Der Informant ist der Held der Demokratie. Er deckt Missstände auf, indem er geheim gehaltene Informationen ans Licht der Öffentlichkeit schmuggelt. Ist jener Physiker, der jetzt den Hype um das lange gesuchte Higgs-Teilchen anheizt, ein solcher Held? Oder nur ein Wichtigtuer?

Als goddamn particle wurde das Higgs einst bezeichnet. Denn seit Jahrzehnten wird dieser letzte noch fehlende Baustein zum Standardmodell der Physik vergeblich gesucht. Nun soll er am Genfer Forschungszentrum Cern mit dem Teilchenbeschleuniger LHC dingfest gemacht werden. Vor der Winterpause gab es dort schon erste Hinweise , nun wartet alles auf neue Daten. Diese sollen Anfang Juli auf einer Konferenz in Melbourne präsentiert werden.

Doch der Fahrplan der Entdecker ist durchkreuzt. Einer der knapp 5.000 Cern-Forscher gab offenbar einem amerikanischen Blogger vorab einen Wink – und dieser posaunte es per Internet gleich in alle Welt: Auch in den neuen Daten findet sich das verdächtige Signal, demnächst könnte die Sensation verkündet werden. Nun steckt man in der Pressestelle des Cern in der Zwickmühle: Soll man dichthalten? Oder Vorabergebnisse veröffentlichen, die noch nicht ausreichend unter Kollegen diskutiert und auf Fehler überprüft wurden?

In schlechter Erinnerung ist den Cern-Physikern das Debakel der Kollegen vom italienischen Opera-Experiment. Die hatten im vergangenen Herbst etwas voreilig verkündet, sie hätten überlichtschnelle Neutrinos entdeckt – damit wäre Einstein widerlegt gewesen. Inzwischen mussten die Opera-Forscher einräumen: Die Sensation war gar keine, man hatte in der Eile einen technischen Fehler übersehen .

Eine solche Schlappe wollen die Cern-Forscher verständlicherweise vermeiden. Zum sauberen Nachweis des Higgs müssen die beiden Messstationen Atlas und CMS unabhängig voneinander zweifelsfreie Higgs-Spuren finden. Und alle Fehlerquellen – siehe Neutrinos – müssen ausgeschlossen werden. Das braucht Zeit. Und die sollen sich die Forscher nehmen. Für die wichtigste Entdeckung der physikalischen Grundlagenforschung seit 30 Jahren ist das nicht zu viel verlangt.