Ausstellung "Art and Press"Machst du das extra, Daniel?

Mit einem Maler Kunst gucken: Daniel Richter und ich besuchen die vollkommen sinnlose Ausstellung "Art and Press".

Der Maler Daniel Richter vor seinem Werk "Strangers of Comfort"

Der Maler Daniel Richter vor seinem Werk "Strangers of Comfort"

Um genau zwei Uhr stand ich in der Eingangshalle des Gropius-Baus. Ich wollte schon wieder rausgehen, als von irgendwo Daniel auftauchte, mit zwei Karten in der Hand und einem noch herzlicheren Lächeln in seinem langen, unrasierten Gesicht als sonst.

»Ich hasse es, dass ich immer so pünktlich bin«, sagte ich.

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»Ich habe die halbe Nacht mit meiner alten Assistentin Wein getrunken«, antwortete er grinsend. »Mein Gott, war das anstrengend.«

»Trotzdem bist du auch schon da.«

»Klar. Man darf nicht zu spät kommen, es gehört sich nicht!«, rief er aus, und ich hörte das erste Mal, wie norddeutsch hart und gleichzeitig melodisch er manche Worte aussprach. »Gehen wir rein? Los, gehen wir!«

Daniel Richter – kein deutscher Maler malt so traurige Bilder wie er – ist ein sehr freundlicher, fröhlicher, hektischer Mann. Wir kennen uns, seit er einmal bei einer Lesung ein Gespräch mit mir führen sollte, aber am Ende mehr geredet hat als ich. Überhaupt spricht und denkt er sehr viel, und meistens höre ich ihm einfach nur zu, wenn er gut gelaunt die riesigen Steaks im nervigen Grill Royal lobt, wenn er lachend sagt, dass er am liebsten, statt zu malen, in seinem Atelier Platten auflegt oder Henryk Broder und Stéphane Hessel liest, und besonders glücklich kommt er mir vor, wenn er über die jungen, halb genialen Musiker redet, die bei der Plattenfirma, die ihm gehört, machen können, was sie wollen. Als Daniel, der frühere Hausbesetzer, aber irgendwann zu mir sagte, zwei Bilder von ihm hingen im Gropius-Bau in einer vollkommen sinnlosen Gruppen-Ausstellung, über die auch noch die Bild-Zeitung jeden Tag zwei Wochen lang als sogenannter »Medienpartner« geschrieben habe, sagte ich so laut und schnell, dass nicht einmal er mich unterbrechen konnte: »Skandal! Da müssen wir hin, bevor die Ausstellung zu Ende ist.« Worauf er lachend erwiderte: »Spuren sichern, oder Spuren beseitigen?«

Jetzt standen wir, nachdem wir schnell und unaufmerksam an Beuys und Richter, Prince und Schnabel vorbeigegangen waren, in einem riesigen Raum voller Jonathan-Meese-Bilder und Jonathan-Meese-Sätze, und mich würgte es ein bisschen. Daniel lachte und sagte: »Toll! Wenn ich Jonathans Sachen sehe, bekomme ich sofort gute Laune. Guck mal hier, das Video, da sitzt er auf dem Klo. Ich könnte mich kaputtlachen.« Ich betrachtete die riesigen schwarzen Ritterkreuze überall, ich las Slogans wie »Versachlicht die Führung« und »Keine Demokratenpresse!«, natürlich in Frakturschrift, und sagte: »Ach, komm, Daniel, du magst es doch nicht wirklich, dass dieser Pseudo-Irre mit diesem Gewalt- und Diktaturkram spielt.« Kleine Lachexplosion zwischen Daniels Augen und Mund. »Doch, doch, und wie! Klar mag ich das, das ist großartig! Das ist die totale Entwertung des ganzen totalitären Wahnsinns. Der Kerl hat den Midas-Touch, nur umgekehrt! Was immer er anfasst, wird wertlos.« – »Bist du wirklich sicher«, sagte ich, »dass Meese als Hitler so gut ist wie Chaplin oder Mel Brooks?« – »Ok, du hast recht«, sagte er, »ich selbst würde die Finger von solchen Nazi-Meta-Maskeraden lassen. Sie erinnern mich an die SM-Arbeiten meiner Wiener Studenten, die nie zugeben würden, dass sie selbst auf Peitschen stehen. Ach, ist doch egal« – er lachte wieder –, »egal, egal!«

Daniels eigene Bilder hingen ein paar Räume weiter in einem flohmarkthaften Durcheinander mit anderen Bildern, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Auf einer der beiden riesigen Leinwände stand ein trauriger, böser Taliban oder Indie-Gitarrist einsam in einer violettroten Mad Max-Landschaft herum; auf der anderen versuchten bis zur Unkenntlichkeit bunte, verstrahlte Menschen, über eine Mauer zu klettern, und man wusste, auch wenn sie es schaffen, werden sie nicht glücklich sein. Ich sah die beiden Bilder länger an als alle anderen Bilder in dieser von der Bild-Zeitung unterstützten Ausstellung – Titel, ausgerechnet, Art and Press –, und es zerriss mir das Herz. Dann sagte ich: »Gott, ist das deprimierend! Machst du das extra, Daniel?«

