Es mag paradox klingen, aber wenn wir die Zahl der Bildungsverlierer verkleinern wollen, dann müssen wir uns von der Illusion der Bildungsgerechtigkeit verabschieden, wie sie in Deutschland weit verbreitet ist. Jener Illusion, der viele Gesamtschulbefürworter in den sechziger und siebziger Jahren nachhingen und die bis heute in jedem Streit über unser Bildungssystem mitschwingt: dass die Schule in der Lage ist, herkunftsbedingte Bildungsunterschiede auszugleichen, dass man mit Bildung letztlich die gesellschaftliche Ungleichheit beseitigen oder zumindest spürbar abschwächen kann.

Weshalb erschwert diese Illusion die Hilfe für die Kinder aus sozial schwachen Familien?

Die kurze Antwort lautet: Weil sie eben eine Illusion ist. Wenn man jemanden in lähmende Verzweiflung treiben will – in diesem Fall vor allem die Lehrer und die Bildungspolitiker –, dann muss man ihm nur pausenlos Ziele vorgeben, die er nicht erreichen kann.

Für die lange Antwort hilft ein Blick in den neuen Bildungsbericht, der vergangene Woche vorgestellt wurde. Dort kann man nachlesen, welche Nebenwirkungen es hat, wenn Schwachen sinnvoll geholfen wird. In diesem Fall durch das zusätzliche Angebot von Krippenplätzen. Die Bildungsforscher betonen in ihrem Bericht, dass vor allem jene Kinder, die in ihren Familien wenig gefördert werden, deutlich besser lesen können, wenn sie mehrere Jahre in Krippe und Kindergarten verbracht haben. So weit, so gut.

Im selben Bericht aber liest man, dass vor allem bildungsorientierte Familien die Betreuungsangebote für unter Dreijährige in Anspruch nehmen. »Eltern«, so formulieren es die Forscher, »sind nicht nur selbst wichtige entwicklungsfördernde Impulsgeber für ihre Kinder, sondern sie fungieren auch als entscheidende Wegbereiter für außerhäusliche Bildungsangebote.«

Wer zusätzliche Angebote schafft, um benachteiligte Kinder zu fördern, der muss damit rechnen, dass Kinder aus bessergestellten Familien sie sogar stärker nutzen. Oder dass sie in noch wirkungsvollere Angebote ausweichen.

Ein "Bildungsminimum" ermöglichen

Verstärkt werden kann dieses Auseinanderdriften auf höherem Niveau durch einen Trend, der von vielen Experten als neuer Königsweg der Pädagogik propagiert wird: die individuelle Förderung der Kinder entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit. Das mag für jedes Kind hilfreich sein. Am stärksten profitieren von individueller Förderung jedoch nicht die schwächsten, sondern die intelligentesten Kinder – entsprechend dem »Matthäus-Effekt«: Wer hat, dem wird gegeben. Intelligenzunterschiede wiederum sind durch Gene und das familiäre Umfeld, also die Herkunft bedingt.

Selbst der längere gemeinsame Schulbesuch von Kindern unterschiedlicher Sozialschichten, auf den viele ihre Hoffnung setzen, vermag den Einfluss der Herkunft nicht zurückzudrängen. Das zeigen Untersuchungen des Gesamtschulexperten Helmut Fend in Hessen. Während der Schulzeit vermochte die Gesamtschule zwar hier und da Ungerechtigkeiten auszugleichen; wenn es aber um die Wurst geht, um die Schulabschlüsse, die Wahl der Ausbildungen und Berufe, dann schlägt die soziale Herkunft bei ehemaligen Gesamtschülern genauso stark durch wie bei den Schülern des gegliederten Schulsystems.

15 bis 20 Prozent Schulversager dürfen wir uns nicht leisten

Man mag es beklagen, aber sollte es nüchtern zur Kenntnis nehmen: Die Schule kann die Gesellschaft nicht gerechter machen. Sie eignet sich nicht als Instrument des social engineering. Wer das von ihr fordert, der überfordert und demotiviert sie.

Der nimmt ihr am Ende die Kraft, das drängendste Problem des deutschen Bildungswesens zu lösen: die große Zahl der Bildungsverlierer. Neben vielem Positiven, was die Wissenschaftler im Bildungsbericht verkünden, etwa die wachsende Zahl von Akademikern und Studenten, den gestiegenen Bildungsstand der Frauen sowie den Ausbau der Kindergärten und Ganztagsschulen, weisen sie auf eine weiterhin bedenklich große Gruppe Abgehängter hin. 15 bis 20 Prozent der jungen Leute können im Alter von 15 Jahren nicht richtig lesen und rechnen und stehen letztlich mit 30 ohne Berufsausbildung da.

Um sie müssen wir uns Sorgen machen. Sie werden im Beruf und im Privatleben große Probleme haben, ihr Glück zu finden. Sie fehlen als qualifizierte Arbeitskräfte. Sie belasten die Sozialkassen. Ihnen zu helfen, den Anschluss an die Gesellschaft zu finden, gebietet die wohlfahrtsstaatliche Moral, die Wirtschaft fordert es, schlussendlich diktiert es der Eigennutz der Bessergestellten, die sich in einem Land ohne große soziale Spannungen wohlfühlen.

Unbedingtes Ziel der Bildungspolitik muss es sein, diese Gruppe der Abgehängten unter den Schülern zu verkleinern. Wenn aber als Leitbild dazu die Bildungsgerechtigkeit nicht taugt, welches andere könnte an seine Stelle treten?

Jedem muss ein Minimum an Bildung ermöglicht werden

Seit einiger Zeit wird in der Erziehungswissenschaft der Begriff des »Bildungsminimums« diskutiert. Der Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth etwa beschreibt dieses als das Beherrschen grundlegender Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen auf einem Niveau, das eine Berufsausbildung ermöglicht. Fast allen Schülern dieses Bildungsminimum zu ermöglichen könnte als neues Leitbild der Bildungspolitik dienlich sein.

Wenn es gelänge, die Gruppe jener Schüler, die das Bildungsminimum nicht erreichen, in den kommenden Jahren von derzeit 20 Prozent auf zum Beispiel 15 oder gar 10 Prozent zu verkleinern, wäre das ein stolzes Ergebnis. Es würde den Lehrern, Kindergärtnerinnen und Bildungspolitikern großen Einsatz abverlangen.

Bessere Erziehungshilfen für sogenannte Problemfamilien, ein qualitativ hochwertiges Angebot an Krippen und Kindergärten und eine wirkungsvolle kontinuierliche Förderung etwa der Sprachkompetenz wären dazu nötig. Das wird teuer und mühsam.

Falls es gelänge, deutlich mehr Schülern das Bildungsminimum zu ermöglichen, dann sollten wir uns freuen. Wenn Jugendliche aus sozial bessergestellten Familien gleichzeitig noch höhere Höhen der Bildung erklimmen, dann sollten wir weder die Schule dafür beschimpfen noch die Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern.

Die Gesellschaft wäre dann nicht unbedingt gerechter geworden, aber den allermeisten ginge es besser.