BildungIst die Schule gerecht?

Schwachen Schülern ist am besten geholfen, wenn wir akzeptieren, dass nicht alle gleich sind. von 

Es mag paradox klingen, aber wenn wir die Zahl der Bildungsverlierer verkleinern wollen, dann müssen wir uns von der Illusion der Bildungsgerechtigkeit verabschieden, wie sie in Deutschland weit verbreitet ist. Jener Illusion, der viele Gesamtschulbefürworter in den sechziger und siebziger Jahren nachhingen und die bis heute in jedem Streit über unser Bildungssystem mitschwingt: dass die Schule in der Lage ist, herkunftsbedingte Bildungsunterschiede auszugleichen, dass man mit Bildung letztlich die gesellschaftliche Ungleichheit beseitigen oder zumindest spürbar abschwächen kann.

Weshalb erschwert diese Illusion die Hilfe für die Kinder aus sozial schwachen Familien?

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Die kurze Antwort lautet: Weil sie eben eine Illusion ist. Wenn man jemanden in lähmende Verzweiflung treiben will – in diesem Fall vor allem die Lehrer und die Bildungspolitiker –, dann muss man ihm nur pausenlos Ziele vorgeben, die er nicht erreichen kann.

Für die lange Antwort hilft ein Blick in den neuen Bildungsbericht, der vergangene Woche vorgestellt wurde. Dort kann man nachlesen, welche Nebenwirkungen es hat, wenn Schwachen sinnvoll geholfen wird. In diesem Fall durch das zusätzliche Angebot von Krippenplätzen. Die Bildungsforscher betonen in ihrem Bericht, dass vor allem jene Kinder, die in ihren Familien wenig gefördert werden, deutlich besser lesen können, wenn sie mehrere Jahre in Krippe und Kindergarten verbracht haben. So weit, so gut.

Im selben Bericht aber liest man, dass vor allem bildungsorientierte Familien die Betreuungsangebote für unter Dreijährige in Anspruch nehmen. »Eltern«, so formulieren es die Forscher, »sind nicht nur selbst wichtige entwicklungsfördernde Impulsgeber für ihre Kinder, sondern sie fungieren auch als entscheidende Wegbereiter für außerhäusliche Bildungsangebote.«

Der nationale Bildungsbericht

Alle zwei Jahre nehmen unabhängige Experten im Auftrag von Bund und Ländern eine Art Generalinventur des Bildungssystems vor. Die Erziehungswissenschaftler, Soziologen und Statistiker recherchieren und interpretieren das neueste Zahlenmaterial, berichten von Fortschritten und Problemen. Konkrete Empfehlungen für die Bildungspolitik wollen sie dabei nach eigenen Worten bewusst nicht abgeben. Doch schon die Auflistung brisanter Zahlen setzt die politisch Verantwortlichen regelmäßig unter Zugzwang. Wichtige Erkenntnisse waren diesmal unter anderem:

20 Prozent der unter Dreijährigen wurden 2011 in Kitas betreut, das sind zehn Prozentpunkte mehr als 2007. Um den von 2013 an geltenden Rechtsanspruch auf Betreuung umzusetzen, müsste die Quote innerhalb von zwei Jahren um weitere 17 Prozentpunkte in die Höhe schnellen.

Der Anteil der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf erhöhte sich in den vergangenen zehn Jahren von 5,3 auf 6,4 Prozent. Ob der Bedarf tatsächlich gewachsen ist oder nur häufiger diagnostiziert wurde, ist unklar.

Schulabschlüsse

Mehr Schüler erreichen immer höhere Schulabschlüsse. Zwischen 2006 und 2010 kletterte der Anteil der Abiturienten von 29,6 auf 33,9 Prozent; die Quote der Hauptschüler fiel von 26,5 auf 25,2 Prozent. Besonders erfreulich: Nur 6,5 Prozent verlassen die Schule ohne jeden Abschluss, gegenüber 8 Prozent vier Jahre zuvor.

Während Firmen über einen Lehrlingsmangel klagen, herrscht nach Beobachtung der Forscher in vielen Bereichen noch ein Mangel an Ausbildungsplätzen. Zudem gelten 29 Prozent der Berufsschüler als nicht ausbildungsfähig und landen in Warteschleifen – immerhin ein Rückgang um 10 Prozentpunkte gegenüber 2005.

