ZEITmagazin: Herr Kienzle, Sie gingen als Korrespondent in den Libanon und wurden zum Kriegsberichterstatter. Können Sie sich an den ersten Toten erinnern?

Ulrich Kienzle: Ja, der erste Tote war ein furchtbarer Anblick. Das war noch ganz am Anfang des Bürgerkriegs, auf dem Place du Canon . Ein junger Palästinenser, er war vielleicht 30 Jahre alt, lag erschossen da. Wir sind mit der Kamera hingefahren und haben gedreht.

ZEITmagazin: Waren Sie einmal selbst in Lebensgefahr?

Kienzle: Ja, da gab es mehrere Erlebnisse. Eines hat sich mir dramatisch eingeprägt. Waffenstillstand im Libanon bedeutete, dass das Leben innerhalb von Stunden völlig normal war. Vorher wurde massakriert – dann waren plötzlich alle fröhlich und auf den Straßen unterwegs. An so einem Tag bin ich mit dem Auto in die Bekaa-Ebene gefahren, um dort Wein zu kaufen. Ich hatte ja schwäbischen Trollinger nach Beirut mitgenommen, weil ich dachte, im Libanon gibt es keinen Wein. In Wirklichkeit hatten die Libanesen viel besseren Wein als wir Schwaben . Ich kam ohne Problem durch die Linien und kaufte im Weingut Ksara ein. Auf der Rückfahrt tauchte neben mir plötzlich ein kleiner englischer Sportwagen auf, mit vier besorgniserregenden Figuren. Sie zogen in aller Seelenruhe schwarze Masken übers Gesicht, holten ihre Maschinenpistolen raus und schrien: »Hey, hey, fahr rechts ran!« Da habe ich zum ersten Mal richtig Todesangst empfunden. Es versagte alles.

ZEITmagazin: Wie fühlt sich Todesangst an?

Kienzle: Ich habe an nichts mehr gedacht. Ich war außer Kontrolle, ich dachte: Irgendwann drückt einer einfach ab. Es genügt ja ein kleiner Druck mit dem Finger. Die Typen kamen näher mit den Maschinenpistolen, und es stellte sich heraus: Die wollten mein Auto. Auf Arabisch schrie ich den Anführer an. Mit einem damals typischen Schimpfwort, das ich gelernt hatte: »Ente manjuk al akbar anibarif.« Das heißt: »Du bist das größte, schwulste Arschloch, das ich kenne.« Frei übersetzt.

ZEITmagazin: Sie haben Ihre Angreifer noch provoziert?

Kienzle: In meiner Panik ist mir das rausgerutscht. Nachdem dieser Spruch draußen war, dachte ich: Das war das Dümmste, was du tun konntest. Ich habe mich um Kopf und Kragen geredet. Da guckt der Typ mich an und sagt: »Wie redest du mit mir?« Ich dachte: Jetzt ist wirklich Feierabend. Die werden mich jetzt über den Haufen schießen. Meinen Leichnam einfach in den Müll werfen und Ende.

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ZEITmagazin: Wer waren diese Banditen?

Kienzle: Es waren Palästinenser. Ich sagte – wieder ohne nachzudenken: »Ich bin Journalist. Jetzt muss ich in Deutschland berichten, dass die Palästinenser Gangster sind, die einen überfallen.« Da begannen sie sich zu beraten. Schließlich kam der Anführer mit seiner Maschinenpistole und forderte mich auf zu verschwinden. Wie in Trance fuhr ich los. Ich wusste nicht, wie mir geschehen war. Erst nach ein paar Hundert Metern wurde mir klar, dass ich noch lebte.