Film "Helden der Aufklärung"Voltaire ja, Kant nein

Kann man mit Chinas Fernsehen einen Film über die Aufklärung machen? Arte und BBC haben es gewagt. von 

Das Herrenhaus Monticello von Thomas Jefferson in Virginia

Das Herrenhaus Monticello von Thomas Jefferson in Virginia   |  © ZDF/Sheila Hayman/Renegade Pictures (UK) Ltd. 2011

Was schätzen wir an unserer heutigen Welt am meisten?«, fragt eine Stimme aus dem Off. Wir sehen Aufnahmen von Menschen, lachend und debattierend im Café. »Die Freiheit, uns zu amüsieren«, antwortet die Stimme, »zu streiten und zu diskutieren, unsere Meinung zu sagen, zu lesen, zu schreiben.« Wir sehen Menschen, die Bücher kaufen, Menschen an Computern. Und all das, was wir heute so schätzen, erklärt die Stimme weiter, begann im ausgehenden 17. Jahrhundert, mit dem Zeitalter der Aufklärung.

Dieser Auftakt wäre nicht der Rede Wert, handelte es sich um ein europäisches Selbstgespräch. Der TV-Zweiteiler Helden der Aufklärung aber ist das Ergebnis einer chinesisch-europäischen Zusammenarbeit. Es ist die erste dieser Art überhaupt. Beteiligt sind Arte, das ZDF, die britische Produktionsfirma Renegade Pictures, BBC World und der staatliche Sender Beijing TV. Am Samstag, dem 30. Juni, sind die Filme auf Arte zu sehen, im Juli dann in China – landesweit und zu bester Sendezeit, so versichert es die in London und Peking lebende chinesische Produzentin der Dokumentation, die Autorin Sun Shuyun.

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Darüber, wie die Chinesen den Film aufnehmen werden, lässt sich nur spekulieren. Als Exkurs in eine exotische Vergangenheit? Als Auseinandersetzung mit einem aktuellen historischen Thema? Oder gar als zynisch? »Die Freiheit, unsere Meinung zu sagen« jedenfalls gehört nicht gerade zum chinesischen Alltag. Erst kürzlich fand man den Bürgerrechtler Li Wangyang unter ominösen Umständen erhängt in seinem Krankenhauszimmer; nach 22 Jahren war er 2011 freigekommen, blind, versehrt durch Folter. Der Schriftsteller Liao Yiwu, der in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, fand 2010 in Deutschland Zuflucht. Und erst vor zwei Wochen sagte eine Delegation chinesischer Fernsehmacher ihre Teilnahme an einem Filmfestival im britischen Sheffield ab, weil die Veranstalter sich geweigert hatten, den Film Ai Weiwei: Never sorry aus dem Programm zu nehmen. Die Chinesen wollten unter anderem anreisen, um über mögliche Kooperationen nachzudenken.

Film

»Helden der Aufklärung«,

Arte, Samstag, 30. Juni, 20.15 Uhr (Teil 1) und 21.05 Uhr (Teil 2)

Unter diesen Umständen ist die Produktion Helden der Aufklärung wahrlich erstaunlich. Das Lob der Meinungsfreiheit zieht sich durch beide Folgen; die erste über die Macht des Wissens, über Newton, Voltaire, Diderot, das Erdbeben von Lissabon; die zweite über die Veränderung der Gesellschaft, über den aufgeklärten Absolutismus in Preußen, die Gründung der USA, die Französische Revolution.

Der Film, sagt die britische Regisseurin Sheila Hayman, sollte kein »Museumsstück« werden, dessen Inhalte in der alarmgesicherten Vitrine liegen. Eine Anspielung auf die Ausstellung Die Kunst der Aufklärung, die von April 2011 an für ein Jahr in Peking zu sehen war, initiiert und kuratiert von drei deutschen Museen. An der Zehn-Millionen-Euro-Schau gab es hierzulande viel Kritik, zumal zwei Tage nach Eröffnung der Dissident Ai Weiwei hinter Gitter kam. Die Aufklärungskunst als Feigenblatt für ein autoritäres Regime? Die Ausstellung hatte trotz der langen Dauer nur 450.000 Besucher. Sun Shuyun regte deshalb eine TV-Dokumentation an. Die Helden der Aufklärung sind also eine Fortsetzung der Ausstellung mit den Mitteln des Fernsehens.

Sun Shuyun

Im nordchinesischen Harbin geboren, lebt die Autorin und Filmemacherin heute in London und Peking. 2006 erschien ihr Buch »Maos langer Marsch. Mythos und Wahrheit«

Gedreht wurde mit kleinem Etat, ohne nachinszenierte Spielszenen. Eine elegante Dokumentation ist es geworden, die ganz auf die Strahlkraft der Objekte und Gemälde vertraut. Die Zusammenarbeit mit Beijing TV habe sich dabei harmonisch gestaltet. Keine Zensurwünsche? »Keine«, sagt Sun Shuyun. »Keine«, sagt auch Sheila Hayman. »Keine«, bestätigt der seitens Arte und des ZDF zuständige Redakteur Hans Robert Eisenhauer. Aber wird in der chinesischen Fassung denn derselbe Off-Kommentar zu hören sein? »Keine Garantie«, sagt Eisenhauer; das sei nicht vertraglich geregelt. »Das wissen wir nicht«, sagt Sheila Hayman. »Meines Wissens wurde nichts geändert«, sagt Sun Shuyun.

Wichtiger aber sind womöglich ganz andere Fragen. Was China eigentlich an der Geschichte der europäischen Aufklärung interessiert. Was westliche Beobachter glauben, wofür die Chinesen sich dabei interessieren sollten. Und warum zwischen beidem mitunter ein tiefer Graben klafft.

Leserkommentare
  1. Die Chinesen machen es auch nicht anders, als die deutschen Medien: Die unangenehmen Teile der Aufklärung werden fachgerecht ignoriert. Aus dem Rest wird eine lustige Folklore gemacht. So kann sich auch die KP und der Machtapparat mit dem eigentlich schwierigen Kapitel anfreunden und dieses für sich vereinnahmen.
    So wird aus einem scharfen Schwert ein stumpfer Zahnstocher.
    Eigenes Denken ist unerwünscht.

    Aber bitte: Warum sollten die dort höheren Ansprüchen genügen, als er hier üblich ist?

    Eine Leserempfehlung
  2. Die traditionelle Kirche hat zwar ausgedient, verdient aber weiterhin Respekt, keine Bekämpfung. Die zeitgemäße Kirche der totalen Inkarnation in Form der empirischen Wissenschaften ist die neue heutige Wirklichkeit. Da es aber ungewiss ist, wohin sie führt, gebührt ihr bewusste Aufmerksamkeit und Zuwendung.

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