Der Islamismus ist das Gespenst der arabischen Revolution – der Albtraum, der dem Westen die Freude am historischen Aufbruch dieser Weltgegend verdirbt. Ägypten hat einen Muslimbruder zum Präsidenten gewählt; ist das der erste Schritt zu einem Gottesstaat, nach innen intolerant, nach außen aggressiv gegen Israel und die Vereinigten Staaten? Baschar al-Assad ist ein Tyrann und Mörder, aber mischen sich unter die Aufständischen in Syrien nicht längst auch fanatische Religionskrieger, die alles noch schlimmer machen würden? Viele fürchten, dass der Weg der Araber nicht von der Knechtschaft zur Freiheit führt, sondern von einem alten, erstarrten, glaubenslosen Unterdrückungssystem zu einem neuen, ideologisch vitalen – und für uns gefährlichen.

In Ägypten, dem wichtigsten der Revolutionsländer, kann aber von einer Machtergreifung der Fundamentalisten bislang keine Rede sein. Hier droht viel eher eine dauerhafte Militärdiktatur als eine Theokratie, der Staatschef Mohammed Mursi muss sich selbst maßvolle Kompetenzen erst erkämpfen. Trotzdem ist es der radikale Islam, der im Westen Ängste weckt und die Fantasie beschäftigt. Generale wirken offenbar weniger unheimlich als eifernde Prediger und ihre Gefolgschaft. Das hat auch mit uns selbst und unserer Geschichte zu tun. Europa hat verheerende Religionskriege und den Herrschaftsanspruch der Kirche erlebt, jahrhundertelang. Jetzt ist es ein weltanschaulich abgerüsteter Kontinent: misstrauisch, ja allergisch gegen den Glauben als politische Kraft.

Viele arabische Christen trauen der Toleranzrhetorik nicht

Die Sorge über den Islamismus ist dabei nicht grundlos. Die ägyptischen Muslimbrüder und verwandte politische Bewegungen versichern zwar, dass sie gute Demokraten seien und die Gleichberechtigung von Frauen und religiösen Minderheiten respektieren und schützen würden. Doch der Ton dieser Bekenntnisse klingt oft verdächtig gönnerhaft oder gewunden. Viele arabische Christen trauen der Toleranzrhetorik nicht und wandern aus. Wohl haben die Islamisten in den Gefängnissen und Folterkellern der Diktaturen für ihre Überzeugungen gelitten. Aber weder standen sie im vergangenen Jahr an der Spitze der Straßenproteste gegen die Regime, noch sind sie verlässliche Freunde der Freiheit.

Dennoch: Es gibt keinen Weg zur Demokratie in den arabischen Ländern, der am politischen Islam vorbeiführt. Demokratie heißt nun einmal Volksherrschaft, und wenn das Volk mehrheitlich oder zu großen Teilen kulturell und religiös konservativ ist, dann muss das in seinen Wahlentscheidungen und in der Politik seiner Repräsentanten zur Geltung kommen. Es ist falsch und gefährlich, diese Tendenzen zu ignorieren oder zu unterdrücken. Als den algerischen Islamisten 1991 von einem putschenden Militär ihr Wahlsieg gestohlen worden war, folgte ein langer, barbarisch blutiger Bürgerkrieg. Die religionsfeindliche Elite, die über Jahrzehnte die Türkei beherrscht hat, hat das mit den Methoden eines brutalen Polizeistaats getan. Der bekennende Muslim Erdoğan dagegen, der das Land heute regiert, ist zwar alles andere als ein lupenreiner, aber immerhin ein deutlich besserer Demokrat.

Man darf die Lern- und Anpassungsfähigkeit der islamistisch geprägten Politiker nicht unterschätzen. Auch sie leben nicht mehr im Jahr 1979, als in Teheran der prowestliche Schah gestürzt wurde und der Ajatollah Chomeini seine Gottes- und Schreckensherrschaft errichtete. Nirgendwo in der arabischen Welt gilt heute das Mullah-Regime noch als Vorbild und Erfolgsgeschichte, auch bei den Muslimbrüdern und ihren Gesinnungsfreunden nicht. Es ist kein Zufall, dass der Ägypter Mursi sofort dementieren ließ, als eine Teheraner Nachrichtenagentur ihn mit angeblichen iranfreundlichen Bemerkungen zitiert hatte. Von dieser »Islamischen Republik« hält man nicht nur aus realpolitischen Gründen besser Abstand. Sie ist auch geistig und historisch als Modell erledigt.