Jean-Jacques Rousseau : Der wahre Egoist

Rousseaus natürliche "Selbstliebe" ist besser als jede Moral.
Jean-Jacques Rousseau, etwa 1760 © Hulton Archive

In seinem einzigartigen Dialogbuch Rousseau richtet über Jean-Jacques entfaltet Rousseau seine bekannte Unterscheidung zwischen der »Selbstliebe« als der guten und natürlichen Liebe zu sich selbst und der »Eigenliebe«, bei der jemand auf perverse Weise sich selbst vor anderen den Vorzug gibt und alles daransetzt, jedes Hindernis bei der Erfüllung seiner Wünsche zu beseitigen. Es lohnt sich, diese wunderbaren Sätze noch einmal zu zitieren:

»Die ursprünglichen Leidenschaften, welche alle auf unser Glück abzielen, beschäftigen uns bloß mit Gegenständen, die sich darauf beziehen, und da die Selbstliebe ihr Prinzip ist, so sind sie ihrem Wesen nach alle liebreich und sanft; wenn sie aber durch Hindernisse von ihrem Gegenstande abgelenkt werden und sich mehr damit beschäftigen, das Hindernis wegzuräumen, als den Gegenstand zu erlangen, dann verändern sie ihre Natur und werden zu Zorn und Hass fähig, und auf diese Art verändert sich die Selbstliebe (...) in Eigenliebe, das heißt in eine relative Empfindung, vermöge deren man Vergleiche mit sich anstellt, Vorzüge erlangt, deren Genuss doch bloß negativ ist, und welche ihre Befriedigung nicht durch unser eigenes Wohl, sondern durch das Unglück anderer zu befördern sucht.«

Der Schriftsteller Gore Vidal hat diese Überlegung auf die lapidare Formel gebracht: »Es genügt mir nicht, zu gewinnen – der andere muss verlieren.« Bei Rousseau gilt das aber nur für den Kulturzustand; im Naturzustand sah er dagegen keine Spannung zwischen Egoismus und Altruismus. Gerade die egoistischen Instinkte sagen dem Einzelnen, dass es gut für ihn ist, mit anderen zu kooperieren. Ein böser Mensch ist folglich kein Egoist, der »nur an seine eigenen Interessen denkt«, im Gegenteil. Ein wahrer Egoist ist für Rousseau viel zu sehr damit beschäftigt, sich in Selbstliebe um sein eigenes Wohlergehen zu kümmern, als dass er Zeit hätte, anderen Ungemach zu bereiten.

Rousseau beschreibt hier einen bestimmten libidinösen Mechanismus, nämlich die Umkehrung, welche zur Verlagerung der libidinösen Besetzung von dem begehrten Objekt auf das Hindernis führt, das uns den Zugang zu ihm versperrt. Dieser Mechanismus lässt sich zum Beispiel bei fundamentalistischen Gewalttaten beobachten, etwa bei dem Bombenanschlag in Oklahoma oder dem Terrorattentat auf die Twin Towers. In beiden Fällen haben wir es mit dem von Rousseau beschriebenen nackten Hass zu tun: Worum es den Tätern eigentlich ging, war, ein Hindernis zu zerstören – das Oklahoma City Federal Building, die Twin Towers –, und nicht, das hehre Ziel einer wahrhaft christlichen oder muslimischen Gesellschaft zu verwirklichen.

Deshalb sollte man sich den Egalitarismus nie wörtlich auf die Fahne schreiben. Die Idee (und die Praxis) gleicher Gerechtigkeit, sofern sie vom Neid lebt, stützt sich bloß auf eine Umkehrung: Ich bin bereit, darauf zu verzichten, damit andere es (auch) nicht haben (können)! Das Böse ist hier nicht das Gegenteil der Aufopferungsbereitschaft, sondern geradezu ihr Inbegriff. Ich bin bereit, auf mein eigenes Wohlergehen zu verzichten – wenn ich durch mein Opfer den anderen um seinen Genuss bringen kann.

