Barbara RiekmannSchulen zu Palästen

Barbara Riekmann verlässt nach 25 Jahren die preisgekrönte Max-Brauer-Schule – ihre Ideen haben das Lernen verändert von 

Es gibt Sätze, die würde Barbara Riekmann am liebsten in den Beton vor ihrer Schule meißeln. Jetzt, da es darum geht, das wirklich Wesentliche zu hinterlassen. Kurz vor dem Ruhestand, nach 25 Jahren als Schulleiterin. »Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht«, ist so ein Satz. Denn Zeit, sich zu entwickeln, brauchen nicht nur Kinder. Auch Schulen lassen sich nicht über Nacht verändern.

Dass Barbara Riekmann 25 Jahre lang an ihrer Vision für die Max-Brauer-Schule (MBS) in Hamburg festhielt, zeigt, wie viel Energie in dieser Frau steckt. Als die MBS Ende der siebziger Jahre als Gesamtschule aus einer Grund-, Haupt- und Realschule hervorging, gehörte sie zu den »Brennpunktschulen«. Kinder aus mehr als 25 Nationen, Eltern am Rande des Existenzminimums.

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Um mit Schülern zu arbeiten, denen nicht alles zuflog, die wenig Unterstützung von zu Hause bekamen, war Barbara Riekmann Lehrerin geworden. Ihnen wollte sie Chancen geben. Sie selbst war ein Arbeiterkind, profitierte vom Hamburger Aufbaugymnasium und hat so erfahren, was alles möglich wird, wenn es Menschen gibt, die an andere glauben.

Auch deshalb hat Barbara Riekmann den Gedanken an eine »Schule für alle« bis heute nicht aufgegeben. »Für mich stand die Gesamtschulidee für mehr Chancengleichheit und mehr Gerechtigkeit«, sagt sie. Wobei ihr immer bewusst war, dass diese Schulen nicht ohne den Beweis der Leistungsfähigkeit auf breite Akzeptanz stoßen würden. Zwei Zahlen sind ihr deshalb wichtig: Rund 40 Prozent ihrer Schüler kommen mit einer Gymnasialempfehlung an ihre Schule, aber fast 70 Prozent schaffen nach der 10. Klasse den Übergang in die gymnasiale Oberstufe. Riekmann weiß, dass sie an solchen Zahlen gemessen wird, auch wenn ihr andere Erfolge fast mehr bedeuten. Zum Beispiel der Deutsche Schulpreis, den die MBS 2006 für ihre Experimentierfreude und ihren Wagemut erhielt.

Dabei hatte Riekmann ihren Kollegen einfach nur erlaubt »zu träumen«. Ein Jahr lang trafen sich fünf ältere und fünf jüngere Kollegen in der »Traumgruppe« und entwickelten das Bild ihrer Wunschschule. Eine Schule ohne 45-Minuten-Takt, ohne starre Aufteilung in Fächer, mit Projektunterricht und Werkstätten.

Die Traumgruppe überzeugte den Rest des Kollegiums, 2005 nahm die »Neue MBS« ihre Arbeit auf. Deutsch, Mathe und Englisch werden seitdem in Lernbüros unterrichtet. Jeder Schüler nimmt sich dort die Zeit zum Lernen, die er braucht, dokumentiert seine Fortschritte in einem blauen Lerntagebuch, Noten gibt es erst ab Klasse neun.

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