Es gibt Orte, die man lieber verheimlichen würde, als sie der Öffentlichkeit preiszugeben. Für die Kulturlandschaft »im Tal« gilt das unbedingt. Nichts schlimmer als die Vorstellung, hier tummelten sich Kunsttouristen aus aller Welt, betört der Ort doch gerade mit beseelter Einsamkeit. Dabei hat er nicht viel gemein mit dem, was sich üblicherweise in und um Skulpturenparks verbirgt: Schilder, Mülleimer, Toiletten und einen Imbiss sucht man vergebens. Der Bildhauer und Maler Erwin Wortelkamp vertraut auf den mündigen Kunstbetrachter, der sich in allen Fällen selbst zu helfen weiß. In den siebziger Jahren hat er mit seiner Familie das alte Schulhaus von Hasselbach in Besitz genommen, seit 1986 gestaltet er in privater Initiative mit rund 40 anderen Künstlern den eigenen angrenzenden Landschaftsraum (www.im-tal.de).

Um die fünfzig Werke verteilen sich heute auf seinem Gelände, zwischen Hasselbach und Werkhausen im Westerwald, das mehr als 100000 Quadratmeter umfasst, die sich stundenlang umrunden und durchaus als begehbare Großskulptur begreifen lassen. Der Weg windet sich mal links, mal rechts, mal mitten durch einen Bach, erst geht es hinauf, dann hinunter, dann in den Wald hinein, auf sternenmoosgeschmückten Pfaden. Dabei begegnet man den meisten Kunstwerken so unvorbereitet wie Ostereiern im Gras. Der überraschendste Moment ereignet sich, als wir erst ein dunkel lockendes Tannenwäldchen umrunden, um dann auf der anderen Seite in sein erhabenes Grün hineinzuschreiten wie in einen Dom. Dort läuft uns Karl Bobeks in Eisen gegossener Dreibeiner über den Weg, ein versehrter Waldmensch, der sich auf der Stelle fortbewegt und uns erst einen Schreck und dann einen zauberhaften Augenblick beschert.

Dabei hat man nicht nur bei diesem Werk den Eindruck, es müsse hier stehen, weil es nicht anders kann und will. Begleitet von Vogelgezwitscher und Insektengesumm führt der Pfad an wie gemalt in der Landschaft liegenden Weiden und Wiesen mit Sauerampfer, Margeriten und Butterblumen vorbei. Ein Stück des Weges eskortieren schlanke Weiden die Wanderer zwischen den Welten Natur und Kunst, die sich hier im schönsten Hin und Her befruchten. Für manch ein Kunstwerk benötigt der Besucher einen Schlüssel. Damit öffnet sich dann etwa das holzfassähnliche Silo von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger, das ein ebenso bezauberndes wie verstörendes Innenleben entblößt: Aus einer von einem Spitzenvorhang bewachten Wanne ranken giftig scheinende pinkfarbene Gebilde, bekleckert von übel riechendem Teer. Es handelt sich um Harnstoffkristalle, die sich in der warmen, lichtbeschienenen Höhle auf wundersame Weise vermehren und damit ein wiederkehrendes Thema des Tals veranschaulichen: Das Prozesshafte, das Gehen und Nichtstehenbleiben, die Veränderung als Grundprinzip allen Lebendigseins.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

In Worte und Wände fasste das der 2008 gestorbene Künstler Ludger Gerdes mit einer Arbeit, die den Satz »Ichs dürfen können wollen sollen müssen sterben« einmal im Kreis herumführt. Nur ein paar Schritte weiter öffnet sich vor sieben strammstehenden Pyramideneichen ein Platz, den eine von Erwin Wortelkamps wunderbar widerständigen Bronzen bestimmt. Seine massive Eisenskulptur Vielleicht ein Baum ragt dann am beinahe höchsten Punkt des Tals in den Himmel und beginnt einen Dialog mit ihrem Drumherum, wie hier so vieles angeregt miteinander und übereinander spricht. Etwa der alte, gebeugte Bauer auf einem Bild des Fotografen August Sander, der im Westerwald Gesichter und Geschichte(n) fand. Hanspeter Demetz hat ihm ein Minimuseum errichtet, eine Gedenkstätte, die einige seiner Fotografien in schlichten Aluminiumrahmen ausstellt. Für die Ewigkeit erstarrte Menschen, in denen sich die Landschaft spiegelt und umgekehrt. Das gebeugte Bäuerlein erinnert dabei leibhaftig und fatal an den Dreibeiner im Tannenwäldchen.

Aber nicht nur Kunst und Natur reagieren in diesem Landschaftsgarten aufeinander. Auch das Fremde und das Eigene, die innere und die äußere Welt zeigen sich in ihrer Artenvielfalt. Es ist ein einzigartiges Rückzugsgebiet, zum Verweilen und zum Passieren. Beglückt, wer es erfährt.