Die Studienanfängerzahl ist geradezu explodiert – um 40 Prozent gegenüber 2005 – und soll hoch bleiben. Noch immer gibt es auffällige soziale Disparitäten bei der Studienentscheidung: Während 81 Prozent der Akademikerkinder mit Abi studieren, tun dies nur 62 Prozent der Abiturienten, deren Eltern selbst nur eine Lehre oder gar keinen Abschluss haben.

Der Weiterbildungsmarkt stagniert, von lebenslangem Lernen kaum eine Spur.

Wer zusätzliche Angebote schafft, um benachteiligte Kinder zu fördern, der muss damit rechnen, dass Kinder aus bessergestellten Familien sie sogar stärker nutzen. Oder dass sie in noch wirkungsvollere Angebote ausweichen.

Leserkommentare
  1. "Ist die Schule gerecht?

    Schwachen Schülern ist am besten geholfen, wenn wir akzeptieren, dass nicht alle gleich sind. "

    Für diesen Satz. Wenn jetzt noch die Anerkennung eines Berufs nicht mehr allein vom Gehaltscheck abhängt, dann sindwir schon sehr viel weiter.

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    Ich stimme zu. Und wenn wir alle Menschen zu einem Hochschulabschluß gebracht haben, muß irgendjemand trotzdem den orangenen Overall anziehen und die Straße kehren.

    Ärgerlicher finde ich die "Auslese": wenn ein Jugendlicher mit den chemischen Umstellungen der Pubertät nicht klarkommt oder gerade miese Lebensumstände herrschen, geht der von der Schule - und kommt dann nicht wieder ins Gleis.

    Es stimmt einfach nicht was in dem Artikel behauptet wird und auch so immer wieder behauptet wird. Einmal über den Tellerrand schauen würde genügen:

    Studienanfängerquoten und Quote derjenigen die für ein Studium zugelassenw erden in anderen OECD-Ländern.

    http://de.wikipedia.org/w...

    dort die Tabelle Quote im Tertiärbereich.

    Sie sehen: In vielen Ländern sind die Quoten teilweise extrem viel höher als in Deutschland, wo das Aussieben stärker durchgeführt wird. Und es ist nun nicht unbedingt anzunehmen, dass dies auf Einbußen der Qualität zurückzuführen ist (es wäre auch zu klären welche Qualität? Den Durchschnitt? Den des schwächsten Quantils etc. pp.). Eher auf mehr Engagement in der Breite. Nehmen Sie nur einmal die Zahlen für Finnland und dann noch die PISA-Studien. Haben die Finnen alle Supergene? Machen die Zauberei? NEIN!

    Ich kann jetzt nicht alles ausführen, aber jeder, der auch nur ein wenig mit argumentativer Gabe und der Fähigkeit zu konsistenter Beweisführung gesegnet ist, der dürfte hier mal sein "Differenzweltbild" ablegen, zumindest es mal hintenanstellen und unvoreingenommen an die Materie herangehen ist das Mindeste.

    Zum Zweiten Beitrag (erste Antwort): "Es muß auch jemand geben, der die Straße kehrt"

    A) Vlt. wenn nicht Maschinen eh fast alles alleine machen können.
    B) Wenn, dann freiwillig.
    C) Wenn, dann geachtet.
    D) Wenn, dann sehr vernünftig bezahlt.

    Alles andere ist: Chauvinismus. Punkt.

    hat denn bitte ernsthaft behauptet, dass alle Schüler gleich sind? Das haben Sie weder in der Hauptschule, noch im Gymnasium. Und jeweils sind SChüler im falschen Schulzweig gelandet, aufgrund ihrer Herkunft. Und das finde ich fatal. Da wird in der Hauptschule bei manchen Schülern Potenzial verschenkt, andere im Gymnasium werden mit Nachhilfe grade so immer auf die 4- gehoben, damit aber auch der kleine Finn-Erik auf jeden Fall Abitur macht. Der Artikel macht es sich meiner Meinung da an manchen Ecken zu leicht. Die Schule kann gesellschaftliche Ungleichheiten hinsichtlich des Zugangs und der Wichtigkeit der Bildung nicht aufheben. Aber, und das finde ich ist der wichtige, springende Punkt, muss es die Möglichkeit geben, dass jedes Kind in diesem Lande die Möglichkeit bekommt, entsprechend seinen Fähigkeiten den bestmöglichen Bildungsabschluss zu erreichen. Und das ist nicht gegeben. Jeder, der nur halbwegs kann, schickt sein Kind heute aufs Gymnasium, koste es was es wolle. Und dann sitzt dieses Kind, chronisch überfordert da und verliert gänzlich die Motivation am Lernen, dazu kommen die schlechten Noten, die am Selbstvertrauen nagen.
    Und dann: Wir haben ein Bildungsminimum. Das Problem ist, dass es zu viele nicht erreichen. da muss man sich fragen, ob die Anforderungen zu hoch gestochen sind, oder ob es an den Strukturen liegt.. Keine Ahnung. Aber das Minimum weiter abzusenken halte ich intuitiv für den falschen Weg.
    Es muss halt nicht immer das Gymnasium sein..