Er lachte so laut, dass die anderen Museumsbesucher sich umdrehten, und als sie merkten, dass er es war, der echte Daniel Richter, sahen sie ein zweites Mal hin. »Nein, natürlich nicht«, sagte er, »bloß nicht! Ich wundere mich selbst, dass die Leute mir immer sagen, wie traurig meine Sachen sie machen. Glaubst du mir? Nein, du glaubst mir nicht, du komischer Wahrheitsfanatiker!«

Vom Gropius-Bau fuhren wir mit dem Taxi ins Einstein Unter den Linden. Unterwegs tippte Daniel auf seinem primitiven Samsung-Telefon herum, während ich an den drei Jahre alten Artikel aus den Kieler Nachrichten dachte, den ich an diesem Morgen noch schnell gelesen hatte. Daniel hatte, eingeladen vom Kleinen Kulturkreis Lütjenburg, einem sehr lieben und einfachen Kleinstadt-Publikum zwei Stunden lang etwas über moderne Kunst erzählt, und auf den Fotos sah man, dass er auch hier, in Lütjenburg-Hohwacht, an dem Ort, aus dem er mit 16 nach Hamburg geflohen war, seinen trotzigen Optimismus nicht verlor. Doch bevor ich Daniel fragen konnte, wie er das machte – Lütjenburg aushalten, Meese aushalten, das Grill Royal aushalten, die Bild-Zeitung aushalten –, hielt das Taxi vor dem Café Einstein, und wir gingen rein.

Drinnen war es, wie immer an einem Samstag, heiß, touristisch und laut, aber das merkten wir gar nicht. Wir redeten und redeten – und diesmal beide. Zuerst ging es um Neo Rauchs soldatische Körperhaltung, um seinen bemitleidenswerten DDR-Verteidigungsreflex, es ging um seine Liebe zu Ernst Jünger, die Daniel dem Freund verzieh. Es ging um Daniels Zeit als kleiner Assistent von Albert Oehlen in den neunziger Jahren und um eine wahnsinnig teure Glasskulptur, die er damals bei einer Benedikt-Taschen-Party kaputt gemacht hatte, worauf der große Verleger und Sammler erschüttert von der eigenen Party floh. Und es ging darum, dass Daniel der Welt und den Menschen alles verzieh, solange die Leute nicht Päderasten oder echte Nazis waren. »Wie schaffst du das«, sagte ich irgendwann, »weil du so ein fröhlicher Mensch bist?« – »Im Gegenteil«, sagte er lachend, »damit ich es bleiben kann!« – »Aber warum sind deine Bilder dann immer so düster?« –»Der Mensch in mir«, sagte er, ausnahmsweise leicht zögernd, »kann den Wahnsinn der Welt ignorieren. Der Typ im Atelier nicht.« Dann lachte er wieder wahnsinnig laut, und obwohl es noch so früh am Nachmittag war, bestellten wir beide Wein.

 
Leserkommentare
  1. Die bedeutungslosen Aussagen werden durch die bedeutungsleeren Arbeiten des beamteten Malers Daniel Richter auch nicht bedeutungsvoller.

    • Ostend
    • 30.06.2012 um 14:06 Uhr

    Ich nehme leider gar nichts mit aus diesem Artikel, was wohl mehr an Biller liegt als an Richter, der ja nichts dafür kann, dass er nichts Interessantes sagt - er malt ja auch hauptberuflich.

    Biller hingegen - seine Versuche, Journalismus zu betreiben gehen regelmäßig schief. Er funktioniert mehr als so eine Art verkappter New Yorker Intellektuellen-Karikatur nach dem Vorbild Woody Allens in einem Woody Allen-Film, nur in Berlin statt New York, nur dass er Bücher in Kleinauflage und manchmal ganz witzige Kolumnen schreibt statt große Filme zu machen. Thema Maxim Billers ist stets Maxim Biller. Auch wenn er vielleicht glaubt, dass der Leser anhand solcher Selbstreferentialität etwas Wichtiges, quasi durch Biller gefiltert als der Biller in uns allen, erkennen kann - ich kann das nicht bestätigen.

    Wie man mit solch einem Artikel zufrieden sein kann und ihn bei der Zeitung einreicht, die ihn dann auch noch druckt, ist mir schleierhaft.

    Ich fasse zusammen: Die Bild-Zeitung ist schlecht, Meese ist vielleicht ein Nazi, Grill Royal ist doof, Richters Bilder sind "traurig". Selbst wenn man das mit einer gewissen Distanz und Knowingness liest, schwindet die Enttäuschung nicht.

    Eine Leserempfehlung
  2. 3. [...]

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    • Mari o
    • 04.07.2012 um 8:52 Uhr
    6. [...]

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  4. Daniel Richter ist mit Jonathan Meese einer meiner beiden Lieblingskünstler, die Bekanntheit genießen. Unbekannte kenne ich mehr. Alles andere ist Schrott.

    • stall
    • 04.07.2012 um 16:17 Uhr
    8. tja...

    keine ahnung was so ein richter-bild kostet. herr richter ist ja symphatisch aber weder talentiert noch besonders smart.

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