Als der größte Bankenskandal der Zweiten Republik platzte, wurden noch große Sprüche geklopft. Kaum war die bankrotte Kärntner Hypo-Alpe-Adria-Bank notverstaatlicht worden , versicherte der damalige Architekt der Übernahme, ÖVP-Finanzminister Josef Pröll, man werde jeden Beleg zweimal umdrehen und die Verantwortlichen rücksichtslos zur Rechenschaft ziehen. Heute, zweieinhalb Jahre später klingt dieses Versprechen hohl. Von der staatlichen Untersuchungskommission namens CSI Hypo, die aus einer Heerschar von Anwälten bestand, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Chefermittler Wolfgang Peschorn, hauptberuflich Leiter der Finanzprokuratur, wurde kürzlich durch den ehemaligen Bawag-Ankläger Georg Krakow ersetzt. Der fungiert nun in einer Funktion, die schwammig »externer Koordinator« heißt.

Für Hannes Androsch – der Industrielle und ehemalige SPÖ-Finanzminister ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Fimbag, welche die Bankenbeteiligungen des Bundes kontrolliert – stinkt diese Bestellung »gewaltig zum Himmel«. Er vermutet, Peschorn und seine Aufräumtruppe seien nur deshalb zurückgepfiffen worden, »weil man an manchen Aufklärungen gar nicht interessiert ist, vor allem was gewisse Geldflüsse nach Liechtenstein betrifft«. Ein ähnliches Muster habe sich schon im Bawag-Prozess gezeigt, wo ebenfalls »ganz offenkundig nie die Frage gestellt wurde, wozu eine österreichische Bank eine so große Anzahl an Stiftungen in einem Steuerparadies benötigt«.

Es sei auffällig, dass zum Beispiel Tilo Berlin »hierzulande nicht wirklich in die Mangel genommen wird«. Der deutsche Finanzjongleur hatte in einen Kärntner Adels-Clan eingeheiratet, war zeitweise Anteilseigner und Chef der Hypo und hatte im Winter 2006/07 in einem spektakulären Coup seine Anteile an die Bayerische Landesbank verkauft. Dieser umstrittene Deal bescherte dem kurzfristigen Großaktionär und seinem Kreis illustrer Geschäftspartner einen satten Gewinn von 150 Millionen Euro.

Ob nun der neue »juristische Rächer der Hypo Alpe Adria« entschlossener gegen Tilo Berlin und seinen Millionenklüngel vorgehen wird, scheint mehr als fraglich. Denn der 46-jährige Jurist, der nach dem Bawag-Pozess im Sog der zur Justizministerin beförderten Bawag-Richterin Claudia Bandion-Ortner als deren Kabinettchef im Justizressort Karriere machte, gibt sich über seine neue Aufgabe verschlossen wie eine Auster.

Offiziell soll Krakow, dem man gerne »machtbewusstes Auftreten im Auftrag der ÖVP« nachsagt, der Bank dabei behilflich sein, gerichtlich gegen all jene vorzugehen, die das Milliardendebakel in der Hausbank der Balkanmafia verursacht haben. In der Fußballersprache wäre das eindeutig die Position der Sturmspitze. Tatsächlich aber, so wird befürchtet, soll der karenzierte Staatsanwalt, der im Oktober 2011 die Seiten wechselte und als Senior Counsel für die Anwaltskanzlei Baker & McKenzie tätig ist, gar nicht angreifen, sondern vielmehr verteidigen. Vor allem soll er die Begehrlichkeiten der Bayerischen Landesbank abschmettern, die durch die Übernahme der Wörthersee-Bank rund 3,7 Milliarden Euro versenkt hatte. Nun versuchen die Münchner Banker sich für ihre Verluste schadlos zu halten und überschwemmen die ursprünglichen Eigentümer der Hypo (das Land Kärnten, die Grazer Wechselseitige Versicherung und die Hypo-Mitarbeiterstiftung) mit einer Klagenflut, bei der sie Schadenswiedergutmachung fordern.

Der ständige Spielerwechsel bei der Aufklärung des Finanzskandals erscheint Androsch als »reine Vernebelungstaktik«. Inzwischen rätseln viele der an den Aufräumarbeiten Beteiligten, was alles durch den Platzverweis der CSI Hypo vertuscht werden soll. »Wenn Krakow seine Rolle als neuer Koordinator nur halbwegs ernst nimmt, muss er diese Fragen ausräumen«, meint ein ehemaliger CSI-Fahnder. Ob er das jedoch je wird tun dürfen, wird angezweifelt. »Damit öffnet man die Büchse der Pandora«, meint der frühere CSI-Mann. Bisher hatte die Ermittlungstruppe über einhundert Straf- und Zivilklagen mit einer Gesamtschadenssumme von 700 Millionen Euro bei den zuständigen Gerichten eingebracht. Die Beschuldigtenliste umfasst derzeit 90 Positionen.

»Man kann eine Bank auch zu Tode ermitteln«, warnte schon vor Monaten der nunmehrige Hypo-Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Ditz, ein früherer ÖVP-Minister, als der unbelehrbare Chefermittler Peschorn eine schärfere Gangart einschlagen wollte. Dass dieser seinem Nachfolger jetzt nur mehr über die Schulter schauen darf, stört indes den Pragmatiker kaum. Immerhin habe er »in einer schicklichen Zeit« 70 Prozent seiner Vorstellungen umsetzen können. Bei den restlichen 30 Prozent sei man nur »am System Liechtenstein und seinem Bankgeheimnis« gescheitert. Das »Clusterthema Liechtenstein«, wie der Fragenkomplex rund um das Hypo-Tochterinstitut in der diskreten Steueroase von Schaan intern heißt, sei »nicht einmal annähernd« aufgeklärt. Bisher konnten die Aufklärer noch keinen erhellenden Einblick in die liechtensteinische Alpe Adria Privatbank AG (AAP) nehmen. Daher wisse auch niemand, »welche Grauslichkeiten dort noch verborgen sind«.

Das wissen derzeit nur einige Vertraute rund um Prinz Michael von und zu Liechtenstein, einen Neffen des regierenden Fürsten Hans-Adam. Noch kurz vor dem Verkauf der Wörtherseebank an die Bayern hatte nämlich der damalige Hypo-Chef Tilo Berlin 51 Prozent der AAP an eine liechtensteinische Holding des Prinzen verkauft. Damit wurde allen Schnüfflern jegliche Einsicht in die Bücher der Bank verwehrt. Nach einem internen Aktenvermerk des damaligen Hypo-Chefs Berlin sollte dadurch »das mögliche Risiko-Exposure, auch das politische, kapitalschonend reduziert werden«.

Heute klingen die seinerzeit flüchtig hingeworfenen Zeilen fast wie ein Geständnis. Denn spätestens seit den Affären rund um den kroatischen Exgeneral und Hypo-Großkunden Vladimir Zagorec und den kroatischen Expremier Ivo Sanader, in denen es um den Verdacht der Korruption, des illegalen Waffenhandels und der Geldwäsche geht, entpuppt sich die Hypo Liechtenstein immer häufiger als Spielwiese korrupter Politiker: »Angefangen von der CSU-Mafia in München über Wien bis nach Zagreb«, wie im Kreis der Ermittler behauptet wird.