  2. Ich bekomme Bauchschmerzen, wenn ich den Artikel lese. Was ist die Alternative? Unser Bildungsminimum nennt sich heute "Hauptschulabschluss". Oder soll es einen Abschluss geben, der noch darunter liegen soll?

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    Der Hauptschulabschluss wird wohl auch weiter Minimum bleiben, allerdings gibt es in jedem Jahrgang etwa 10%, die nicht einmal den schaffen. Dazu kommen dann die Sonderschüler (Förderschüler, jaja), und vermutlich noch weitere kleinere Gruppen, zum Beispiel Menschen mit mangelnden Deutschkenntnissen oder auch funktionale Analphabeten. Und all diesen Gruppen soll der Weg zu einem Bildungsminimum, aktuell eben dem Hauptschulabschluss, ermöglicht werden.

    Allerdings sehe ich nicht, was wir da groß verändern können am Schulsystem, um diese Ziele zu erreichen, zumindest mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen. Der erste Schritt ist wohl mehr Geld in die Bildung unserer Kinder zu investieren, danach wären auch Maßnahmen zur Verbesserung nötig. Darüber hinaus lässt sich wohl das meiste ewig diskutieren: Bund/Länder, Einheitsschule/gegliedertes Schulsystem, und vieles mehr …

    • DDave
    • 11. Juli 2012 19:38 Uhr

    ... vielleicht heisst der niedrigste Bildungsabschluss noch in Bayern so, aber in den meisten Ländern wird es Mittlere Reife bzw Mittlere Reife+ sein ;)

    Die einzige Lehre aus diesem Artikel wäre, dass man die Hauptschule nicht zum Abstellgleis macht. Also statt die Gymnasien mit Geld für G8 zu subventionieren, sollte man besser wieder auf 3 Säulen(Haupt-, Realschule & Gymnasium) gehen und die Hauptschulen mit Geld fluten für Lehrkräfte, die Zusatzstunden den Schülern "verfplichtend anbieten", damit es niemand mehr ohne Schulabschluss bzw einem Schulabschluss ohne Bildungsminimum, die Schule zu verlassen.
    Zur Hausaufgabenhilfe kann man sicherlich, sofern verhanden, Kooperationen mit den Lehramtsstudenten der Uni vor Ort abschliessen!

    Der Hauptschulabschluss als Bildungsminimum ist nach Tenorths Definition doch sinnvoll. Wichtig ist -angenommen ich verstehe den Artikel richtig- ein Umdenken bezüglich Art und Ziel bildungspolitischer Förderung: Hauptschulabschluss als wichtiges (erstes) Bildungsziel etablieren und, wichtiger noch, akzeptieren. "[N]och höhere Höhen der Bildung" werden dabei wohl trotzdem von einem erheblichen Bevölkerungsteil angestrebt/erreicht.

    Realistische Zielsetzungen mit den möglichen Mitteln verfolgen, sich vom idealisierten Gedanken der "gerechten Bildung" verabschieden: "den allermeisten ginge es besser".

    Hoffentlich auch Ihrem Bauch (!?) :D

  3. Die besten Argumente für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Löhne!
    Sozialer Status bedingt Bildungserfolg -> Bildungserfolg bedingt sozialen Status.
    Aufgrund dieses Zirkels müssen beide Seiten gefördert werden. Die Ausgestaltung mag gerne diskutiert werden.

  4. Zitat aus dem Artikel: Intelligenzunterschiede wiederum sind durch Gene und das familiäre Umfeld, also die Herkunft bedingt.

    Gibts dafür eigentlich auch ein Beleg? Was das familiäre Umfeld betrifft, so ist das sicherlich mehrfach erwiesen. Das dabei aber die Gene eine Rolle spielen, ist bislang immer wieder nur behauptet wurden (unter anderem von Sarrazin), wissenschaftlich Belege lassen sich dafür aber so gut wie gar nicht finden, bzw. sind jene Studien, die glauben Indizien (!) für die genetische Vererbarkeit von Intelligenz gefunden zu haben, meist sehr fragwürdig.

