Higgs-Teilchen : Voreilige Sensation

Ist das Higgs-Teilchen gefunden? Die Gerüchteküche kocht.
Diese Simulation zeigt den Aufprall von Teilchen, die der CMS-Detektor des Teilchenbeschleunigers LHC registrieren kann. Physiker haben mit dieser Methode Spuren des Higgs-Teilchens entdeckt. © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Der Informant ist der Held der Demokratie. Er deckt Missstände auf, indem er geheim gehaltene Informationen ans Licht der Öffentlichkeit schmuggelt. Ist jener Physiker, der jetzt den Hype um das lange gesuchte Higgs-Teilchen anheizt, ein solcher Held? Oder nur ein Wichtigtuer?

Als goddamn particle wurde das Higgs einst bezeichnet. Denn seit Jahrzehnten wird dieser letzte noch fehlende Baustein zum Standardmodell der Physik vergeblich gesucht. Nun soll er am Genfer Forschungszentrum Cern mit dem Teilchenbeschleuniger LHC dingfest gemacht werden. Vor der Winterpause gab es dort schon erste Hinweise , nun wartet alles auf neue Daten. Diese sollen Anfang Juli auf einer Konferenz in Melbourne präsentiert werden.

Doch der Fahrplan der Entdecker ist durchkreuzt. Einer der knapp 5.000 Cern-Forscher gab offenbar einem amerikanischen Blogger vorab einen Wink – und dieser posaunte es per Internet gleich in alle Welt: Auch in den neuen Daten findet sich das verdächtige Signal, demnächst könnte die Sensation verkündet werden. Nun steckt man in der Pressestelle des Cern in der Zwickmühle: Soll man dichthalten? Oder Vorabergebnisse veröffentlichen, die noch nicht ausreichend unter Kollegen diskutiert und auf Fehler überprüft wurden?

In schlechter Erinnerung ist den Cern-Physikern das Debakel der Kollegen vom italienischen Opera-Experiment. Die hatten im vergangenen Herbst etwas voreilig verkündet, sie hätten überlichtschnelle Neutrinos entdeckt – damit wäre Einstein widerlegt gewesen. Inzwischen mussten die Opera-Forscher einräumen: Die Sensation war gar keine, man hatte in der Eile einen technischen Fehler übersehen .

Eine solche Schlappe wollen die Cern-Forscher verständlicherweise vermeiden. Zum sauberen Nachweis des Higgs müssen die beiden Messstationen Atlas und CMS unabhängig voneinander zweifelsfreie Higgs-Spuren finden. Und alle Fehlerquellen – siehe Neutrinos – müssen ausgeschlossen werden. Das braucht Zeit. Und die sollen sich die Forscher nehmen. Für die wichtigste Entdeckung der physikalischen Grundlagenforschung seit 30 Jahren ist das nicht zu viel verlangt.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Angebliches übereilte beim italienischen Opera-Experiment

Sehe ich nicht so. Die Messungen bei den angeblich überlichtschnellen Neutrinos wurden sehr vorsichtig verkündet, und die Gruppe sagte selbst klar, dass sie von einem Fehler bei den Messungen ausging. Andere Forschungseinrichtungen sollten aber das Experiment widerholen, weil damit leichter getestet werden könnte, ob etwas an überlichschnellen neutrinos dran wäre, oder es eben doch nur ein Fehler bei dem experimentellen Aufbau gab. ich finde, das ist völlig ok.

Geduld ist eine Tugend

Nachdem was ich an Gerüchten der Presse entnehmen konnte, ist lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den bereits bekannten Signaturen tatsächlich um ein Higgs handelt, etwas gestiegen (von 2.6 auf 4 Sigma angeblich).

So ein Fortschritt entsteht dann, wenn man eine große Zahl zusätzlicher Kollisionen auswertet.

Doch selbst wenn die Wasserstandsmeldungen stimmen: Es wäre für eine Entdeckung zu wenig, die Aussage ist wissenschaftlich schlicht irrelevant. Man wird weiter arbeiten müssen, bis man eine Genauigkeit von 5 Sigma erreicht.

Mein Vorschlag: Geduld üben und die Experten ihren Job machen lassen. Sobald dabei etwas rauskommt, was mehr wert ist als ein klares "Vielleicht", wird das CERN die Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Prüfung vorlegen.

So wie bei Opera: Die Originalarbeit war eine Einladung, den Fehler zu finden... Opera hat dem Braten selbst nicht getraut, ihnen sind nur die Ideen bei der Fehlersuche ausgegangen. Als Reaktion auf die Arbeit wurde das unerwartete Ergebnis erklärt. Mit einem technischen Fehler, was für die Öffentlichkeit wohl ziemlich langweilig ist.

Aber so sieht wissenschaftlicher Erfolg eben manchmal aus. Zeitaufwendig und manchmal auch frustierend.

schon im letzten Jahr....

...berichtete das CERN, dass das Higgs vielleicht gefunden ist, man aber eine höhere Experimentezahl bräuchte um statistische Fehler weiter auszumerzen.

Von daher ist das ganze doch nix neues. Diese weiteren Experimente sind halt wieder angelaufen und scheinen das zu bestätigen was damals schon vermutet wurde.

Also für mich ist das keine Information die mich überrascht oder die gar neu wäre.

Des Weiteren hinkt der Vergleich zum Operaexperiment gewaltig. Die dortigen Wissenschaftler sind ja bewusst an die Öffenlichkeit gegangen um ihre Ergebnisse überprüfen zu lassen, weil sie es selbst nicht wirklich glauben konnten.

Wie @1 schon sagte, Äpfel und Birnen und ein bisschen Sensation....