Hat Berlin keine anderen Probleme? Wer kam auf die Idee, die Gaslaternen abzuschaffen (ZEIT Nr. 23/12)? In den kommenden Jahren werden etwa 8.000 sogenannte Gasreihenleuchten abgeschafft und durch neue Elektrolaternen ersetzt. Noch in der laufenden Legislaturperiode der schwarz-roten Koalition soll dann auch die bereits beschlossene »Umrüstung« der restlichen gut 30.000 Gaslaternen in Auftrag gegeben werden. Weil das elektrische Licht viel Energie einspart – und viel billiger als das Gaslicht ist. Nur fünf Prozent des Gaslaternenbestands sollen nach der Dutzende Millionen Euro teuren Umbaumaßnahme erhalten bleiben. Doch wer hatte die Idee, das mit Schönheit ja nicht gerade geschlagene Berlin auch noch seines warmen, denkmalwürdigen Lichts zu berauben? Wer ist schuld?

Anruf bei Agnete von Specht, Geschäftsführerin von Denk mal an Berlin, einem Verein, der sich für den Erhalt der Gaslaternen einsetzt: Die geplante Abschaffung der Gaslaternen hätte wohl auch mit der Privatisierung der öffentlichen Beleuchtung zu Beginn des Jahrtausends zu tun. Den neuen Managern der Straßenlaternen ist der Betrieb der Gasleuchten wohl zu teuer. Genauer könne einem das aber Bertold Kujath erklären.

Anruf bei Diplomingenieur Bertold Kujath: Erste Versuche, das Gaslicht abzuschaffen, habe es schon im West-Berlin der achtziger Jahre gegeben. Damals gründete sich auch die Bürgerbewegung für den Erhalt des historischen Lichts, der Verein Gaslicht-Kultur, dessen Vorsitzender Kujath ist. Die damaligen Angriffe auf das Gaslicht scheiterten. Seit Anfang der nuller Jahre habe sich dann aber vor allem die Grüne Dorothee Dubrau, die bis 2006 amtierende Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung in Berlin-Mitte und die Zuständige für die öffentliche Beleuchtung der ganzen Stadt war, an die Umsetzung der Gaslichtabschaffung gemacht. Die internationale Beratungsfirma KPMG errechnete 2006 die Unwirtschaftlichkeit der Berliner Gaslaternen. Kujath zweifelt die Zahlen der Gaslichtabschaffer an, nach seinen Berechnungen würde sich die Umrüstung der Gasreihenleuchten erst nach 17, 18 Jahren amortisieren. Zuständig für den Abriss, sagt Herr Kujath noch, sei nun Christian Gaebler von der SPD, seines Zeichens Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Umwelt und Stadtentwicklung.

Beim Warten auf den Telefontermin mit dem Staatssekretär ergibt die Recherche: Dubraus unnachgiebigster Gegner in dieser Sache war nicht etwa ein konservativer CDU-Mann aus Westberlin (wo der Großteil der Gaslaternen steht), sondern die Linke Jutta Matuschek. Doch andere witterten Morgenluft. 2008 sagte Ulrich Misgeld von der Berliner Lampenfirma Semperlux dem Tagesspiegel, dass die Beleuchtung der Stadt ein Markt mit enormen Wachstumsmöglichkeiten auch für seine Firma werden könnte.

Telefonat mit dem Staatssekretär Gaebler: Auf die Frage, wer sich die Abschaffung der Gaslaternen in Berlin ausgedacht habe, weiß auch Gaebler keine konkrete Antwort. Er selbst sei es nicht gewesen, sagt er, verteidigt die sogenannte Umrüstung aber als kostengünstig und nachhaltig. Später meldet sich noch seine Pressesprecherin: Man habe da etwas falsch verstanden, das Parlament habe die »Umrüstung« beschlossen, alles andere sei völlig irrelevant. Auf die Suche nach dem Ideengeber der Abschaffung sollen wir verzichten.

Immerhin ist der Name der Lampe, die die jetzt abgesägten Gasreihenlichter ersetzen soll, bekannt. Er lautet Jessica. Und hergestellt wird Jessica übrigens von der oben genannten Firma Semperlux, die sich inzwischen Selux nennt.