Montreux Jazz FestivalDer Freund der Stars

Ein Besuch bei Claude Nobs, dem Gründer und Leiter des legendären Montreux Jazz Festivals. Auch diesmal funktioniert es wieder ohne öffentliches Geld, nur mit Ideen. von Ralph Geisenhanslüke

Claude Nobs, Gründer des Montreux Jazz Festivals

Claude Nobs, Gründer des Montreux Jazz Festivals  |  © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Vor dem Haus, auf 1100 Metern, reicht der Blick so weit, dass der Horizont sich biegt. Schneeweiße Gipfel, davor Bäume und Wiesen, unten der See, tiefblau wie ein Ozean in den Bergen. An klaren Tagen sieht man, über 70 Kilometer Luftlinie, die Fontäne in Genf. Schäfchenwolken ziehen vorbei. Träge schaukelt die Schweizer Fahne am Mast. Die Brise kräuselt das dunkelbraun gescheckte Fell der beiden Sennenhunde auf dem Rasen. Zwölf Uhr mittags. Aus Claude Nobs’ Chalet ist kein Laut zu hören.

Eine Assistentin läuft ums Haus und versucht, ihn ans Telefon zu bekommen. Nach einer Weile kehrt sie zurück, erzählt etwas Unbestimmtes von Vertragsverhandlungen. Der Gründer und Chef des Montreux Jazz Festivals steht, das wird er später nonchalant zugeben, gerade unter der Dusche. Nobs wurde nicht als Morgenmensch geboren. Gegen diese nervösen Leute, die etwas von ihm wollen, immer alles und sofort, ist er immun. Der Knabe mochte die Morgenstunden nicht, als er vor Schulbeginn Brötchen für seinen Vater austrug, Inhaber einer Bäckerei. Wenn Claude Nobs selbst zum Telefon greift, ruft er meist jemanden in einer anderen Zeitzone an. Dann stellt er im Handumdrehen eine Superstar-Band zusammen. Oder bespricht mit seinem Freund Quincy Jones, auch kein Frühaufsteher, das nächste Projekt.

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»Als kleiner Junge«, sagt er, »habe ich viel im Wald gespielt, Dämme am Fluss gebaut, so viele Steine wie möglich aufeinandergestapelt, bis alles einstürzte.« Musikunterricht? »Zwei Stunden, als ich zehn Jahre alt war. Ich wollte gleich klingen wie Oscar Peterson. Da habe ich aufgegeben.« Noch heute steht er manchmal mit der Mundharmonika auf der Bühne neben seinen Stars. »Aber ich kann nur drei Tonarten.«

46. Montreux Jazz Festival

Vom 29. Juni bis 14. Juli, u. a. mit Quincy Jones, Taj Mahal, Bobby McFerrin, Chick Corea, Pat Metheny, Paco De Lucia, Van Morrison, Bob Dylan, Tony Bennett, Herbert Grönemeyer, Noel Gallagher, Erykah Badu, Jane Birkin

Zu dem kleinen Jungen hat er noch immer ein intensives Verhältnis. In einer vierbändigen Dokumentation seines Lebenswerks widmet er die ersten 50 Seiten seiner Kindheit. Wie er mit sechs, statt zur Schule zu gehen, den Plattenspieler aufzog und die Schellacks seines Vaters hörte. Ellington, Basie, Django Reinhardt. Die Streiche, die Raufereien, und wie die Bande in das leer stehende Grand Hotel einbrach, in dem Deep Purple später Smoke on the Water aufnahmen, dessen Text ihn als »Funky Claude« verewigte (siehe ZEIT Nr. 29/11). Heute zählt Nobs zu einer vom Aussterben bedrohten Art: der des Impresarios alter Schule.

Einer, der Freund der Künstler ist. Er flüstert sie herbei mit seinem weichen schweizerisch-französischen Akzent. Er holt sie vom Flughafen ab, hört ihnen zu mit seiner in Jahrzehnten gesammelten Geduld, lädt sie in sein Haus, teilt ihre Sorgen, kennt ihre Wünsche, gibt ihren Träumen Raum. Je unmöglicher, desto besser. Dagegen wirken die aktuellen Player im Musikbusiness wie Banker.

