Annika Bruns poltert die Treppen in ihrer neuen WG nach oben, rennt in ihr Zimmer, kramt im Schrank und kommt mit ihrem Abi-T-Shirt zurück. Ein schwarzes Stück Stoff, ein Andenken an 13 Jahre Schule. "Wir pockerten um jeden Punkt" steht in weißen Buchstaben darauf. "Wir sind wohl der einzige Abiturjahrgang, der einen Rechtschreibfehler auf dem Abi-Shirt hat", sagt die 21-Jährige und grinst. Vor zwei Jahren hat Annika Abitur gemacht, jetzt studiert sie im zweiten Semester an der Leuphana Universität Lüneburg Kulturwissenschaften und BWL.

Auf Annikas Couch sitzt Seraphina Rekowski und trinkt Kakao. Die 19-jährige Hamburgerin ärgert sich genau wie Annika über das Abiturmotto ihres Jahrgangs: "Noch mehr Bildung wäre arrogant". Peinlich findet sie das. Annika und Seraphina kennen sich erst einen Tag – und doch verschmelzen ihre Welten gerade miteinander. Die zwei jungen Frauen haben sich durch die Internetplattform Quaestia kennengelernt. Über die Website können Schüler Studenten kontaktieren, um sie dann eine Woche lang an der Universität zu begleiten. Quaestia ermöglicht den Gymnasiasten deutschlandweit einen Blick hinter die Kulissen eines Hochschulstudiums. Die Schüler wohnen bei den Studenten, gehen mit in die Vorlesungen, essen in der Mensa und feiern mit auf WG-Partys.

"Studium ist viel besser als Schule, weil man nicht mehr das machen muss, was man nicht mag", glaubt Seraphina. Sie möchte Politik und Geschichte studieren. Am liebsten will sie an eine kleine Universität mit guter Betreuung – und weit weg. Vielleicht nach Tübingen oder Konstanz. Schon jetzt freut sie sich darauf, ihr Zimmer einzurichten, Möbel auszusuchen und die Wände goldgelb zu streichen. Angst vor dem Studium habe sie nicht, nur davor, dass sie sich für das falsche Fach entscheiden könnte. Zu unübersichtlich seien die Homepages vieler Universitäten, sagt sie, wirklich gut informiert fühle sie sich durch die Webauftritte nicht.

"Viele haben Angst, weil sie die Studenten nicht kennen"

Um Schülern die Wahl des Studienfachs zu erleichtern und etwas gegen die hohen Abbrecherquoten zu unternehmen, haben sieben Studenten aus Konstanz und Freiburg Quaestia ins Leben gerufen. Sie wollen vermeiden, dass Studienanfänger vom Studium enttäuscht werden, weil sie sich nicht informiert haben oder zu wenig in Erfahrung bringen konnten. "In den Beschreibungen der Studiengänge wird oft viel zu ungenau erklärt, wie das Studium wirklich ist, welche Inhalte in den einzelnen Fächern eine Rolle spielen", sagt eine der Gründerinnen, Anna Eckermann. Für eine absolvierte Schnupperwoche erhalten die Studenten ein Zertifikat für ihr soziales Engagement vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie 30 Euro Aufwandsentschädigung von den Schülern.

Seraphina hat im Internet einen Artikel über Prüfungsangst gesucht und ist so auf Quaestia gestoßen. "Die Website war noch nicht eingerichtet, aber ich habe eine E-Mail an die Ansprechpartner geschrieben, weil ich das Uni-Leben unbedingt mal kennenlernen wollte." Seraphina war begeistert von der Idee der Schnupperwochen und erzählte ihren Klassenkameraden davon, doch niemand traute sich, auch an dem Programm teilzunehmen. "Viele haben Angst, weil sie die Studenten nicht kennen. Man kann eben nie wissen, ob man sich verstehen wird oder nicht."

Seit die Homepage im März online gegangen ist, haben sich schon knapp 300 Studenten und 227 Schüler für ein Schnupperstudium eingetragen. Bislang fanden fünf Schnupperwochen statt, mehr als hundert weitere wurden zwischen Schülern und Studenten vereinbart. "Wir müssen an den Schulen noch besser informieren, damit mehr Schüler auf uns aufmerksam werden", sagt Anna Eckermann. An den Universitäten hat Quaestia Hochschulvertreter, aber an die Schulen kommen die Organisatoren schwerer heran. "Da müssen wir stärker Werbung für das Projekt machen."