Verblüffende Vorstellung, dass Jean-Jacques Rousseau die Französische Revolution nicht erlebt hat, obwohl er doch ihr Jean-Paul Sartre war. Niemand, noch nicht einmal Voltaire, übte einen solchen Einfluss auf die eigene Epoche aus. Ohne Rousseau hätte die Revolution nicht stattgefunden. Voltaire hatte auf seine Zeit als aufgeklärter Freund des »Jahrhunderts des Louis XIV« reagiert; Rousseau hingegen, indem er glatt eine andere Epoche erfand – als Einziger. Und er sprach von der neuen Epoche mit einer Stimme aus dem Nirgendwo, die weder von der Sorbonne hertönte noch aus dem Salon. Es war die Stimme eines Mannes, der ganz auf sich selbst gestellt war und unversehens emporragte wie zwei Jahrhunderte später Sartre.

Wie soll man Rousseaus Erbe bewerten? Es ist ein zweifaches Erbe, diesseits und jenseits des Rheins. Der deutsche Leser lässt sich wohl eher von dem Jean-Jacques der Träumereien des einsamen Spaziergängers und des Glaubensbekenntnisses des savoyardischen Vikars ans Herz rühren. Der Spaziergänger spielt eine Melodie, die mit dem romantischen Streben nach der Kommunion mit der Natur harmoniert, wie es einem Novalis, einem Hölderlin so kostbar war. Über allem thront der erhabene Autor der Geständnisse. Hier ist die menschliche Komplexität vollkommen, mehr noch als in den Träumereien, wo sie sich ins Herz des Waldes geflüchtet haben. Nur in den Geständnissen hört man Rousseau ausatmen. Und es erschüttert uns noch heute.

Für Jean-Jacques ist die Natur ein Ort spiritueller Erfahrung. Im Herzen dieses Raumes erklingt die namenlose Stimme einer Transzendenz, die nichts mehr gemein hat mit christlicher Erhabenheit. Der »savoyardische Vikar« ist Vikar nur dem Namen nach. In Wirklichkeit ist er Dichter. Man muss schon auf Chateaubriand und seinen Geist des Christentums warten, um die Glocken erneut klingen zu lassen und die »Erbsünde« wieder ins Zentrum zu rücken. Doch da hat der Terror schon regiert, ist das Blut schon geflossen – das ändert alles.

Das ganze Trachten Rousseaus richtet sich darauf, hinter das Böse zurückzugehen. Dass die Glocken zur Beichte rufen, lässt ihn kalt, ist das Böse doch nicht im Menschen, sondern in den Institutionen. Ein Garten Eden ist zurückzuerobern, und diese Eroberung geschieht durch dichterisches Einswerden mit der Natur: mit der Welt der Wälder und Winde. Das ist auch der Ort romantischer Erfahrung für jene Schriftsteller, die im Wald das poetische Äquivalent einer Kathedrale erkennen. So gesehen strahlt Rousseau auf die romantische Dichtung aus, bis hin zu Thoreau, ja bis hin zur amerikanischen beat generation (mit seinem Walden war Thoreau gewissermaßen der Rousseau der Beatniks).

Anders in Frankreich. Hier ist Rousseau zuallererst der Autor des Gesellschaftsvertrages. Dieser gründet auf der Idee, dass die Souveränität nicht von einem einzelnen Monarchen verkörpert wird, sondern vom gesamten Volk. Von nun an gibt es etwas, das man ein »Königsvolk« nennen könnte, Rousseau selbst spricht von einem »Körpervolk«. Die Absicht ist eindeutig. Die Individuen sind in ihrem innersten Wesen freie Menschen, und als solche sollen sie eine würdige Gesellschaft verwirklichen können: »Auf seine Freiheit verzichten heißt, auf das Menschsein, die Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten verzichten.« Und weiter: »Man entzieht, wenn man seinem Willen alle Freiheit nimmt, seinen Handlungen allen moralischen Wert.« Also gibt es einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen Freiheit und Moral. Vollkommen frei und vollkommen tugendhaft zu sein, das war Rousseaus Programm. Begehren und Moral sollen im Gleichschritt gehen.

Bis Rousseau die Bühne betrat, bot die Idee der Ursünde eine Erklärung für alle Übeltaten. Das war bequem, realistisch und vor allem eindeutig: Niemand ist vor Fehltritten gefeit, nicht einmal der Tugendhafteste unter uns. Für Rousseau war das Heuchelei, hassenswerter Jesuitismus. Keine Kluft möge mehr sein zwischen Begehren und Gesetz. Das war sein Programm, ebenso wundersam wie nicht zu verwirklichen. Es macht aus Rousseau den revolutionären Verfechter der Emanzipation – und zugleich den Ersten, der die totalitäre Maschine in Gang setzte. Denn wer heute nach dem Erbe Rousseaus fragt, stößt auf das Paradox, dass das Maximum an Freiheit das Maximum der Tyrannei gebiert. Aus diesem Grund wurde er von marxistischen Regimen stets lieber gesehen als ein Voltaire, ein Diderot, die als zu leichtfüßig befunden wurden, als zu ungeniert.

Rousseaus Erbe entgeht daher nicht dem Vorwurf, es stehe mit den Tragödien des 20. Jahrhunderts in einer heimlichen Beziehung, denn auch sie trugen den Traum von einer ursprünglichen Reinheit in sich. Es gibt etwas von Rousseau hinter dem Nazismus, ebenso wie hinter den Roten Khmer. Das zu leugnen hieße, den entscheidenden Widerspruch Rousseaus zu verfehlen. Was hätte er über die Todeslager gedacht? Wir werden es nie wissen, und das ist vielleicht besser so.

Aus dem Französischen von Gero von Randow