    Warum also wird das immer wieder behauptet? Und hier wird es auch noch dargestellt, als sei familiäres Umfeld und Genetik jeweils hälftig verantwortlich, was wissenschaftlich längst widerlegt ist.

    mfg henry

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    zu senken: Familiengründung von Akademikern und besonders -innen fördern. Denn beim Thema Kinderkriegen gehen immer noch sie am häufigsten leer aus. Das wäre im übrigen auch unter dem Aspekt der sozialen (hier: reproduktiven) Gerechtigkeit geboten. Im Unterschied zu gleichen Bildungsabschlüssen für alle (welches an unterschiedlicher Beschaffenheit der Gehirne scheitert) ist das Ziel "gleiche Erfüllung des Kinderwunsches für alle unabhängig von der Herkunft" durchaus machbar. Sofern der Wille da ist.

    Als kleine Leseempfehlung hier was Grundlegendes zum Begriff Erblichkeit:

    http://www.dezimmer.net/H...
    http://www.faz.net/aktuel...

    "Das dabei aber die Gene eine Rolle spielen, ist bislang immer wieder nur behauptet wurden (unter anderem von Sarrazin), wissenschaftlich Belege lassen sich dafür aber so gut wie gar nicht finden, bzw. sind jene Studien, die glauben Indizien (!) für die genetische Vererbarkeit von Intelligenz gefunden zu haben, meist sehr fragwürdig."

    Sie sind schlecht informiert. Sarrazin hat sich wesentlich besser informiert.

    ja die Intelligenz ist auch genetisch bedingt, sonst hieße es ja, sie ist nur durch die Umwelt beeinflussbar. Auch wenn alle Leute unter hervorragenden Umweltbedingungen aufwachsen würden, würde die Intelligenz variieren. In den 70er Jahren hat man geglaubt, dass alles allein durch die Umwelt bedingt ist und dass jedes Kind als "Tabula rasa" (unbeschriebenes Blatt) auf die Welt kommt, aber das gilt als überholt.
    Dass die Intelligenz auch genetisch bedingt ist, heißt aber nicht, dass bestimmte soziale Gruppen durchschnittlich einen niedrigeren IQ aufweisen als andere. Jedes Kind egal von welchen Eltern kann Gene für einen sehr hohen IQ erben oder aber auch geistig behindert werden.

    Die Gene sind für alle Körperlichen Unterschiede verantwortlich, warum nicht auch für geistige? Sie können doch nicht ernsthaft behauptem, dass wir nur Einsteins hätten, wenn das Bildungssystem "gerechter"wäre? warum leugnen Sie, das es auch genetische Untersciede in der geistigen Auffassungsgabe und Intelligenz gibt? Das hat mit Sarazin nichts zu tun, sondern mit Biologischen Selbsverständlichkeiten, die inzwischen ignoriert und in die Schmudellecke abgeschoben werden. Die Kinder sind nicht gleich, so wie auch die Erwachsenen nicht. Es gibt nicht nur Genies, es gibt auch weniger Begabte, ob Sie es nun leugnen oder nicht.

    Indizien und Belege sind in dieser Diskussion uebrigens sehr aehnlich: da es keine mathematischen Axiomenraum zur Definition des Problems gibt, sind all unsere Theorien nie beweisbar; Indizien für den Einfluss der Gene und/oder den Einfluss der Umwelt finden wir allerdings massenhaft.

    Die besten Daten zum Einfluss der Genetik finden Sie, wenn Sie sich die Ergebnisse der Studien ansehen, die bei der Geburt getrennte eineiige Zwillinge betrachten. Die Eigenschaften dieser Individuen sind weit aehnlicher, als es die Eigenschaften von bei der Geburt getrennten nicht eineiigen Zwillingen sind.

    Quantitative Auswertungen von solchen Ueberlegungen (unter Einbeziehung von weit mehr Verwandtschaftsgraden) fuehren dann zu dem heute weitestgehend akzeptierten Bild, dass die Erblichkeit von IQ zwischen 0.5 und 0.9 schwankt (http://en.wikipedia.org/w...). Zum Vergleich: Die Erblichkeit der Koerpergroesse liegt bei 0.8.