Nicht, dass er keinen Geschäftssinn hätte. 1967 begründete Nobs, damals 31 Jahre alt und stellvertretender Leiter des Fremdenverkehrsamtes, das Montreux Jazz Festival mit einem Budget von 10.000 Franken. Er hatte schon Erfahrung als Veranstalter. Die Rolling Stones spielten 1964 ihren ersten Gig außerhalb Englands bei ihm. Bereits im ersten Jahr hatte er Stars wie Keith Jarrett. Im zweiten Jahr nahm Bill Evans eine Live-Platte auf, für die er einen Grammy erhielt. Nobs wurde der nationale Chef von Warner Music, gründete eigene Labels. Letztes Jahr kamen 240.000 Zuschauer nach Montreux. Budget: rund 18 Millionen Euro. Kein Rappen aus öffentlicher Hand. Niemand redet ihm rein. Sein Rollenmodell: unter anderem Bill Graham, legendärster der legendären Typen der Hippie-Ära. Nobs lernte ihn kennen, als er in den Siebzigern in San Francisco vor dem Fillmore West stand, Grahams Konzertsaal. Er begann ein Gespräch mit dem Mann, der vor der Tür den Bürgersteig wischte: Graham selbst.

»Für mich gab es da nie eine Grenze«, sagt Nobs. »Am Anfang haben wir auch am Eingang die Karten abgerissen, Licht und Ton selbst gemixt. Die ersten Jahre waren wir absolute Amateure.« Auch deshalb überrascht das nach Zahlen größte Jazzfestival immer wieder mit seinen Ideen. Herbie Hancock und Lang Lang interpretieren die Rhapsody in Blue. Quincy Jones und Miles Davis spielen ihr einziges gemeinsames Konzert, mit einer 50-köpfigen Big Band. Es wird Miles’ Vermächtnis. Santana möchte ein Konzert mit Hymns for Peace spielen. Als die Musikerwunschliste vollständig ist, fragt Nobs: »Carlos, hast du noch einen Wunsch?« – »Ich würde gern die Ode an die Freude spielen.« – »Okay.« – »Das war nur ein Witz.« Nobs stellt einen 100-köpfigen Chor zusammen. Santana erfährt davon erst, als die Sänger die Bühne betreten. Dieses Jahr haben Nile Rogers und Marc Ronson die Regie über eine Dance-Nacht.

Leserkommentare
  1. Die Ticketpreise in Montreux 2012 hoch wie nie zuvor, das Publikum erwartungsvoll, im teuren Teil wohl bestuhlt und gut gewandet, die Massen aufgeregt im Stehbereich, der Superstar möchte nicht, das fotografiert oder gefilmt wird, die Screens mit den hochauflösenden Bildern des Konzerts weiss und leer, fleissige Ordern huschen durch die Reihen und greifen sich die eine oder andere Smartphonebesitzerin, keine Bilder bitte!, wissen sie!, er mag es nicht!, der Superstar hat einen lustigen Hut und singt seine berühmten Songs der letzten 40 Jahre, die Band schrammelt lustlos und laut vor sich hin, ich stehe völlig erstarrt in der ersten Reihe und fühle mich wie im Mittagskonzert eines teuren Altersheims, er ist schon über siebzig und er kann keinen einzigen klaren Satz mehr singen, Harry Belafonte und Tony Bennett sitzen vielleicht irgendwo grinsend im exklusiven Publikum, schöne Frauen und alte Männer wollen dieses einmalige Konzert erleben, und doch nur schwacher Applaus bei allen Liedern, krächzend müht sich der Superstar durch das müde Repertoire, es kommt einfach keine Stimmung auf, die Ersten verlassen den Saal wieder, und bitte immer noch keine Fotos, ich will ein Bier und frische Luft, ich bin nicht mehr jung und die Lieder meiner Jugend sind sowieso verklungen und sollten nicht mehr gesungen werden von all diesen alten Superstars, wenn ich nach Hause komm, kram ich vielleicht die alte LP raus und höre, wie die Lieder im Wind verklingen und die Zeiten sich ändern,

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