"Folgen Sie mir!" Peter Martin tritt von der Straße ins Dickicht, drückt die Brille an die Nase und rutscht das Ufer hinab ins sprudelnde Wasser. Wir waten durch den Bachlauf, biegen in ein Seitengewässer, erklimmen das rutschige Ufer. "Bleiben Sie hinter mir!", ruft Peter Martin. "Brechen Sie bloß nicht in den Boden ein! Er hat das Ufer unterhöhlt."

Wir sind auf Safari, wenige Kilometer vor München, dem größten Nager Europas auf der Spur. Dem Biber , lateinisch Castor fiber , einem scheuen Koloss. In Augsburg sollte die Feuerwehr ein totes Kalb aus dem Wasser ziehen, es war ein Biber. In Markt Indersdorf hielt ein Mann auf dunkler Straße einen Biber für einen jungen Bären; beide erschraken.

Mit weiteren Begegnungen ist zu rechnen. Der Biber in Bayern ist die größte Erfolgsgeschichte der Wiederansiedlung eines wilden Tieres in Deutschland: 1966, ein Jahrhundert nachdem Jäger die letzten frei lebenden Biber erlegt hatten, setzte der Bund Naturschutz wieder welche aus. Heute gibt es um die 14.000 streng geschützte Tiere, die Hälfte des deutschen Bestandes.

Einer von ihnen staute hier vor zwei Jahren das kleine Bächlein, zum Ärger eines Fischwirts, der wegen seiner Teiche Zeter und Mordio schrie. Also kam Peter Martin, Biberbeauftragter des Landratsamtes München. Und nun tappen wir durchs Unterholz, um den Kompromiss zwischen Mensch und Tier zu sehen. Peter Martin erzählt von unwichtigen Biberdämmen, die der Teichwirt entfernen dürfe, von wichtigen, die bleiben müssten, von eigens eingesetzten Rohren, die den Wasserstand des Baches regulierten.

Und dann verstummt er. Da liegt ein Haufen auseinandergerissener Zweige und Äste – ehemals der wichtigste Biberdamm. Ein Akt des Widerstands gegen Castor fiber !

Nein, nicht jeder Mensch begrüßt das Vorrücken des Bibers. Im gepflegten Naherholungsgebiet Karlsfelder See nahe dem Münchner Stadtrand bemerken Spaziergänger an einem Teich auf einmal angenagte Bäume, umgenagte Bäume. Am Ufer türmen sich Äste und Zweige zu einer mächtigen Biberburg. In Dachau am Schleißheimer Kanal, direkt an einer viel befahrenen Hauptstraße, nagen sie an Pappeln und den Obstbäumen des Kleingartenvereins. Auch in Kempten sind sie aktiv.

"Dass Biber Bäume fällen, ist für viele Menschen erst mal gewöhnungsbedürftig", sagt Gerhard Schwab, Wildbiologe und Jäger. Als hauptberuflicher Bibermanager berät er die ehrenamtlichen Biberbeauftragten in den Landkreisen. In heiklen Fällen wird er selbst tätig. So als vor Jahren ein Nager mitten im Münchner Englischen Garten eine gestiftete Gönnerweide umlegte. Und dann legte er noch eine um. Und noch eine. Denn die Parkgärtner transportierten die Bäume immer so hastig ab, dass der Biber nicht zum Fressen kam: Winters ist Weidenrinde Bibers Leibspeis. Schwab riet, die Stämme liegen zu lassen. Die Verluste hörten auf.

Die akkurat gepflegte Weide am Japanischen Teehaus rettete er mit einem Quarzanstrich. Das Knirschen mögen sie nicht, so wenig wie Draht oder Elektrozäune. "Manchmal hilft all das nicht", sagt Schwab. "Wenn ein Biber Kläranlagen und Wasserspeicher gefährdet oder große Schäden anrichtet, dann muss er weg." Um die 700 Tiere werden in Bayern pro Jahr mit Erlaubnis getötet.

"In den letzten Jahren nimmt der Ärger zu", berichtet Alexander Wolfseder von der Unteren Naturschutzbehörde im Landkreis Dachau. In der Landgemeinde Vierkirchen tobte ein heftiger Kampf. Ein Biberpaar hatte sein Revier am Naturbad bezogen. Es fraß Bäume an und grub sich gefährlich auf die Teichfolie zu. Die Gemeinde ließ sie erlegen. Wenig später tauchten neue Biber auf, legten an einem Bach in der Nähe Bäume um und stopften sie in Durchlaufrohre, um das Wasser zu stauen. "Kaum holen wir die Stämme aus den Rohren raus", sagte der Bürgermeister fast respektvoll, "sind sie am nächsten Tag wieder drin." Respekt hin oder her, auch diese Tiere waren schließlich dran.

Aber auf dem Land fragt nicht jeder nach einer Genehmigung. Obwohl hohe Geldbußen, gar Gefängnis drohen, werden Burgen und Dämme abgefackelt oder mit dem Bagger planiert.