    Hierbei ist zu beachten, dass die Erblichkeit immer vom sozialen Umfeld abhaengt: wenn zwei Individuen ein identisches Umfeld haben, so muss jeder gemessene Eigenschaftsunterschied zwischen ihnen rein genetisch bedingt sein.

    Umgekehrt muss jeder gemessene Eigenschaftsunterschied zwischen identischen Zwillingen rein umweltbedingt sein.

    Grosse Probleme bei der Quantifizierung dieser Fragen spielt immer, wie sehr man die Aehnlichkeit der Umgebung quantifizieren kann - und letztlich auch, wie sehr man die Aehnlichkeit der Genetik quantifizieren kann.

    lebenserfahrung und menschenkenntnis sind beweis genug.

    umwelteinfluesse werden gemeinhin zudem ueberbewertet. natuerlich alles behauptungen. dennoch entspricht es der realitaet ob es ihnen schmeckt oder nicht.

    Es herrscht allerdings Einigkeit darueber, dass die uns hier interessierenden Eigenschaftsunterschiede (hauptsaechlich IQ) sowohl genetische als auch umweltliche Gruende haben.

    Die bisher gemessenen Zahlen suggerieren, dass die genetischen Gruende ueberwiegen (denken Sie wieder daran, dass das von der Form unserer Gesellschaft abhaengt: je gleicher wir die Individuen aufwachsen lassen, umso staerker wird der Teil der Unterschiede werden, der durch die Genetik bedingt ist) .

    Biologische/evolutionaere Gruende sagen prinzipiell dasselbe: jede wichtige Eigenschaft eines ORganismus ist immer zu Teilen vererbbar (sonst wuerde die Evolution nicht funktionieren). IQ spielt eine wichtige Rolle, und es gibt wohl niemanden, der behaupten wuerde, dass die IQ Unterschiede zwischen Schimpansen und Menschen nicht erblich bedingt, sonder nur der Umwelt geschuldet sind.

    Auf langen Zeitskalen (Artenbildung) wird also immer die Genetik entscheidend sein; auf kuerzeren Zeitskalen kann die Umwelt ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

    (Wobei die Umwelt natuerlich immer eine wichtige Rolle bei der Selektion des die Genetik tragenden Organismus spielt, aber das ist eine andere Diskussion).

    Fuer diese Diskussion von Wichtigkeit ist daher, sich darueber klar zu werden, dass die bisher messbaren Korrelationen zwischen Herkunft und schulischem Erfolg durchaus von der Groessenordnung her durch erbliche Genetik erklaerbar sind - allerdings ist es auch moeglich, dass die Umwelt eine grosse Rolle spielt.

    Genau in diesem Spannungsbereich findet die aktuelle ideologische Diskussion statt: es gibt Leute, die glauben, dass in unserer Gesellschaft der erbliche Einfluss vernachlaessigbar sein koennte, wenn wir die richtige Umgebung schaffen - und solche, die sagen, dass das unmoeglich ist.

    Indizien lassen sich fuer beide Varianten finden. Man muss schon ein bisschen tiefer in die Thematik einsteigen, um sich selbst ein Bild davon zu machen, welche Erzaehlung man fuer kohaerenter, wessen Indizien man fuer stichhaltiger, wessen Modelle man fuer die besten haelt.

    • fegalo
    • 11. Juli 2012 21:02 Uhr

    Es ist überhaupt nicht nötig, auf die Frage „Gene oder nicht“ einzusteigen, wenn es Ihnen lieber ist. Aber dass die Menschen verschieden sind, und zwar in ALLEN Belangen, das ist doch so unglaublich trivial, dass es eigentlich unfassbar ist, wie jemand das bestreiten kann. Um sich der Lebenserfahrung zu verweigern, dass Menschen verschieden intelligent sind, muss man wohl außerordentlich ideologisiert sein. Alle Eltern mit mehreren Kindern wissen doch, dass ihre Kinder trotz gleicher Herkunft verschieden begabt sind. Auch die Tatsache, dass es sogenannte „Wunderkinder“ gibt, die mit 3 lesen und rechnen können etc. und mit 8 in die Quantenphysik einsteigen, beweist doch, dass die Kinder den Rahmen ihrer Intelligenz mit auf die Welt bringen, und dass er verschieden ausfällt. Wie kann man sich eigentlich derart hartnäckig der Wirklichkeit verweigern?

    Und für diese unabweisbare Erfahrungstatsache ist es völlig unerheblich, ob man auf irgendwelche verantwortlichen Gene zeigen kann oder nicht.

