AlentejoNa dann, gute Nacht!

Im portugiesischen Alentejo tappen Touristen gerne im Dunkeln: Nach Sonnenuntergang kann man hier reiten, paddeln oder sich massieren lassen – unter einem Himmel mit Gütesiegel von Burkhard Straßmann

Zambujeira do Mar in der Region Alentejo in Portugal

Zambujeira do Mar in der Region Alentejo in Portugal  |  © Luis Davilla/Cover/Getty Images

Drei Männer reiten durch die warme Vollmondnacht des Alentejo. Hohe, stolze Rösser tragen sie über den holperigen Boden. Kein Zivilisationsgeräusch ist zu hören, nur das monotone Lied der Zikaden.

Die Reiter passieren zerfurchte Ölbäume, die wahrscheinlich über 1.000 Jahre alt sind. Megalithen am Wegesrand heben sich gegen den mondhellen Himmel ab, bezeugen stumm eine noch viel ältere Besiedlungsgeschichte. Die fahle Beleuchtung, der warme Wind und die fast beängstigende Ruhe lassen für einen Moment alles möglich erscheinen: eine plötzliche Attacke römischer oder westgotischer Krieger, berittene Araber, die aus einem Gebüsch hervorbrechen, den martialischen Auftritt eines Trupps von Tempelrittern.

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Am Horizont auf einem Berg erscheint, in schummrig-gelbes Licht getaucht, die mit Mauern und Wehrtürmen befestigte Stadt Monsaraz, Bewacherin des Guadiana. Der nahe Fluss markiert die Grenze zu Spanien. Vor ein paar Jahren wurde er hier, etwa 200 Kilometer östlich von Lissabon, zum Alqueva-See aufgestaut – es entstand die größte Talsperre Europas. Doch die nächtlichen Reiter sind nicht gekommen, um den See zu sehen. Sie biegen kurz vor Monsaraz ab, in die betonierte, weiß gekalkte Stallanlage der Casa Saramago im Dorf Telheiro.

»Gut gemacht«, sagt Tiago in einer unergründlichen Mischung aus Spott und Lob, »das sah doch schon sehr professionell aus.« Tiago ist mein Reitlehrer. Ich lasse mich aus dem extra hoch geschnittenen Stierkämpfersattel zu Boden gleiten und setze den verschwitzten Reithelm ab. Dann klopfe ich meinem Pferd Paciência, diesem Wunder an Sanftmut, den Hals. Ich sage laut obrigado zu ihm, Danke, und denke: Überlebt! Ich habe schließlich zum ersten Mal auf einem Pferd gesessen. Und das um Mitternacht!

Reiten lernen im Dunkel der Nacht ist eine eigenwillige Idee. Der Lehrer kann nicht sehen, wenn sein Schüler, der nur Motorradfahren kann, zu lang an der Pferdebremse zieht, sodass das Tier den Rückwärtsgang einlegt. Doch ich bin ohnehin nicht angereist, um ein perfekter Reiter zu werden. Ich will eine neue, ganz besondere touristische Attraktion der portugiesischen Provinz kennenlernen, die »Dark Sky Route«. Rings um den Alqueva-See haben sich Veranstalter und Herbergen zusammengeschlossen und bieten ein Programm im Dunkeln an. Die Verlockung: endlich mal wieder eine richtig schwarze Nacht erleben, mit funkelndem Himmel, Milchstraße und Sternschnuppen. Und dabei mit Teleskop und Amateurastronomen an der Seite Sterne gucken, mit Führern Nachttiere belauschen, Mitternachtspaddeln – und eben reiten.

»Da vorn, die Kugellampe – die muss auch noch verschwinden!«

Paciência ist trocken gerieben und den Sattel los. Ich wanke auf mein Zimmer in der Casa Saramago und erledige schnell noch ein paar Fliegen. Dann falle ich zufrieden ins Bett. Es ist ausgesprochen beruhigend, zu wissen, dass jede Herberge, die Teil der »Dunkelhimmelstraße« sein will, nicht nur ein Nachtprogramm anbieten muss, wie der Olivenbauer Francisco sein night horse riding. Und nicht nur Ferngläser oder Teleskope und astronomisches Basiswissen bereitzuhalten hat. Das vielleicht Beste ist, dass die Gäste nach der erlebnisreichen Nacht am Morgen ausschlafen dürfen. Und extra spät auschecken können. Ich rolle mich morgens um 11 Uhr aus dem Bett – und bekomme klaglos ein fulminantes Frühstück.

Am Nachmittag holt mich Apolónia mit dem Auto ab. Die kleine, energische Frau ist der tiefere Grund dafür, dass sich der Alentejo heute mit der Dark Sky Route auf den Reisemarkt stellt. Die private Non-Profit-Organisation Genuineland, deren Chefin Apolónia ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, darbenden ländlichen Regionen in Europa mit innovativen touristischen Konzepten aufzuhelfen. Gebieten wie dem Alentejo: Die Region, die sich von der Mitte des Landes nach Süden bis zur Algarve erstreckt, gilt in Portugal als arm, kulturfern, hinter dem Mond. Im Sommer herrscht hier eine Bullenhitze mit Temperaturen von über 50 Grad. Das Essen besteht hauptsächlich aus Olivenöl, Knoblauch und altem Brot. Und wenn man nach Kultur fragt, hört man lange Zeit nichts, und irgendwann heißt es: Stierkampf. Eine Gegend zum Weglaufen. Genau das passiert auch – nirgends in Portugal ist die Landflucht ausgeprägter. Man fühlt sich hier ein wenig an Ostfriesland erinnert, zumal es auch Alentejo-Witze gibt. Wie diesen: Wettrennen zwischen einer Schnecke und einem Alentejano. Normalerweise würde die Schnecke gewinnen. Diesmal nicht. Sie wurde nach zwei Fehlstarts disqualifiziert. 

Seit 2008 bemüht sich Apolónias Organisation nun darum, die Region voranzubringen. Damals hatte Genuineland die Idee, die Alentejanos könnten mit der Schwärze ihrer Nächte, ihrer Finsternis, Touristen anlocken. Ausgerechnet mit etwas, das eigentlich an Armut denken lässt: Sobald es einem Land besser geht, werden als Erstes Städte, Straßen und Fassaden beleuchtet; und auch strahlend helle Reklametafeln gelten als Belege für Prosperität.

Leserkommentare
  1. 1. Wein*

    Zumindest was den Wein angeht ist die Region Alentejo ganz und gar nicht hinter dem Mond. Rot- und Weissweine aus dem Alentejo kann ich sehr empfehlen!

  2. Mit meinem Patenkind verbrachte ich einige Tage bei Freunden im Alentejo. Auf dem einsamen Hof waren nur wiederkäuende Schafe und ein heiser bellender Hund in der Ferne zu hören. Spätabends hatten wir eine besondere Beschäftigung: Sternschnuppen zählen.
    Als ich die 14-Jährige nach dem Urlaub fragte, was ihr denn am besten an Portugal, am Alentejo, am Monte (Bauernhof) gefallen hat, antwortete sie mit einem großen Leuchten in den Augen: Die Milchstraße!

    Im Weltnetz habe ich einen kleinen Bericht über einen typischen Abend im gastronomischen Herzen des Alentejos gefunden.

    http://wp.me/p10RET-3L

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