Rousseau zeigt uns, dass jene Kritiker, die den Mangel an wahren Werten in unserer heutigen hedonistisch-egoistischen Gesellschaft beklagen, am Kern des Problems völlig vorbeigehen. Das wahre Gegenteil der egoistischen Selbstliebe ist eben nicht der Altruismus als Sorge um das Gemeinwohl; das Gegenteil ist der Neid, das Ressentiment, das mich gegen meine eigenen Interessen handeln lässt.

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Klasse Artikel

"Rousseau zeigt uns, dass jene Kritiker, die den Mangel an wahren Werten in unserer heutigen hedonistisch-egoistischen Gesellschaft beklagen, am Kern des Problems völlig vorbeigehen. Das wahre Gegenteil der egoistischen Selbstliebe ist eben nicht der Altruismus als Sorge um das Gemeinwohl; das Gegenteil ist der Neid, das Ressentiment, das mich gegen meine eigenen Interessen handeln lässt."
Absolut genial geschrieben...

Besser als jede Moral?

Rousseaus Selbstliebe im Sinne eines „utilitaristischen Egoismus“ existiert nicht, sie ist eine Idealisierung, um den Gegenpol zur Eigenliebe zu bilden. Selbstliebe trifft zwangsweise auf Realität, auf Widerstände, auf frustrierende Versagung – schon ist sie dahin und kann deshalb auch nicht „besser als jede Moral“ sein. Moral setzt sich aus persönlichen Gefühlen und ethischen Kategorien zusammen, ein komplizierter Begriff, der als schlechte Alternative zur „natürlichen“ Selbstliebe wenig taugt. Der wahre Kapitalist gehorcht auch der naiven Selbstliebe, und nicht allein der von Rousseau als destruktiv begriffenen Eigenliebe, dieser selbstverliebten Raffinesse, die sich letztlich als autodestruktiv erweist. Ein Kapitalist ist schlicht gierig nach mehr, er muss dabei weder religiösen Eifer aufweisen noch muss er sein Handeln als missionarisch empfinden, er setzt auch nicht absichtlich Leben und Glück anderer aufs Spiel, er ist nur ganz eng bei sich, und er wird in dieser Enge zwangsweise asozial, doch was macht das schon – damit exerziert er das verlogene Erfolgsstreben in dieser Gesellschaft, er huldigt dem modernen Abgott.

Rousseau, der Verfasser des „Gesellschaftsvertrages“, der frühe Aufklärer zwischen Naturverklärung und zivilisatorischem Fortschritt, passt auch nicht recht zu den vorgestellten Überlegungen, inwieweit bei 9/11 düstere libidinöse Antriebe der Täter eine Rolle gespielt haben. Der Artikel ist zwar interessant, aber nicht sehr überzeugend.

soziale Gerechtigkeit

"Nietzsche und Freud waren davon überzeugt, dass eine als Gleichheit verstandene Gerechtigkeit auf Neid beruht – Neid auf den anderen, der etwas hat, das wir nicht haben."

Und deshalb vertragen sich Freiheit und Gleichheit auch nicht.

Mir scheint die Disskussion um soziale Gerechtigkeit mit der Abwertung der Freiheit auch sehr viel mit Neid zu tun zu haben.

Natürlich geht die Schere auf, den Armen in unserem Land ging es jedoch noch nie so gut wie heute.

Armut ist immer relativ: arm ist man im Vergleich zu irgend jemand anderem. Was Sie meinen ist der Lebensstandard, und der ist sicher höher als vor hundert Jahren, auch für den Hartz4er. Aber was soll uns das? Der Vergleich mit vergangenen Zeiten ist doch müßig! Nein, wir leben hier und jetzt, und wir leben in einer Gesellschaft, die, was ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit angeht, jedermann ein auskömmliches Leben gewährleisten könnte. Dass sie dies nicht tut, sondern im Gegenteil zur Konzentration von immer mehr Geld und ökonomischer Macht in immer weniger Händen führt, ist schlicht Fakt und liegt in der Natur der Sache (Kapitalismus). Das hat mit Gerechtigkeit und Neid überhaupt nichts zu tun. Wenn nan diese Zustände ändern will, dann sicher nicht durch mehr oder weniger (Selbst)Liebe, sondern durch Änderung der Verhältnisse!

