Politische Bildung : Gestapo? Voll normal!

Was wissen Schüler über die NS-Zeit und die DDR? Ein Gespräch mit dem Politologen Klaus Schroeder über seine neue Studie

DIE ZEIT: Herr Schroeder, Sie und Ihre Kollegen vom Forschungsverbund SED-Staat haben 4.600 Neunt- und Zehntklässler nach ihren Kenntnissen und Urteilen zur Nazi-Zeit, zur DDR sowie der alten und der wiedervereinigten Bundesrepublik befragt. Die Studie trägt den Titel Später Sieg der Diktaturen?. Sind unsere Schüler keine Demokraten?

Klaus Schroeder: Zu viele wissen leider gar nicht, was Demokratie eigentlich bedeutet. Unsere Ergebnisse sind schockierend: Ein Teil der Schüler identifiziert die alte Bundesrepublik nicht als Demokratie und den Nationalsozialismus und die DDR nicht als Diktatur. Jeder vierte Schüler glaubt zum Beispiel, das Nazi-Regime sei durch freie Wahlen legitimiert gewesen.

ZEIT: Jeder Dritte ist außerdem der Ansicht, auch in der DDR habe es freie Wahlen gegeben. Wie kommt es zu solchen Ergebnissen?

Schroeder: Dieser Teil der Schüler weiß zu wenig über politische Systeme, etwa was eine demokratische Wahl auszeichnet.

Klaus Schroeder

62, Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

ZEIT: Das vereinte Deutschland wird von den Schülern immerhin am positivsten bewertet, dennoch vermag ein Viertel nicht zu erkennen, dass es in ihrem Land freie Wahlen gibt. Wie kann man so etwas nicht wissen?

Schroeder: Das sind Schüler, die fast überhaupt keine politischen Kenntnisse haben. Sie identifizieren sich mit der Bundesrepublik und ihrem Leben hier, können sich aber unter Begriffen wie Meinungsfreiheit, Wahlen oder Menschenrechte nichts vorstellen. Ein Drittel der Befragten war der Auffassung, dass alle vier Systeme, vom NS-Staat über die BRD und die DDR bis zur Bundesrepublik, keine Rechtsstaaten waren.

ZEIT: Kinder von Eltern, die in der DDR aufgewachsen sind, bewerten diese positiver als Kinder von BRD-Eltern, obwohl sie mehr über den SED-Staat wissen. Wird die DDR zu Hause verklärt?

Schroeder: In den Familien mit DDR-Hintergrund wird mehr über diesen Teil der Geschichte erzählt. Dabei fällt das Urteil der Älteren oft positiv aus, was bei den Schülern für ein geschöntes Bild sorgt. Die Schule ist hier das entscheidende Korrektiv. Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Image der DDR negativer wird, je länger diese Zeit im Unterricht behandelt wurde.

ZEIT: Auffallend ist auch: Kinder von Migranten bewerten die DDR und das Dritte Reich durchschnittlich positiver als deutschstämmige Schüler.

Schroeder: Das liegt ebenfalls an den mangelnden Kenntnissen. Migrantenkinder wissen von allen Gruppen im Durchschnitt am wenigsten und können Diktatur und Demokratie am schlechtesten unterscheiden. Viele fasziniert zudem die Idee der Volksgemeinschaft und der scheinbar besseren Fürsorge des Staates im Nationalsozialismus.

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Kommentare

87 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Zu viele wissen nicht, was Demokratie bedeutet!

Das trifft nicht nur auf Schüler zu.

Viele Abgeordnete im Bundestag, in den Länderparlamenten und in den Städten und Gemeinden sind der Meinung, Demokratie bedeutet, bei einer Abstimmung dann die Hand zu heben, wenn es ihrer schmierenden Klientel nutzt.

[...]

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au.

2 heckebock1:

"Grundlage für Volksventscheide ist die politische Bildung und ein wenig mehr. Wer in Anbetracht dessen Volksentscheide für wichtige Fragen verlangt, muss sich dem Risiko bewusst sein."

Ihr Verhältnis zur Demokratie und zur Berücksichtigung des Wählerwillens haben Sie hier anschaulich offengelegt. Warum schaffen wir nicht gleich die Wahlen ab? Da weiß man ja vorher auch nie, was dabei herauskommt. Kommen am Ende noch auf dumme Gedanken, die Leute, und wählen, was ihnen und nicht, was Leuten wie Ihnen paßt.

Ein sehr durchschaubarer Versuch des Parteienkartells in Deutschland, die Leute daran zu hindern, ihren Parteien mit dem wahren Ansichten der Bevölkerung zu konfrontieren.

Zustimmung

"Wer in Anbetracht dessen Volksentscheide für wichtige Fragen verlangt, muss sich dem Risiko bewusst sein."

Politischer Analpabetismus ist eines der Argumente, die ganz objektiv(wenn auch nicht hinreichend) gegen Volksentscheide sprechen. Man kann davon ausgehen, dass ein entscheidender Teil der Bevölkerung bei komplexen Fragen objektiv entscheidet, sondern eher denjenigen hinterherrennt, die am effizientesten Emotionen mobilisieren können bzw. über ein Identifikationsangebot(z.B. per Nationalistischem oder per Klassenkollektiv) Wähler fischen. Entsprechend sehen ja auch die Wahlkampagnen bei Parlamentswahlen aus.

In diesem Fall geht es vor allem um Minderjährige, also zukünftige Erstwähler bzw. um schon (bei Kommunalwahlen) tatsächlich Wahlberechtigte.

Vermutlich korreliert das im Artikel geschilderte mit dem tatsächlichen Erstwähler-Wahlverhalten. Das sieht dann in manchen Regionen so aus:
http://jetzt.sueddeutsche...

Manches davon wächst sich mit der Zeit raus, die Schulbildung hat jedoch vermutlich wenig Anteil daran.

Also, auch ich fände es hilfreich.....

....wenn ein Wähler verstünde, worüber er abstimmt. Dass das nicht immer so sein kann, sieht man bereits daran, dass hier viele nicht wissen, was ein öffentliches Gut ist und wie es sich unterscheidet zum privaten Gut. Diese Leute werden vermutlich an Wahlen teilnehmen, ohne eine der Grundlegendsten Dinge zu verstehen, über die er mit entscheidet. Dass sie nicht wissen, was eine Demokratie ist? Nah ja. Wenn sie gefragt sind über eine neue Verfassung abzustimmen, wäre solche Kenntnis: Nah?
Ja: Hilfreich.

Re: Also, auch ich fände es hilfreich.....

Über was entscheiden die Menschen bei wahlen den genau?

- Welche Partei wie viele Sitze im Parlament hat. Mehr nicht.
- Welche Partei hat in den letzten 40 Jahren ernsthaft ihr Partei Programm umgesetzt?
- Oder zumindest das was vor den Wahlen versprochen wurde?

Es lassen sich aber viele Entscheidungen nachweisen die diametral zum Parteiprogramm und den postulierten Werten standen.