Irgendwann presst Brunhild Kurth die Hände auf die Tischplatte, sie drückt ihren Rücken fest durch und setzt einen Blick auf, der höchste Konzentration ausstrahlt. Sie spannt ihre Lippen an. Sie schweigt. Die Frage, die ihr sichtlich Unwohlsein bereitet, lautete: Führen Frauen anders? Sachsens Kultusministerin ringt um eine Antwort.

Nach langen Momenten der Stille sagt sie: Ja, Frauen führen anders. Was genau aber den Unterschied macht, das will Brunhild Kurth nicht sagen. Weil sie die Männer nicht abwerten wolle. Weil sie nicht als Männerhasserin dastehen will. Außerdem ist es ihr ein wenig unangenehm, über ihre Erfahrungen als arbeitende Frau in der DDR zu sprechen. Sie fürchtet Berichte, deren Subtext lautet: Brunhild Kurth lobt die DDR. Auch das ist ein Problem, wenn man mit ostdeutschen Politikerinnen über ihre Karrieren sprechen möchte.

Dabei würde man so vieles gerne erfahren: Ob es etwas zu bedeuten hat, dass sie, 58 Jahre alt, geboren in Burgstädt bei Chemnitz , jetzt Sachsens Kultusministerin ist. Dass sie, als Frau aus dem Osten, ein Ministerium führt, dem allein 27.000 Lehrer unterstehen. Tut sie dies anders, als westdeutsche Frauen, als Männer es tun würden?

Wer mächtige Ostfrauen trifft, das ist ein Eindruck des Gesprächs mit Brunhild Kurth, der trifft auf Frauen, die nur ungern sagen, wer sie sind. Warum sie mächtig geworden sind.

Brunhild Kurth vereint gleich zwei Alleinstellungsmerkmale für Führungskräfte: Sie ist eine Frau, und sie ist in der DDR sozialisiert. Wer Experten, Politiker, Bekannte fragt, ob ihnen mehr Karrieren wie diese einfallen, stößt zuerst auf Ratlosigkeit. Gesine Schwan ? RBB-Intendantin Dagmar Reim? Leipzigs Uni-Rektorin Beate Schücking ? Alles mächtige Frauen, stimmt, aber keine von ihnen ist in der DDR aufgewachsen. Kurth ist eine von wenigen.

Und doch schafften es ostdeutsche Frauen zwischen 50 und 65 in der Politik in letzter Zeit weit nach oben – sie, für die die Wende der Anfang einer Karriere war, die sie heraushob aus ihren Berufen als Lehrerinnen oder Wissenschaftlerinnen. Die Berühmteste ist Angela Merkel . Ihr folgten, beispielsweise: Johanna Wanka , 61, CDU , seit zwei Jahren niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur. Barbara Ludwig, 50, SPD , seit 2006 Oberbürgermeisterin von Chemnitz. Und eben Brunhild Kurth, 58, parteilos, seit März dieses Jahres sächsische Kultusministerin.

Eine Reise an ihre Arbeitsstätten, um Fragen zu stellen: Haben ostdeutsche Chefinnen etwas gemeinsam? Prägt es ihren Führungsstil, dass sie in einem Land aufgewachsen sind, in dem die Regierung für Krippenplätze sorgte und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz propagierte? In dem es keine feministische Bewegung gab, die für die materiellen Interessen der Frauen kämpfte; kämpfen musste? In Ostdeutschland gibt es, im Verhältnis zur Einwohnerzahl, mehr Frauen in relevanten Positionen als im Westen, sagt die Soziologin Hildegard Maria Nickel von der HU Berlin . Allerdings: Im Vergleich zu Westdeutschen hätten Ostdeutsche generell seltener Führungspositionen inne. »Die Tatsache, ostdeutsch zu sein, ist eine Blockade, für Männer wie für Frauen«, sagt Nickel.