natürlich

vertragen sich freiheit und gleichheit
da es das eine ohne das andere nicht geben kann
sie bedingen einander
wie freiheit und sicherheit
aber
keins von beiden kann jemals absolut sein
dafür fehlt unserer kultur noch der eine oder andere evolutionsschub
die sätze von vidal gelten auch auf dieser ebene
und der ewige neider ist eine karikatur
wie onkel dagobert

nicht das es solche menschen nicht gäbe
die literarische fantasie wurde noch immer, auch auf diesem gebiet, von der realität in den schatten gestellt

könnte man den gewinnsucht sowie den eifersuchtefekt auf den monetären bereich beschränken währe unserer geselschaft schon stark geholfen
sie sind antagonisten
der eine muss aus dem gemeinsamen weg zum bus einen wettlauf machen
der andere wird jeden hinter seinem rücken schmähen der ihm gegenüber jemals erwähnt wurde.

Ein paar Anmerkungen zum sogenannten NEID

Verdient ein Manager beispielsweise 5 Millionen und eine Putzfrau 6.80 brutto so wird oft dargestellt, dass es Neid ist, was diese Putzfrau beklagt. Weiteres Beispiel: Jemand ist irgendwie entstellt, so geboren mit Missbildungen oder entspricht einfach nur nicht dem aktuellen Schönheitsideal. Gleichzeitig sieht man sehr viele andere Beautiful People, die dieses Problem nicht haben. Ist es da nicht das natürlichste der Welt, Neid zu entwickeln, z.T. auch eine Wut oder depressiv zu werden angesichts des mitgegebenen "schweren" Paketes? Eigentlich kann man sich hier nur religiös trösten (jemand wird sich schon etwas gedacht haben, so wie ich geschaffen wurde) Das heißt ja noch lange nicht, dass man sich da sinnlos und destruktiv austoben muss. Wie heißt es so schön: Einer trage des anderen Last! Und das ist mit Sicherheit nicht so gemeint, dass der Zeitarbeitsunternehmer noch das wenige Geld seiner Putzkolonne in die eigene Tasche stecken sollte um diese noch mehr zu erleichtern. Mir fehlt oft das Bewusstsein vieler Leute über das eigene Privilegiert-sein. Die laufen im Paradies - und merken es nicht einmal. Ein Ruf nach Gerechtigkeit darf nicht als Neid dargestellt werden, wie es oft als Totschlagsargument gemacht wird.

freiheit und sicherheit

@der lentz
Freiheit und Sicherheit bedingen nicht einander.
Sie können sogar gegensätzlich sein.
Schließlich ist doch die Unfreiheit des einen, die Sicherheit des Anderen. Ich denke ihnen ist nicht entgangen wie sich die Gesetzeslage in den USA seit 9/11 geändert hat.

Und ob Freiheit und Gleichheit einandern bedingen, hängt wohl von der Sichtweise ab. Per se sind Menschen nun mal nicht gleich. Selbst wenn jeder das Gleiche besitzt, ist der eine damit glücklicher als der Andere und somit auch freier.

beispiele

sind schwierig
das gesetzliche verbot von gewalt
die sicherheit vor ihr
giebt mir die freiheit unbewaffnet durch die straßen zu schlendern
und es macht gleich
da es auch schwache, nicht gewaltbereite und kleine menschen können, denen selbst waffen nicht viel helfen würden da sie sie letztlich niemals einsetzen würden.
durch die entsprechenden gesetze fühle ich mich nicht eingeschränkt
allerdings habe ich gewalt auch nie als erwerbsform in erwägung gezogen

zu ihren beispielen:
1
letztlich ja
auch wenn derjenige ihnen vlt später dankbar ist handeln sie in diesem moment gegen seinen willen
klassisches dilema-es giebt kein richtig, man kann sich nur zwischen 2 mal falsch entscheiden
2
gegen die unfreiheit aufzuwiegen auf grund geldmangels auf nötige medizinische versorgung verzichten zu müssen