Ausstellung "A House Full Of Music"Das kann nur Kunst

Wer die YouTube-Kultur verstehen will, kommt um diese Ausstellung in Darmstadt nicht herum. Sie zeigt, wie aus Bildern Töne wurden – und umgekehrt. von Jörg Scheller

Ausschnitt einer Installation: "Silent Party" von Su-Mei Tse und die Videoprojektion "Crossroads" von Bruce Conner

Ausschnitt einer Installation: "Silent Party" von Su-Mei Tse und die Videoprojektion "Crossroads" von Bruce Conner  |  © Wolfgang Günzel/Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Im Jahr 1977 stellte David Bowie seinen Hörern eine berühmt gewordene Suggestivfrage: »Don’t you wonder sometimes / ’Bout sound and vision?« Allerorten verstärkte sich damals der Austausch zwischen Klängen und Bildern. Musikfilme, schillernde Plattencover, multimediale Großausstellungen, theatralisch inszenierte Popkonzerte und schließlich die Gründung von MTV Anfang der 1980er Jahre schufen jene Kultur, die wir heute ein wenig hilflos mit Begriffen wie »Mediengesellschaft« umschreiben. Seitdem tritt kaum noch ein Klang ohne den Begleitschutz eines Bildes auf.

Was mitunter vorschnell den frivolen Entgrenzungen der Pop- und Konsumkultur zugeschrieben wird, hat allerdings noch ganz andere, avantgardistischere Quellen. Auf der Darmstädter Mathildenhöhe, wo Großherzog Ernst Ludwig von Hessen 1899 eine Künstlerkolonie im Geiste des Jugendstils ins Leben rief, werden diese nun in einer beeindruckenden Ausstellung angezapft. Gleich im ersten Raum stößt man dort auf ein Werk, das bislang als eher unmusikalisch galt: Marcel Duchamps berühmtes Großes Glas (1915). Dieses längst zu Tode diskutierte Fanal der Avantgarde erscheint hier in ungewohnter Form, als Teil eines Bühnenbilds, das Jasper Johns für Merce Cunninghams Tanzstück Walkaround Time (1968) entwarf. Die Einzelelemente von Duchamps Assemblage sind auf transparente Plastikquader montiert, sie lösen sich gleichsam auf und werden neu kombinierbar, wie in einer visuellen Jamsession. Ein vermeintlich solitäres Einzelwerk geht auf Partnersuche – und antizipiert so den Geist des Crossover und die Populärkultur der 1990er Jahre.

Anzeige

Der Kurator Ralf Beil und sein Team interessieren sich also nicht für esoterische Diskurse über Synästhesie. Sie beleuchten stattdessen auf angenehm pragmatische Weise die Struktur- und Verfahrensanalogien zwischen Kunst und Musik und wollen mehr darüber wissen, wie sich Künstler und Musiker im 20. Jahrhundert gegenseitig beeinflussten. Wenn das trotzdem ein wenig nach dem utopischen »Hang zum Gesamtkunstwerk« (Harald Szeemann) klingt, ist das durchaus beabsichtigt und erscheint gerade hier, in Darmstadt, nicht ohne Hintersinn. Schließlich zeichnete sich die Künstlerkolonie wie die gesamte Jugendstilbewegung durch integrative Gestaltungsideale aus, die bildende Kunst und Dekoration, Kunstautonomie und Handwerk, Progression und Tradition in einen Dialog brachten.

Bilder der Ausstellung
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Galerie Andrea Caratsch, Zürich

Überraschenderweise erweist sich dieses ältere integrative Prinzip gerade mit Blick auf die zeitgenössische Kunstszene als sehr aktuell. Immer häufiger reüssieren Künstler wie etwa Julius von Bismarck, die sich nicht länger hinter ihrem Autonomiepostulat verbunkern, sondern als hybride Publizisten, Designer, Forscher und Aktivisten auftreten, mal mit Videos, mal mit Musik, mal mit Theorie im Gepäck. Die ganze Ausstellung handelt von der Geschichte genau solcher Grenzgänger. Als Wegbereiter der heute fast schon klischeehaften Hybridisierung aller Medien und Gattungen hebt sie neben Duchamp vor allem John Cage und Erik Satie hervor, zwei der großen Kunstbegriffs-Revolutionäre des 20. Jahrhunderts.

