DIE ZEIT: Herr Schroeder, Sie und Ihre Kollegen vom Forschungsverbund SED-Staat haben 4.600 Neunt- und Zehntklässler nach ihren Kenntnissen und Urteilen zur Nazi-Zeit, zur DDR sowie der alten und der wiedervereinigten Bundesrepublik befragt. Die Studie trägt den Titel Später Sieg der Diktaturen?. Sind unsere Schüler keine Demokraten?

Klaus Schroeder: Zu viele wissen leider gar nicht, was Demokratie eigentlich bedeutet. Unsere Ergebnisse sind schockierend: Ein Teil der Schüler identifiziert die alte Bundesrepublik nicht als Demokratie und den Nationalsozialismus und die DDR nicht als Diktatur. Jeder vierte Schüler glaubt zum Beispiel, das Nazi-Regime sei durch freie Wahlen legitimiert gewesen.

ZEIT: Jeder Dritte ist außerdem der Ansicht, auch in der DDR habe es freie Wahlen gegeben. Wie kommt es zu solchen Ergebnissen?

Schroeder: Dieser Teil der Schüler weiß zu wenig über politische Systeme, etwa was eine demokratische Wahl auszeichnet.

ZEIT: Das vereinte Deutschland wird von den Schülern immerhin am positivsten bewertet, dennoch vermag ein Viertel nicht zu erkennen, dass es in ihrem Land freie Wahlen gibt. Wie kann man so etwas nicht wissen?

Schroeder: Das sind Schüler, die fast überhaupt keine politischen Kenntnisse haben. Sie identifizieren sich mit der Bundesrepublik und ihrem Leben hier, können sich aber unter Begriffen wie Meinungsfreiheit, Wahlen oder Menschenrechte nichts vorstellen. Ein Drittel der Befragten war der Auffassung, dass alle vier Systeme, vom NS-Staat über die BRD und die DDR bis zur Bundesrepublik, keine Rechtsstaaten waren.

ZEIT: Kinder von Eltern, die in der DDR aufgewachsen sind, bewerten diese positiver als Kinder von BRD-Eltern, obwohl sie mehr über den SED-Staat wissen. Wird die DDR zu Hause verklärt?

Schroeder: In den Familien mit DDR-Hintergrund wird mehr über diesen Teil der Geschichte erzählt. Dabei fällt das Urteil der Älteren oft positiv aus, was bei den Schülern für ein geschöntes Bild sorgt. Die Schule ist hier das entscheidende Korrektiv. Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Image der DDR negativer wird, je länger diese Zeit im Unterricht behandelt wurde.

ZEIT: Auffallend ist auch: Kinder von Migranten bewerten die DDR und das Dritte Reich durchschnittlich positiver als deutschstämmige Schüler.

Schroeder: Das liegt ebenfalls an den mangelnden Kenntnissen. Migrantenkinder wissen von allen Gruppen im Durchschnitt am wenigsten und können Diktatur und Demokratie am schlechtesten unterscheiden. Viele fasziniert zudem die Idee der Volksgemeinschaft und der scheinbar besseren Fürsorge des Staates im Nationalsozialismus.