Forensische PsychiaterVon Missbrauch bis Mord

Den Straftäter und seine Tat begreifen – das gehört zur Arbeit von forensischen Psychiatern. von Olaf Tarmas

Selten stehen forensische Psychiater im Rampenlicht, und wenn, dann ziehen sie oft den Volkszorn auf sich – weil sie mit ihren Gutachten vermeintliche Bestien zu kranken Menschen erklären. Das Verfahren gegen den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik ist so ein spektakulärer Fall. Nahlah Saimeh, Direktorin im Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn, ärgert sich über den schlechten Ruf in Teilen der Bevölkerung, unter dem die Arbeit der Forensik nach wie vor leidet. »Forensische Psychiater gelten vielen noch immer als naive Gutmenschen, die sich von gemeingefährlichen Straftätern hinters Licht führen lassen und sie vorschnell entlassen.« Doch in der Realität sei genau das Gegenteil der Fall. Forensische Psychiater seien professionelle Risikoanalytiker, die oft sehr aktiv vor Gefahren warnen, die von Tätern ausgehen, die nach juristischen Gesichtspunkten längst entlassen werden könnten. »Psychisch kranke Straftäter verbringen oft mehr als doppelt so viel Zeit im Maßregelvollzug, als sie es in einem Gefängnis tun würden.«

Maßregelvollzug – MRV – so heißt die Unterbringung von Tätern, die aufgrund ihrer Schuldunfähigkeit nicht zu einer Haftstrafe verurteilt werden können. Statt der Justizvollzugsanstalt wartet die forensische Abteilung einer psychiatrischen Klinik auf sie. Dort werden psychisch kranke Straftäter hinter dicken Mauern, Panzerglas und Sicherheitsschleusen untergebracht, bewacht von einem eigenen forensischen Sicherheitsdienst. Zumeist sind es Patienten mit schizophrenen Psychosen, Drogenabhängigkeiten und schweren Persönlichkeitsstörungen.

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Die Psychiaterin Claudia Limmer wird vom kommenden Jahr an im Klinikum München-Ost im MRV arbeiten, wo sie auch bereits im Rahmen ihrer Weiterbildung zur Fachärztin mehrere Jahre gearbeitet hat. »Ich war nur am ersten Tag beeindruckt von dem massiven Sicherheitsapparat«, erzählt die 47-Jährige, »aber im Kontakt mit den Straftätern habe ich mich erstaunlicherweise auch zu Anfang meiner Tätigkeit nie beklommen oder ängstlich gefühlt.« Dabei hat sie es mit der ganzen Bandbreite schwerer Straftaten zu tun, vom Missbrauch bis zum Mord.

Bislang gab es noch keinen Patienten, mit dem Claudia Limmer aufgrund der Schwere seiner Tat nicht hätte arbeiten wollen. Limmer hat gelernt, differenziert auf ihre Patienten zu blicken. »Das sind ja oft sehr gequälte Menschen.« Sie berichtet von einem psychotischen jungen Mann, der den Freund seiner Mutter erstochen hatte, um sie vor ihm zu beschützen. Er hatte unter akustischen Halluzinationen gelitten und Stimmen gehört, die ihn zu der Tat getrieben hatten. »Natürlich ist mir bewusst, dass das eine schreckliche Tat ist – aber ich weiß eben, dass auch dahinter ein menschliches Schicksal steht, das gewürdigt werden sollte.« Gegenüber Freunden und Verwandten erweist sich ihre Tätigkeit indes immer wieder als erklärungsbedürftig. »Einige können zunächst nicht verstehen, wie die Arbeit mit ›solchen Menschen‹ mir Freude bereiten kann.«

Ein differenzierter Blick

Im Vergleich zur Arbeit in einer allgemeinen Psychiatrie hat der Job im Maßregelvollzug aus Limmers Sicht aber sogar überraschende Vorteile: »Als Therapeuten haben wir wesentlich mehr Zeit, mit den Patienten zu arbeiten. Wir stehen nicht unter dem Druck der Krankenkassen, die Patienten möglichst schnell wieder nach Hause zu schicken, sondern können sie über Jahre begleiten. Es ist äußerst befriedigend, wenn ich mitverfolgen kann, wie ein Patient Fortschritte macht, vielleicht einen Schulabschluss nachholt oder eine Ausbildung anfängt und sich am Ende wieder in die Gesellschaft eingliedern kann.« Auch dann, wenn derjenige einen Mord oder sexuellen Missbrauch begangen hat?

Nahlah Saimeh kennt diese Fragen und hat für sich eine ähnliche Antwort gefunden wie Limmer. »Ich finde es sehr befriedigend, Menschen mit extrem schwierigen Biografien zu einer Art zweiter sozialer Geburt zu verhelfen«, erklärt sie. »Zugleich leistet man einen wichtigen Dienst an der Gesellschaft, indem man sie vor gefährlichen Tätern schützt.«

Die öffentliche Vorstellung von psychisch kranken Tätern ist vielfach von Hollywood-Typen wie Hannibal »The Cannibal« Lecter aus Das Schweigen der Lämmer geprägt. Für Jan Leygraf hat das wenig mit seiner Arbeitswirklichkeit zu tun. Der 33-Jährige hat nach fünf Jahren Weiterbildung gerade seinen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie gemacht und steht am Anfang seiner Laufbahn als forensischer Gutachter. Seine Aufgabe: zu prüfen, ob ein Straftäter schuldfähig ist – oder ob sein Vergehen einer psychischen Krankheit geschuldet ist. »Bei schizophrenen Straftätern sind die Fälle meistens relativ eindeutig und unstrittig«, erzählt Leygraf. »Schwierig sind dagegen Fälle, bei denen man eine schwere Persönlichkeitsstörung des Täters vermutet.« So leiden Erstere sehr offensichtlich unter Halluzinationen und Realitätsverlust, während Letztere oft noch ein klareres Bild von der Wirklichkeit haben und damit zurechnungsfähiger erscheinen. 

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