Der Autor

Jörg Scheller lehrt Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule der Künste. Gerade von ihm erschienen: »Arnold Schwarzenegger oder Die Kunst, ein Leben zu stemmen« (Franz Steiner Verlag) Die Ausstellung »A House Full of Music – Strategien in Musik und Kunst« läuft bis zum 9. September. Weitere Informationen unter www.mathildenhoehe.info

Zahlreiche Werke der in ewiger Aktualität ergrauten Avantgardisten sollen die zwölf Abteilungen der Ausstellung mit grob 350 Werken von 110 Künstlern zusammenbinden. Das Spektrum reicht von Saties betont belangloser Musique d’Ameublement (1917-23) über Cages stille Anti-Komposition 4’33 (1952) bis hin zu Musikvideos von Jimi Hendrix und den Einstürzenden Neubauten. Anstatt eine lineare Entwicklungsgeschichte zu erzählen, ordnet Beil die Exponate unter Begriffe wie »wiederholen«, »zerstören« oder »collagieren«.

So läuft das Video zu Faithless’ Dancefloor-Hit God is a DJ (1998) in der Sektion »glauben«, die Druiden aus Morton Feldmans Oper Neither (1976) hasten unter dem Motto »schweigen« hin und her, und Dieter Roths Radio-Sonate (1978) wiederholt ihr Mantra im Bereich »speichern«: »Und weg mit den Minuten hier!« All das ist nur über den Audio-Guide zu hören. Und so ergibt sich die amüsante Situation, dass gerade in einer Ausstellung über Musik eine andächtige Stille herrscht, nimmt man nur den Kopfhörer ab.

Dass die thematische Zuordnung der Werke mal schlüssiger, mal weniger schlüssig ist, stellt kein Manko dar, sondern ist vielmehr der Natur der Sache geschuldet. Indirekt unterstreicht die mitunter willkürlich anmutende Platzierung, dass die avancierten Künste des 20. und 21. Jahrhunderts im positiven Sinne ortlos und fluide sind. Was konservative Kulturkritiker wie Hans Sedlmayr auf populistische Weise als »Verlust der Mitte« gegeißelt haben, wird in der Ausstellung überzeugend als Motor der Verständigung gedeutet. Nur dort, wo Kunst keine unzweideutigen Botschaften übermitteln muss, sondern als offenes Kommunikations- und Forschungsmedium verstanden wird, da hebt, mit Joseph von Eichendorff gesprochen, »die Welt an zu singen«. Dann verwandeln sich selbst die Verlaufsformen der Berliner Mauer in Musik, wie in Terry Fox’ Partitur The Berlin Wall Scored for Sound (1982). Und auch der Pop schleift die Mauern und macht rüber zu den Progressiven, wie die Beatles mit ihrem Studioalbum Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band (1967) bewiesen haben, dessen Klangeffekte teilweise von Karlheinz Stockhausen inspiriert waren. Natürlich darf es, mitsamt Cover, in Darmstadt nicht fehlen.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Ausstellung | Musik | Kunst
    • Blue Note Records: Erhabene Coolness

      Erhabene Coolness

      Kein Jazz ohne Blue Note Records. Miles Davis, Sidney Bechet und Art Blakey waren hier unter Vertrag. Ein neuer Band zeigt Bilder aus den goldenen Jahren des Genres.

      • Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins

        Diese Band hat alles verändert

        Wer mit den Smashing Pumpkins heranwuchs, kann enttäuscht von ihrem neuen Album sein. Oder sich einfach an wunderbare Zeiten erinnern. Eine Liebeserklärung

        • Die Airmachine von Ondřej Adámek

          Die Luft im Klang

          Töne aus Gummihandschuhen und Gartenschläuchen: Gelassen erobert der junge tschechische Komponist Ondřej Adámek den Elfenbeinturm der neuen Musik.

          • Aykut Anhut alias Haftbefehl

            Fettes, verstörendes Talent

            Die Hip-Hop-Gemeinde hat das neue Album von Haftbefehl erwartet wie eine Epiphanie. Dabei geht es um Literatur! Der Offenbacher ist der deutsche Dichter der Stunde.

            Service