    Insgesamt stimme ich Herrn Kerstan zu. Ich würde es sogar so zuspitzen: Die Bildungspolitik muss einsehen, dass es mehr Einsatz und Aufwand erfordert, eine bestimmte Gruppe von Hauptschülern zur Mindestqualifikation zu führen, als es kostet, einen durchschnittlichen Gymnasiasten zum Abitur zu bringen. Dem müssen wir Rechnung tragen, und das muss es uns wert sein. Und das ist es, was ich „sozial gerecht“ nennen würde.

    • Medley
    • 12. Juli 2012 0:35 Uhr

    "Gibts dafür eigentlich auch ein Beleg?...Das dabei aber die Gene eine Rolle spielen, ist bislang immer wieder nur behauptet worden, wissenschaftlich Belege lassen sich dafür aber so gut wie gar nicht finden...Warum also wird das immer wieder behauptet?"

    Warum es immer wieder behauptet wird? Na, weil's stimmt. Und ja, selbstverständlich gibt sehr stichhaltige Beweise, nur befürchte ich, dass sie diese niemals akzeptieren werden, weil offenbar nicht belegt/bewiesen sein kann, was nicht belegt/bewiesen sein darf. Wenn es nun tatsächlich NUR an dem sozialen Unfeld/Familie läge, dann erklären sie mir doch mal, warum Prinzessin Diana Spencer nur ein Abgangszeugnis des britischen Äqivalents zur deutschen Hauptschule hatte, aber anderseits ein Herr Gerhard Schröder, der in äussert präkeren Verhältnissen aufwuchs(G. Schröder: "Wir waren die "Assies".), auf der Abendschule das Abitur machte, dann Juran studierte und anschließend Bundeskanzler wurde? Können sie alles nachwickipedianen. Wenn es tatsächlich nur am Unfeld läge, so wäre doch jeder Haupt- und Realschüler und jeder Gymnasiast, der weniger als eine 1+ hat ein Frevel, weil alle die schlechter abgeschnitten hätten, offenbar nicht genügend gefördert wurden, oder?

    LINK: http://www.tagesspiegel.d...

    Zitat: "Die Erblichkeit der biometrischen Intelligenz (des IQ) ist fast so hoch wie die der Körpergröße. Sie beträgt 70 bis 85 Prozent...Klar ist das spätestens seit 1996."

    • ST_T
    • 12. Juli 2012 1:05 Uhr

    Man weiß heute, dass die Gene eine erhebliche Rolle spielen, es wird aber vermutet, dass das Umfeld der ausschlaggebende Punkt ist.
    Im Grunde liegt der Fall wie bei einem genetisch potentiellen Alkoholiker: Wenn dieser nie mit Alkohol in Kontakt gerät wird er nie die Möglichkeit haben süchtig zu werden. Genauso werden hochintelligente Kinder, die nie gefördert werden, auch wirklich intelligent sein.

    Quellen:
    http://m.focus.de/wissen/...

    http://bernhard-hassenste...

    Es ist übrigens bis heute nicht genau entschieden welchen Einfluss jetzt genau was hat.
    Das dennoch Gene einen Einfluss haben lässt sich nicht bestreiten.

    • oet
    • 13. Juli 2012 9:33 Uhr

    Ja, klar! Schauen Sie sich z.B. einmal im Gebiet der Menschen mit einer geistigen Behinderung um. Was sagen Sie
    zur Trisomie 21? Vom Himmel gefallen oder wie?
    Fragen Sie einmal einen Kanienchenzüchter, was bei seinen Tieren alles möglich ist.
    Sie können sich mich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Ich hatte ein Riesenglück mit meinen Kanienchen.
    NJur die Anthroposophen glauben, dass wir vor der Geburt unsere Umgebung selber auswählen.

  5. "Die Schule kann die Gesellschaft nicht gerechter machen. Sie eignet sich nicht als Instrument des social engineering. Wer das von ihr fordert, der überfordert und demotiviert sie."
    Endlich wird ausgesprochen, was Lehrende seit Jahren nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagen. Political correctness schob ja stets die alleinige Verantwortung hinsichtlich gleicher Bildungschancen für alle der Schule zu. Ein Minimum an Bildung ja, Förderung lernschwacher - und oft auch nicht lernbereiter - Schüler bis zum Gehtnichtmehr nein! Ohne die Eltern in die Verantwortung zu ziehen, funktioniert Förderung nicht, und oft entziehen sich gerade diejenigen Eltern, mit denen Lehrer sich dringend austauschen möchten, jeder Ansprache. Der Aufwand, den Lehrer unter diesen Umständen betreiben müssen, um alle Schüler einer Klasse "mitzuziehen", ist enorm und oft wirkungslos, dafür bleibt keine Zeit mehr, leistungstärkere und/oder -bereitere Schüler zu fordern - gerade diejenigen, die später das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden werden.

