Forensische Psychiater : Von Missbrauch bis Mord
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Täter und Tat begreifen

Die Herausforderung – und den größten Reiz seiner Arbeit – sieht Leygraf deshalb darin, den Täter und seine Tat zu begreifen. Manchmal kommt er sich dabei vor wie ein Detektiv, der Stück für Stück ein Puzzle zusammensetzt. »Es kommt darauf an, alle Quellen zusammenzubringen. Was erzählt mir der Täter selber? Was weiß ich über den Tatablauf, die Motive, was ergibt sich während der Gerichtsverhandlung?«

Leidet beispielsweise ein Stalker, der seine Exfreundin verfolgt, unter einer so schweren narzisstischen Störung, dass er sich selbst und fremde Gefühle nicht richtig einschätzen kann? Oder ist er eine »akzentuierte Persönlichkeit«, die durchaus in der Lage sein sollte, der Situation angemessen zu handeln? Von Leygrafs Einschätzung hängt in diesem Fall ab, ob auf den Mann nach einer Verurteilung eine Gefängnisstrafe oder die Einweisung in eine forensische Klinik wartet. »Damit trägt man natürlich eine große Verantwortung«, sagt er.

Als junger Arzt wird er dabei von erfahreneren Kollegen unterstützt und begleitet. Erste Gutachten zur Schuldfähigkeit müssen alle Psychiater schon während der Facharzt-Weiterbildung schreiben, für die Schwerpunktbildung Forensik zählt dann vor allem die berufliche Praxis. Das Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) verlangt zum Beispiel 70 Gutachten. Dabei dient das Zertifikat aber nur der Qualitätssicherung innerhalb der Ärzteschaft. Welche Gutachter vor Gericht zugelassen werden, wird von Bundesland zu Bundesland und teilweise sogar von Gericht zu Gericht unterschiedlich gehandhabt.

Wann ist ein Täter zurechnungsfähig, wann ein Zeuge glaubwürdig?

Ein forensischer Gutachter muss deshalb auch nicht zwingend in der Forensik, sprich im Maßregelvollzug arbeiten. So arbeitet auch Leygraf in einer allgemeinen Psychiatrie am evangelischen Krankenhaus in Bielefeld. Er wird vom Gericht bei einzelnen Verfahren als Gutachter hinzugezogen. Dabei geht es nicht immer um die Beurteilung der Schuldfähigkeit, sondern manchmal auch um die Glaubwürdigkeit von Zeugen, zum Beispiel von Kindern oder von Opfern von Straftaten.

Nur Fortgeschrittene dürfen dagegen sogenannte prognostische Gutachten erstellen, die es bei Behandlungserfolgen erlauben, die Sicherheitsmaßnahmen für Straftäter zu lockern, oder die zu einer schrittweisen Entlassung raten. »Dazu gehört langjährige Erfahrung, für die man zunächst einmal viel hospitieren muss«, erklärt Nahlah Saimeh. Wenn ein Patient entlassen werde, dann nur schrittweise und unter Auflagen.

Auch Claudia Limmer hat die Wiedereingliederung von geheilten Patienten begleitet. »Das Risiko ist dem Team in der Forensik immer bewusst«, sagt sie. »Aber wenn jemand sich über Jahre hinweg immer weiter gebessert hat und alle Prognosen günstig sind, dann muss man den Schritt auch irgendwann machen.«

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Was mir unklar ist,

unklar war und ich auch noch keinen rechten Weg sehe: Mit welchen methodischen Werkzeugen werden prognostische Gutachten estellt.

Welche objektiven Verhaltens- Reaktionsweisen, Messergebnisse, Hormonspiegel, oder was auch immer lassen sich zu einer Art Hochrechnung verknüpfen, objektivierbar und nicht nur auf einem letztlich subjektiven Bauchgefühl beruhend.

Denn auch hier lese ich wiederum (nur): "Nur Fortgeschrittene dürfen dagegen sogenannte prognostische Gutachten erstellen, die es bei Behandlungserfolgen erlauben, die Sicherheitsmaßnahmen für Straftäter zu lockern, oder die zu einer schrittweisen Entlassung raten. »Dazu gehört langjährige Erfahrung, für die man zunächst einmal viel hospitieren muss«"

"Langjährige Erfahrung" ist gut, aber auch hinreichend?

C.

Das Opfer im Mörder ist die unkalkulierbare Gefahr

Ich habe kürzlich das Buch „Das Serienmörder-Prinzip“ von Stephan Harbort gelesen und kann es nur empfehlen. Vor allem wird in dem Buch auch deutlich, dass die meisten Mehrfachtäter eines gemeinsam haben: Eine von häufiger und extremer Gewalt und Vernachlässigung geprägte Kindheit.

Die Täter sind innerlich schwer gespalten, was ihnen zum einen überhaupt ermöglicht, jegliches Mitgefühl auszublenden, wenn sie morden und sie zum anderen besonders gefährlich macht, da sie immer auch eine "normale" Seite haben. Wenn durch äußere Umstände das „Opfer im Täter“ geweckt wird, wechselt die Person blitzschnell in ihren abgespaltenen Teil und wird brandgefährlich.

Ich selbst konnte dies als Zivi in einer Drogentherapieeinrichtung beobachten. Die Klienten waren im Alltag oft wie emotionale Kinder. Aber wehe wenn ihre abgespaltene Seite geweckt wurde (durch Konflikte, einen abfälligen Blick, Krisen, schlechte Nachrichten usw.) , da wurde dann schon mal das Büro der Therapeuten zerstört usw.

Erst wenn ein Täter einen emotionalen Zugang zu dem Opfer, das er selbst war, findet, wäre er mit eine gewissen Wahrscheinlichkeit entschärft. Doch schon Menschen, die nicht gemordet haben und ähnliche Kindheiten hatten, haben es sehr schwer, diesen Zugang zu finden. Insofern bin ich persönlich dafür, dass jemand der wirklich gezielt und brutal gemordet hat (erst recht bei Mehrfachtätern), lebenslang auf die eine oder andere Art staatlich unter Kontrolle stehen muss.