ArbeitseiferDas Zitat... und Ihr Gewinn

Sigmund Freud sagt: Es gibt ebenso wenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol. von 

Der Chef schaut streng in die Runde: »Wer schreibt das Protokoll?« Die Gesichter am Konferenztisch wenden sich ab. Finger spielen mit Stiften, die Tischplatte wird angestarrt. Alle wollen sich unsichtbar machen. Protokoll schreiben gilt als undankbare Zusatzarbeit, als ausgelagerte Sekretariatstätigkeit. Dafür will sich keiner freiwillig hergeben.

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Schade eigentlich. Denn haben Sie schon mal überlegt, welche Macht es Ihnen verschafft, ein Protokoll zu verfassen? Was Sie von einer Sitzung festhalten oder weglassen, was Sie betonen oder zur Randnotiz machen, darüber entscheiden allein Sie. In George Orwells Zukunftsroman 1984 gibt es ein »Wahrheitsministerium«, das die Geschichtsbücher schreibt – und damit das Geschehene an die eigene Sichtweise anpasst. Jedes Protokoll ist ein kleines Geschichtsbuch: eine subjektive Wahrheit, eine Interpretation. Was überliefert wird, ob vom Schlachtfeld oder vom Konferenztisch, bestimmt der Schreiber. Sein Blickwinkel prägt, was die anderen sehen, denn der Psychoanalytiker Sigmund Freud sagt mit Recht: Hundertprozentige Wahrheit ist so selten wie hundertprozentiger Alkohol.

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Ein Protokoll lässt Ermessensspielraum, auch weil es auf die Nuancen ankommt. Wurde Ihre Abteilung »aufgefordert«, ein Projekt »endlich« abzuschließen? Wurde sie darum »gebeten«? Hat sie es »angeboten«? Oder gar »die Initiative ergriffen«? Was in Erinnerung bleibt, hängt nicht zuletzt vom Protokollschreiber und seiner Wortwahl ab. Das ist keine Straf-, sondern eine Darf-Arbeit, ein Privileg, ein Machtinstrument.

Einfach mal die Initiative ergreifen

Zumal damit eine weitere Chance verbunden ist: Sie können einem großen Verteiler, darunter oft Vorgesetzten, eine Kostprobe geben, wie scharf Ihr Blick fürs Wesentliche ist, wie präzise und intelligent Sie formulieren und wie zügig Sie wichtige Arbeiten erledigen. Ein gut formuliertes und schnell verschicktes Protokoll, mit Ihrem Namenszug, kann Eigenwerbung vom Feinsten sein. Auch weil zahllose Protokolle eben nicht schnell verschickt und noch seltener gut formuliert werden. Der Glanz des Protokolls fällt auf den Protokollanten zurück.

Leider gilt auch das Gegenteil: Ein schlampig formuliertes Protokoll, das Inhalte zu einem ungenießbaren Brei verquirlt und mit zwei Wochen Verspätung ankommt, lässt ebenfalls Rückschlüsse auf seinen Schreiber zu – allerdings solche, die er hätte vermeiden sollen.

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Leserkommentare
    • edgar
    • 08. Juli 2012 17:58 Uhr

    Ich tippe, dass trotz dieser Argumente weiterhin bei der entsprechenden Frage des Chefs jeder unschuldig irgendwohin blickt.

    2 Leserempfehlungen
  1. 2. Hmmmm

    sie sollten lieber in den Vordergrund stellen, dass es nicht die Aufgabe des Protokollanten ist die eigene Meinung in's Protokoll zu schreiben, sondern das, was die Mehrheit beschlossen hat.

    2 Leserempfehlungen
    • keibe
    • 08. Juli 2012 19:01 Uhr

    "Ein Protokoll lässt Ermessensspielraum, auch weil es auf die Nuancen ankommt. Wurde Ihre Abteilung »aufgefordert«, ein Projekt »endlich« abzuschließen? Wurde sie darum »gebeten«? Hat sie es »angeboten«? Oder gar »die Initiative ergriffen«?"

    etwa:

    Abteilungsleiter X lässt durchblicken, dass das Projekt Y weiterhin vertrauenvoll in die Hände von Z gelegt ist. Er wies auf die Wichtigkeit des Projekts im Unternehmenssinne hin und bat die beteiligten Mitarbeiter von Z einstweilen andere Tätigkeiten ruhen zu lassen, um den Unternehmenserfolg perspektivisch abzusichern.

    • jabka
    • 08. Juli 2012 23:32 Uhr

    Das Problem ist, dass gefühlte 9 von 10 Protokollen nach der Sitzung nicht mehr gelesen werden oder allenfalls noch als erweiterte To-Do-Liste dienen. Die Macht des Protokollanten ist da wohl eher eine hypothetische.

  2. Bei Gruppenarbeiten einfach mal locker zur Flipchart schlendern ("ich schreib das mal hier auf...") und schon hat man die Diskussion unter Kontrolle. Wenn es dann um die Abschlusspräsentation geht, heisst es sowieso, "Du stehst ja schon da vorne...". Tja und dann schreibt man in aller Ruhe das Ganze noch einmal um und erntet im Plenum die Lorbeeren....;-)

    Eine Leserempfehlung
  3. Protokolle, die bei meinem Arbeitgeber geschrieben werden, werden idR an ALLE Beteiligten geschickt, von denen liebe- und hingebungsvoll durchgelesen, und die vom Protokollanten eingebrachte "subjektive Sicht auf die Geschichte" weiter und weiter verwässert.
    Da ist die Möglichkeit der Einflussnahme eher gering :-)

    • 2eco
    • 09. Juli 2012 10:42 Uhr

    Dies sind die Anforderungen an ein Protokoll lt. Wikipedia (Auszug):
    "An eine Protokollierung im Sinne einer beweisfesten Aufzeichnung werden deshalb hohe Anforderungen gestellt. Darunter fallen insbesondere folgende Gesichtspunkte:

    1. die inhaltliche Richtigkeit
    2. die Vollständigkeit"

    Ich weiß daher nicht, ob es ein gut gemeinter Vorschlag ist ein Protokoll nach dem eigenen Gusto auszugestalten.
    Ein Protokoll sollte das Gesagte möglichst genau und objektiv widergeben. Eine subjektive Auswahl der Gesprächsinhalte und deren bewusste Manipulation halte ich für wenig professionel.
    Aus einer direkten Aufforderung, endlich eine gewisse Aufgabe zu erledigen, welche schon lange fertig sein sollte, einen Satz ala "Herr XY ergreifte die Initiative und erklärte sich bereit - im Bewusstsein seiner Schlüsselrolle im Team - die Aufgabe X anzugehen", zu kreieren ist peinlich.

    Auch wenn dieses Beispiel überspitzt ist, überzeugt man mit so einem Protokoll den Chef gewiss nicht und gewinnt erst Recht keine Macht. Dies wäre die beste Möglichkeit sich als Mitarbeiter, welcher nicht in der Lage ist Sachverhalte und Entscheidungen objektiv anzugehen, zu disqualifizieren.

    Ein objektives, ordentliches und auf den Punkt gebrachtes Protokoll schnell zu liefern, macht sicherlich einen guten Eindruck. Ein Protokoll absichtlich zu verfälschen, um so "Macht" auszuüben bewirkt höchstens den Effekt, dass demnächst wieder ein anderer Mitarbeiter Protokoll führt.

    • Elite7
    • 09. Juli 2012 11:19 Uhr

    sind eine wahrlich tolle Erfindung.

    Eine Leserempfehlung

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