  6. ist ein alter Hut -> http://www.zeit.de/2001/1...

    Bildungsgerechtigkeit ist jedoch nicht mit Ergebnisgleichheit gleichzusetzen.

    Entscheidend ist, dass auch Kinder aus einkommensschwachen/prekären Verhältnissen genauso optimal gefördert werden wie solche aus gebildeten Milieus.

    Ziel sollte sein, dass jedes Kind sein individuelles Potenzial bestmöglich entfalten kann.

    Aufgrund der Launen der Natur gibt es eine Regression zur Mitte, weshalb auch der Nachwuchs hoch intelligenter Eltern weniger begabt sein kann als diese und die Kinder wenig intelligenter Eltern diese kognitiv übertreffen können.

    Bildungsgerechtigkeit meint daher in erster Linie die Förderung jedes Kindes je nach seinem Potenzial, aber ohne Ansehen des Elternhauses.

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    ... sollte man nicht den Eindruck erwecken, unser System sei in diesem Sinne noch wesentlich optimierbar in dem Sinne, daß sich mit einem "gerechteren" System die Unterschiede nennenswert wesentlich verringern ließen. Das ist noch keinem Schulsystem weltweit gelungen (auch nicht in Skandinavien oder Neuseeland).

    Es bestehen keine realistischen Aussichten, daß die Korrelation zwischen Elternhaus und Intelligenz und materiellem Bildungserfolg der Kinder durch irgendeine Maßnahme nennenswert verringern läßt. Man kann die formalen Unterschiede verringern (z.B. indem man wie die Franzosen jeden Abschluß "Abitur" nennt), nicht aber die faktischen.

    Einzige Ausnahme: Kinder aus definitiv defizitären Elternhäusern. Diese bleiben oft weit hinter ihrem Potenzial zurück, und hier lassen sich mit gezielter Förderung oft deutliche Verbesserungen erreichen.

    • erzel
    • 11. Juli 2012 19:33 Uhr

    Ich habe letztes Jahr in NRW Abitur gemacht und studiere nun Chemie. Wer noch nicht all zulange aus dem Schulalltag raus ist wird wissen, dass das eigentliche Problem die Lehrer sind.

    Es fängt an das die Vorbildrolle Lehrer einfach nicht mehr für die Schüler existent ist, Lehrer die gar nicht oder deutlich verspätet und unvorbereitet zum Unterricht erscheinen sind eine zu Mutung. Beschwerden von so einen Verhalten wird von der Schulleitung grundsätzlich unterbunden oder spätestens in der Note gerächt.

    Auch ist das Schulsystem nicht konsequent genug, mein Physiklehrer aus dem Abitur, der gleichzeitig mit unserem Abschluss in Rente ging, erzählte uns bei einer privaten Abschlussfeier bei ihm daheim, dass es Vorgaben von den Schulleitungen gäbe vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern gnädige Noten zu geben, da sonst der Ruf der Schule beschädigt werden könnte.

    Schaut man sich die Abiturienten seines eigenen Jahrganges an die alle auf Lehramt studieren, kann man sich nur davor grauen irgendwann seine eigenen Kinder von diesen unterrichten zu lassen. Meistens sind es die unzuverlässigsten und nicht gerade hellsten Personen die dies tun, mal ganz abgesehen davon das selbst beim Lehramts Studium gerade Kunst, Musik und Geschichte bevorzugt werden.

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    • DDave
    • 11. Juli 2012 19:45 Uhr

    ... sorry, im Allgemeinen stimme ich Ihnen zu, bzw ab dem 2ten Absatz.
    Ich wurde auch erst vor einem Jahr mit dem Abitur entlassen und bin froh aus dem Laden draussen zu sein.
    Sicherlich gibt es einige Lehrer, die überfordert sind und/oder wenig Lust und Engagement mitbringen.
    Einigen Lehrer hätte ich liebende gerne geraten sich vielleicht einen neuen Job zusuchen, denn ihr Gehalt verdienen die definitiv nicht, sondern bekommen es!
    Aber ich habe auch einige sehr kompentente und engagierte Lehrer gehabt, die mich gefördert aber insbesondere gefordert haben. Wo übrigens bei Mathematik kein Auge zugedrückt wurde in Bezug auf Noten ;)
    Es ist wie überall auf der Welt, es gibt solche und solche.
    Lehrer, die gut und engagiert sind, sind kein Problem, dem Rest sollte man Druck machen und danach als Arbeitskräfte freisetzten...

