblau wie ein Ozean in den Bergen. An klaren Tagen sieht man, über 70 Kilometer Luftlinie, die Fontäne in Genf. Schäfchenwolken ziehen vorbei. Träge schaukelt die Schweizer Fahne am Mast. Die Brise kräuselt das dunkelbraun gescheckte Fell der beiden Sennenhunde auf dem Rasen. Zwölf Uhr mittags. Aus Claude Nobs’ Chalet ist kein Laut zu hören.

Eine Assistentin läuft ums Haus und versucht, ihn ans Telefon zu bekommen. Nach einer Weile kehrt sie zurück, erzählt etwas Unbestimmtes von Vertragsverhandlungen. Der Gründer und Chef des Montreux Jazz Festivals steht, das wird er später nonchalant zugeben, gerade unter der Dusche. Nobs wurde nicht als Morgenmensch geboren. Gegen diese nervösen Leute, die etwas von ihm wollen, immer alles und sofort, ist er immun. Der Knabe mochte die Morgenstunden nicht, als er vor Schulbeginn Brötchen für seinen Vater austrug, Inhaber einer Bäckerei. Wenn Claude Nobs selbst zum Telefon greift, ruft er meist jemanden in einer anderen Zeitzone an. Dann stellt er im Handumdrehen eine Superstar-Band zusammen. Oder bespricht mit seinem Freund Quincy Jones, auch kein Frühaufsteher, das nächste Projekt.

»Als kleiner Junge«, sagt er, »habe ich viel im Wald gespielt, Dämme am Fluss gebaut, so viele Steine wie möglich aufeinandergestapelt, bis alles einstürzte.« Musikunterricht? »Zwei Stunden, als ich zehn Jahre alt war. Ich wollte gleich klingen wie Oscar Peterson. Da habe ich aufgegeben.« Noch heute steht er manchmal mit der Mundharmonika auf der Bühne neben seinen Stars. »Aber ich kann nur drei Tonarten.«

Zu dem kleinen Jungen hat er noch immer ein intensives Verhältnis. In einer vierbändigen Dokumentation seines Lebenswerks widmet er die ersten 50 Seiten seiner Kindheit. Wie er mit sechs, statt zur Schule zu gehen, den Plattenspieler aufzog und die Schellacks seines Vaters hörte. Ellington, Basie, Django Reinhardt. Die Streiche, die Raufereien, und wie die Bande in das leer stehende Grand Hotel einbrach, in dem Deep Purple später Smoke on the Water aufnahmen, dessen Text ihn als »Funky Claude« verewigte (siehe ZEIT Nr. 29/11). Heute zählt Nobs zu einer vom Aussterben bedrohten Art: der des Impresarios alter Schule.

Einer, der Freund der Künstler ist. Er flüstert sie herbei mit seinem weichen schweizerisch-französischen Akzent. Er holt sie vom Flughafen ab, hört ihnen zu mit seiner in Jahrzehnten gesammelten Geduld, lädt sie in sein Haus, teilt ihre Sorgen, kennt ihre Wünsche, gibt ihren Träumen Raum. Je unmöglicher, desto besser. Dagegen wirken die aktuellen Player im Musikbusiness wie Banker.

Nicht, dass er keinen Geschäftssinn hätte. 1967 begründete Nobs, damals 31 Jahre alt und stellvertretender Leiter des Fremdenverkehrsamtes, das Montreux Jazz Festival mit einem Budget von 10.000 Franken. Er hatte schon Erfahrung als Veranstalter. Die Rolling Stones spielten 1964 ihren ersten Gig außerhalb Englands bei ihm. Bereits im ersten Jahr hatte er Stars wie Keith Jarrett. Im zweiten Jahr nahm Bill Evans eine Live-Platte auf, für die er einen Grammy erhielt. Nobs wurde der nationale Chef von Warner Music, gründete eigene Labels. Letztes Jahr kamen 240.000 Zuschauer nach Montreux. Budget: rund 18 Millionen Euro. Kein Rappen aus öffentlicher Hand. Niemand redet ihm rein. Sein Rollenmodell: unter anderem Bill Graham, legendärster der legendären Typen der Hippie-Ära. Nobs lernte ihn kennen, als er in den Siebzigern in San Francisco vor dem Fillmore West stand, Grahams Konzertsaal. Er begann ein Gespräch mit dem Mann, der vor der Tür den Bürgersteig wischte: Graham selbst.

»Für mich gab es da nie eine Grenze«, sagt Nobs. »Am Anfang haben wir auch am Eingang die Karten abgerissen, Licht und Ton selbst gemixt. Die ersten Jahre waren wir absolute Amateure.« Auch deshalb überrascht das nach Zahlen größte Jazzfestival immer wieder mit seinen Ideen. Herbie Hancock und Lang Lang interpretieren die Rhapsody in Blue. Quincy Jones und Miles Davis spielen ihr einziges gemeinsames Konzert, mit einer 50-köpfigen Big Band. Es wird Miles’ Vermächtnis. Santana möchte ein Konzert mit Hymns for Peace spielen. Als die Musikerwunschliste vollständig ist, fragt Nobs: »Carlos, hast du noch einen Wunsch?« – »Ich würde gern die Ode an die Freude spielen.« – »Okay.« – »Das war nur ein Witz.« Nobs stellt einen 100-köpfigen Chor zusammen. Santana erfährt davon erst, als die Sänger die Bühne betreten. Dieses Jahr haben Nile Rogers und Marc Ronson die Regie über eine Dance-Nacht.