    Probleme stellen sich auf mehrewren Ebenen. Leistung und Engagement wird im Lehramt leider nicht besser bezahlt. Genau so wie es viele schlechte Lehrer gibt, gibt es auch viele schlecht Bäcker, Taxifahrer, Politiker...

    "Meistens sind es die unzuverlässigsten und nicht gerade hellsten Personen die dies tun, mal ganz abgesehen davon das selbst beim Lehramts Studium gerade Kunst, Musik und Geschichte bevorzugt werden."

    Naja, die 93 Studienanfängern in Kunst, gegenüber den 1175 Studienanfängern in Mathematik, würde ich nicht als bevorzugt beschreiben. (Beispiel NRW https://www.destatis.de/D...)

    Schüler, die mit Messern und Schlagringen in die Schule kommen, zum Beispiel. Die Lehrerin, die einen guten Teil der Stunde damit verbringen muß, Waffen einzusammeln und die Schüler zur Ruhe zu bringen, sich dafür als "Fotze" beschimpfen lassen muß und keine Handhabe hat, plaudernde junge Damen aus der Klasse zu werfen - diese Lehrerin hat ein Problem: unbeschulbare Schüler.

    Solange Lehrer keine echten disziplinarischen Machtinstrumente in die Hände bekommen, sind sie nicht in der Lage, für Ordnung im Klassenzimmer zu sorgen und Störer zu relegieren. Und, das sage ich Ihnen: ein Störer reicht, um eine ganze Klasse zu sabotieren. Glauben Sie, solchen Schülern ist mit pädagogischen Idealen und "fördern" beizukommen? Sie verkennen die Situation.

    • cornus
    • 11. Juli 2012 21:34 Uhr

    Wir bitten von der Austragung von Privatfehden abzusehen, und zu einer themenbezogenen Diskussion zurück zu kehren. Danke, die Redaktion/kvk

    Mein Abitur liegt inzwischen 3 Jahre zurück und die Situation ist die Selbe wie bei Ihnen. Ich studiere zwar Mathematik statt Chemie, doch die Ansichten über Lehrer und solche die es werden wollen sind die gleichen. Dabei gibt es zwischen den Hochschulen selbst auch noch einmal immense Unterschiede, was die Lehramtsstudenten angeht. Ich kenne inzwischen immerhin jahrgangsübergreifend ganze 3 angehende Mathematiklehrer die ihr Fach wirklich beherrschen und sich darin verstehen, Wissen verständlich weiterzugeben.

    Ich verstand zum Zeitpunkt meines Abiturs bereits die Mathematik besser als mein Physiklehrer, ohne, dass ich einer jener Überflieger bin. Das deckt sich mit dem Gesprächsthema, welches man oft vor und nach den Vorlesungen hört: "Wozu brauch ich das, es reicht doch wenn ich später als Lehrer den Abiturstoff beherrsche".

    Es gibt natürlich beide Arten. Gute Lehrer, sowie schlechte Lehrer, das Problem liegt darin, dass es wesentlich mehr von Letzterem gibt...

  7. Der Hauptschulabschluss wird wohl auch weiter Minimum bleiben, allerdings gibt es in jedem Jahrgang etwa 10%, die nicht einmal den schaffen. Dazu kommen dann die Sonderschüler (Förderschüler, jaja), und vermutlich noch weitere kleinere Gruppen, zum Beispiel Menschen mit mangelnden Deutschkenntnissen oder auch funktionale Analphabeten. Und all diesen Gruppen soll der Weg zu einem Bildungsminimum, aktuell eben dem Hauptschulabschluss, ermöglicht werden.

    Allerdings sehe ich nicht, was wir da groß verändern können am Schulsystem, um diese Ziele zu erreichen, zumindest mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen. Der erste Schritt ist wohl mehr Geld in die Bildung unserer Kinder zu investieren, danach wären auch Maßnahmen zur Verbesserung nötig. Darüber hinaus lässt sich wohl das meiste ewig diskutieren: Bund/Länder, Einheitsschule/gegliedertes Schulsystem, und vieles mehr …

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